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Jobwunder hat Schattenseiten

Saisonale und konjunkturelle Einflüsse wirken sich auf den regionalen Arbeitsmarkt aus

  • Von Martin Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Anzahl der Erwerbslosen steigt in Berlin neuerdings an. Exakt 150 150 Menschen waren Ende Dezember vergangenen Jahres ohne Arbeit - 1375 mehr als im November und 3411 mehr als noch vor einem Jahr. Hinzu kommen jene Menschen, die in sogenannten Maßnahmen und Fortbildungen geparkt waren. Dass sich die Anzahl von Menschen ohne Arbeit im Winter erhöht, ist unterdessen an sich nichts Ungewöhnliches. Die jahreszeitlichen Schwankungen wirken sich auf den Arbeitsmarkt aus, es wird von sogenannten saisonalen Effekten gesprochen. In der Bauwirtschaft beispielsweise gibt es im Winter weniger zu tun. Nur schlagen in diesem Jahr diese Effekte deutlicher durch, als zu erwarten war.

»Auf dem robusten Berliner Arbeitsmarkt setzen sich zwei ambivalente Tendenzen fort«, sagt Bernd Becking, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Zum einen steige die Beschäftigung weiter dynamisch an - das sogenannte Berliner Jobwunder setzt sich mit rund 50 000 neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen also fort. »Jede Woche entstehen in Berlin rund 1000 neue Arbeitsplätze«, so Becking. Besonders im Gesundheitswesen, in den Bereichen Information und Kommunikation, Erziehung und Unterricht wachse die Beschäftigung.

Es gibt aber auch Schattenseiten: nicht nur, dass jüngst große Fabriken wie beispielsweise die Zigarettenfabrik von Philip Morris mit fast 1000 Arbeitsplätzen in Neukölln zum 1. Januar dieses Jahres schließen mussten. Darüber hinaus macht sich auch in Berlin und der Region die allgemeine konjunkturelle Flaute bemerkbar. Zwar wuchs das Bruttoinlandsprodukt in der Hauptstadt 2019 nach Einschätzungen des Senats um fast zwei Prozent. Aber die weltweite Handelskrise, die Ängste vor dem bevorstehenden Brexit und andere Krisen haben Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung.

»Trotz der insgesamt guten wirtschaftlichen Lage in Berlin zeigen sich hier die Spuren der konjunkturellen Schwäche«, sagt Becking. Die Arbeitsagenturen würden zudem mehr Zugänge aus Erwerbstätigkeit in Arbeitslosigkeit registrieren und zählten weniger Personen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus einen neuen Job fanden, so der Chef der regionalen Arbeitsagentur. Ein weiterer Faktor, der die Anzahl der Arbeitslosen erhöht, ist, dass mehr Geflüchtete Sprach- und Weiterbildungskurse erfolgreich absolviert haben und nun auf Arbeitssuche sind. Becking ist es aber auch wichtig, auf erfreuliche Entwicklungen hinzuweisen wie den Rückgang der Anzahl der Langzeitarbeitslosen, die im Vergleich zu 2018 »substanziell« abgenommen habe. Außerdem sind seit der Jahreswende über 14 500 Haushalte weniger auf Grundsicherung angewiesen als im Jahr zuvor.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) forderte angesichts der neuen Arbeitsmarktzahlen und der sich eintrübenden Konjunktur, dass »Senat und Bezirke die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, die Wachstum möglich machen und nicht behindern«. Berlin schwebe nicht im luftleeren Raum, sondern sei einer von vielen miteinander vernetzten Wirtschaftsstandorten, erklärte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin. »Als solcher befinden wir uns in einem entsprechend verschärften Konkurrenzkampf um die besten Ideen, Köpfe und Unternehmen.«

Derweil forderten die Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg, dass keine neuen Hürden für die Beschäftigung wie das Verbot von Befristungen, von Zeitarbeit in der Pflege oder ein höherer Mindestlohn eingezogen werden. Das wären deutliche Bremsen »für die Integration von Schwächeren und Benachteiligten in den Arbeitsmarkt«, hieß es.

Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (LINKE) wies angesichts der jüngsten Entwicklungen darauf hin, dass sich die positive Beschäftigungsentwicklung auch 2020 fortsetzen werde. Auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) freute sich über ein »robustes Wachstum«. »Für Berlin stimmt die dynamische wirtschaftliche Entwicklung zuversichtlich, dass es einen weiteren Zuwachs an Arbeitsplätzen geben wird«, so die Wirtschaftssenatorin.

Für die Arbeitssenatorin sind die Zahlen indes nur eine Seite. Es gehe vielmehr auch um die Qualität von Arbeit. »Auch in diesem Jahr setzen wir den Schwerpunkt unserer Arbeitsmarktpolitik ganz klar auf Gute Arbeit«, sagte Breitenbach. Dazu gebe es keine Alternative, wenn man die wertschöpfende Arbeit der abhängig Beschäftigten nicht diskreditieren wolle. »Arbeit muss zu einem auskömmlichen Leben und zu einer armutsfesten Rente reichen«, betonte Breitenbach. Die Senatorin forderte zudem, dass die Unternehmen ihre Arbeitsbedingungen verbessern, damit sie ausreichend und gut qualifiziertes Personal finden.

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