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Gewichtheben: IOC richtet Disziplinarkommission ein

Dopingvertuschung, Korruption, schwarze Kassen - in einer ARD-Doku wird der Gewichtheber-Weltverband belastet

  • Lesedauer: 3 Min.

Berlin. Für das dopingverseuchte Gewichtheben steht die nächste große Krise an: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat nach dem Dopinggeständnis der thailändischen Gewichtheberin Rattikan Gulnoi eine Disziplinarkommission unter der Leitung des Schweizers Denis Oswald eingerichtet. Die Olympiadritte von London 2012 hatte in der ARD-Dokumentation »Geheimsache Doping - Der Herr der Heber« vor verdeckter Kamera erklärt, Anabolika genommen zu haben. Ihr droht der Entzug der Bronzemedaille.

Doch das ist längst nicht das größte Problem für eine Sportart, die bereits bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 auf dem Wettkampfprogramm stand: Wie die ARD-Dokumentation zu belegen versucht, soll der Weltverband IWF unter Leitung seines langjährigen Präsidenten Tamas Ajan aus Ungarn in den vergangenen 20 Jahren ein illegales System etabliert haben, dessen Entdeckung nun die Debatte um das Olympia-Aus der Sportart wieder befeuern dürfte.

Schwerwiegendster Vorwurf gegen den IWF-Präsidenten aus Ungarn: Unterschlagung. Bis zum Jahr 2009 sollen enorme Zahlungen des IOC aus der Olympiavermarktung in den Bilanzen der IWF nicht aufgetaucht sein. Nach ARD-Informationen könne der 80-jährige Ajan, seit 2000 im Amt, den Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar nicht erklären. Der Schweizer Gutachter Mark Pieth, Professor für Strafrecht an der Uni Basel, sieht den Anfangsverdacht für drei Straftaten als gegeben an. Ajan nahm auf mehrere ARD-Anfragen hin nicht inhaltlich Stellung zu den Vorwürfen.

Das IOC bezeichnete die geschilderten Dokumentation »ernst und besorgniserregend«. Zugleich wies das IOC in einer Mitteilung am Montag die Behauptung der ARD zurück, ebenfalls im Besitz der meisten vorliegenden Dokumente zu sein, auf denen der Film basiert. »Dies gilt für die Unterlagen zur Dopingstatistik und für die Unterlagen zu den mutmaßlichen finanziellen Unregelmäßigkeiten«, hieß es. Für die Überwachung der Einhaltung der Dopingregeln sei allein die Welt-Antidoping-Agentur WADA verantwortlich: »Das IOC vertraut voll und ganz auf die WADA-Verfahren zur Überwachung der Einhaltung der Bestimmungen durch den Gewichtheber-Weltverband und erwartet, dass diese Anschuldigungen vom IWF vollständig geklärt werden.«

Die thailändische Gewichtheberin Rattikan Gulnoi hatte in der Doku vor verdeckter Kamera Anabolikaeinnahme eingeräumt und zudem bestätigt, dass es Kinderdoping in Thailand gegeben habe - trotz bekannter Nebenwirkungen: »Als ich es nahm, hatte ich einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart«, sagt Gulnoi in dem Film. Die Verantwortlichen hätten sich nicht um die Gesundheit der Athleten gekümmert, die Jüngsten hätten bereits »mit 13 in nationalen Wettbewerben« gedopt, so Gulnoi, die 2014 Weltmeisterin wurde, in ihrer Karriere aber nie aufflog.

Thailand gilt im internationalen Gewichtheben als großer Dopingsünder, wurde 2019 sogar von der WM im eigenen Land ausgeschlossen. Doch auch Länder wie Ägypten, Aserbaidschan, Russland oder Georgien sorgen immer wieder für negative Schlagzeilen. Seit dem Jahr 2000 wurden mehr als 700 Dopingfälle aufgedeckt, über die Dunkelziffer kann nur spekuliert werden.

Zudem liegen der ARD-Dopingredaktion Hinweise vor, dass von der IWF beauftragte Dopingkontrolleure womöglich von der ungarischen Antidoping-Agentur HUNADO Geld als Gegenleistung für das Akzeptieren manipulierter Dopingproben angenommen haben. In zahlreichen Ländern soll die IWF wenige oder keine Dopingproben durchgeführt haben. Die ungarische Antidoping-Agentur hat die Vorwürfe am Montag »vollständig« zurückgewiesen.

Das IOC hatte zuletzt auf die unrühmliche Entwicklung reagiert und der IWF ab 2017 nur noch den Status der bedingten Aufnahme ins Programm der Olympischen Sommerspiele 2024 eingeräumt. Im März 2019 jedoch wurden die Auflagen wieder gelockert, wegen angeblich »enormer Fortschritte«. Diese Einschätzung der wird der Ringe-Orden sicherlich noch einmal überprüfen. nd/Agenturen

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