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»Heißer Januar« ohne kühles Bier

Beschäftigte der Gilde-Brauerei in Hannover streiken ab Donnerstag für eine Tarifbindung

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Auseinandersetzung um die Tarifbindung bei der Gilde-Brauerei in Hannover hat der »heiße Januar« begonnen. Die Beschäftigten im Süden der Landeshauptstadt sind ab Beginn der Frühschicht am Donnerstagmorgen zu einem Warnstreik aufgerufen, wie die Geschäftsführerin Lena Melcher von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) gegenüber »nd« bestätigte. Gefordert wird die sofortige Aufnahme von Verhandlungen über eine Rückkehr zu den für das niedersächsische Brauereigewerbe gültigen tariflichen Einkommen und Arbeitsbedingungen.

»Die Beschäftigten drängen auf den Arbeitskampf«, beschreibt Melcher die Stimmung im Betrieb. Der Streik sei notwendig, um die Geschäftsleitungen des mittlerweile in vier Firmen aufgesplitteten Betriebs an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Brauerei gehört seit 2016 der TCB-Beteiligungsgesellschaft aus Frankfurt/ Oder und ist damit Teil eines der größten Konzerne der deutschen Brauwirtschaft. Ende November hatten die Konzernchefs in einer Nacht- und Nebelaktion ohne Einbeziehung des Betriebsrats und unter Androhung brachialer Gewalt die Aufspaltung des Hannoveraner Betriebs in vier separate Gesellschaften durchgezogen (»nd« berichtete). Damit soll offenbar die Belegschaft eingeschüchtert und der Betriebsrat als einheitliche Interessenvertretung zerschlagen werden.

»Wie sich die Betriebsspaltung förderlich auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit auswirken soll, ist uns völlig unklar«, heißt es in einem NGG-Papier. Die Aufteilung widerspreche dem alten Gilde-Prinzip »Zusammenschluss statt Spaltung« und trage nicht dazu bei, dass der Betrieb wieder »zur alten Stärke zurückfinden« werde, gibt die NGG zu bedenken und erinnert daran, dass Gilde vor fast 500 Jahren als Zusammenschluss aus mehreren Brauereien entstanden sei. »Die innerbetrieblichen Kommunkationswege wurden durch die Spaltung abgeschnitten und verkompliziert«, so die Gewerkschaft. Davor habe es hingegen eine abteilungsübergreifende Kommunikation der Beschäftigten miteinander gegeben. Allein die Ende November in den Betrieb eingezogenen Trennwände hätten 20 000 Euro gekostet. Das ist genauso viel, wie 2019 für eine betriebliche Altersversorgung angefallen wäre, so die NGG.

Dabei zeigten neueste Zahlen, dass Gilde im abgelaufenen Jahr entgegen dem bundesweiten Trend eines schrumpfenden Biermarktes mehr Bier produziert und abgefüllt habe, betont Melcher. Allein von 2016 bis 2018 habe es eine Umsatzsteigerung um 23 Prozent gegeben. Behauptungen der Geschäftsleitung über angebliche Verluste des Unternehmens in Millionenhöhe seien »nicht nachvollziehbar«, so die Gewerkschafterin.

Nach vier Jahren ohne Tarifvertrag sei es allerhöchste Zeit für die Herstellung einer Tarifbindung für alle Gilde-Beschäftigten, findet sie. Seit der Aufkündigung der Tarifbindung nach der Übernahme durch TCB im Jahre 2016 klaffen die Einkommen innerhalb der Belegschaft bei gleicher Arbeit weit auseinander. So beziehen Beschäftigte, die ab 2016 im Betrieb angefangen haben, mittlerweile im Schnitt 15 000 Euro pro Jahr weniger Lohn als Kollegen mit älteren Arbeitsverträgen. Aber auch unter den Altbeschäftigten, die noch Tarifansprüche geltend machen können, tun sich je nach Arbeitsvertrag neue Klüfte und Differenzen auf. In den vergangenen Jahren hat dies auch zu aufreibenden und aufwendigen Gerichtsverfahren geführt.

Die Streikenden bei Gilde stehen nicht alleine da und fanden schon in den vergangen Monaten Zuspruch von Gewerkschaften und Politik. Diesen Freitag erwarten sie eine Belegschaftsdelegation des sächsischen Nudelherstellers Teigwarenfabrik Riesa, die mit langem Atem eine Tarifbindung erzielen konnten. »Sie haben nicht lockergelassen, zusammengestanden und keinen Zweifel daran gelassen, dass sie bereit sind, einen längeren Kampf für einen Tarifvertrag aufzunehmen«, resümiert Thomas Lißner von der NGG Dresden-Chemnitz die Erfahrung in Riesa.

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