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Die entwendete Männlichkeit

Die Grundlage »echter« Männerfreundschaften ist Frauenfeindschaft: Über Incels und »WikiMANNia«

  • Von Veronika Kracher
  • Lesedauer: 6 Min.

Eigentlich könnten Männerrechtler einer fast schon leidtun. Den ganzen Tag sitzen sie, darauf lässt zumindest ihr Online-Verhalten schließen, vor dem Rechner, schreiben stilistisch unterirdische Texte gegen böse Feministinnen und den, natürlich dem Feminismus geschuldeten, Verfall der Gesellschaft - und fertigen sehr schlechte Memes an. Manchmal investieren sie ein paar Hundert Euro, um in Seminaren anderer Männerrechtler ihre von Frauen, der »Homolobby« und der »linksgrün versifften Political-Correctness-Agenda« entwendete Männlichkeit wieder zu entdecken. Und das, obwohl sie doch so wenig Geld haben, denn all ihr Vermögen haben sich angeblich nach der Scheidung von raffgierigen Ex-Ehefrauen und deren nach Unterhalt krähenden Blagen unter den Nagel gerissen. Ach, und generell, der weiße, heterosexuelle Cis-Mann hat es so richtig, richtig schwer.

Vorbei sind nämlich die Zeiten, in denen er uneingeschränkter Herrscher über die Welt, Krone der Schöpfung und sein Wort Gesetz war. Also, nein, eigentlich sind sie noch nicht vorbei: Noch immer leben wir in einem patriarchal strukturierten Kapitalismus, in dem Männer nach wie vor in Politik, Justizsystem, Wirtschaft, Kultursphäre und im Privaten die hegemoniale Position einnehmen. Aber nicht so für die Männerrechtler: Die sehen sich nämlich als Opfer einer »Feminisierung« der Gesellschaft - in der man Frauen gar nicht mehr anschauen darf, ohne dass einem sofort der Feminismus-Gulag droht, in dem man den ganzen Tag Rolf Pohl und bell hooks lesen und östrogenhaltige Sojaprodukte essen muss, wenn man nicht schon sofort kastriert worden ist.

Und dieser Feminisierung lässt sich nun einmal nur entkommen, indem man sich mit gleichgesinnten »Opfern« sowohl im Internet, als auch leider öfter in der Offline-Welt zusammenrottet, um noch echte Männerfreundschaften zu erleben. Dass die Grundlage dieser Männerfreundschaften Frauenfeindschaft ist, geschenkt. Treffpunkte dieser verunsicherten und gekränkten Würstchen sind unter anderem Organisationen wie »Men going their own way« (MGTOW), eine Gruppe, in der man dem Weiblichen entsagen will, indem man sämtliche längerfristigen als auch im Laufe des Besteigens des »eigenen Weges« kurzfristigen Kontakte zu Frauen abbricht und sich autark in den Männerbund zurückzieht. Selbstverständlich strikt heterosexuell, denn männliche Homosexualität ist natürlich viel zu nahe am verachteten Weibischen dran. Eine Ausnahme bildet der Quotenschwule Jack Donovan, von dem man sagen kann, dass er primär mit Männern schläft, weil ihm Sex mit Frauen gar nicht männlich genug ist; mit effeminierten Tunten will er jedoch nichts zu tun haben. Es gibt auch einen deutschsprachigen Ableger von »MGTOW« auf Facebook, der mit vor Realitätsnähe nur so triefenden Memes aufwartet. Zum Beispiel dem Bild einer Frau neben einem schlafenden Mann und dem Untertitel »Ich freu mich schon darauf wenn er aufwacht und ich ohne Grund einen Streit anfangen kann« (Interpunktion übernommen). Ach, das Leben als Mann, der sich fiktive Szenarien imaginiert und dann darüber wütend wird, muss ganz schön anstrengend sein! In anderen Postings zieht man über Feministinnen oder die Ehe her und wünscht sich ein Leben wie in den 1950ern zurück.

Sonst treffen sich deutsche Männerrechtler auf illustren Seiten wie »Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land« (Spoiler: Wir haben schon viel zu viel davon!) oder auf ihrem eigenen Wikipedia »WikiMANNia«. Das »Mann« steht in Versalien geschrieben, damit auch gar kein Zweifel aufkommen kann, um wen es hier geht - so fragil ist die eigene Männlichkeit. Feminismus wird dort übrigens als »ein skrupelloses Netzwerk aus narzisstischen Frauen und unterwürfigen Männern« betrachtet. Also - Feministinnen: skrupellos, Profeministen: alles rückgratlose Weicheier, richtige Männer: Opfer dieses organisierten Netzwerkes. Auf diesen Blogs wird sich eine Verschwörung herbeifantasiert, deren »Akteurinnen«, also feministische Aktivist*innen, »geoutet« werden, und gegen alles gehetzt, von dem man sich in seiner Männlichkeit bedroht und verunsichert fühlt. Und diese Männer fühlen sich von wirklich vielem verunsichert: nämlich allem, was ihrer weiterhin bestehenden, aber glücklicherweise immer mehr ins Wanken geratenden Position als Numero uno in der Welt als Bedrohung erscheint. Das sind: Feministinnen, queere Menschen, die als jüdisch konnotierte Moderne, vermeintlich hyperpotente Migranten, der »kulturelle Marxismus« und seit Neuestem auch Greta Thunberg. Sie fühlen sich so bedroht, fast könnten sie einer leidtun.

Fast. Denn Antifeminismus ist eine gefährliche Verschwörungsideologie, die die Einstiegsdroge in den Rechtsradikalismus darstellt. Es ist wenig verwunderlich, dass sich diese Maskulinisten als Opfer betrachten, denn die Täter-Opfer-Umkehr zählt zum Mechanismus der pathischen Projektion, der ein autoritärer und faschistischer Charakter innewohnt. Innere Widersprüche und geleugnete Wesenszüge werden ausgelagert und auf ein äußeres Feindbild (also Frauen) projiziert, das man dann stellvertretend umso vehementer verfolgen kann. Man inszeniert sich als Opfer, um das eigene Tätersein für sich selbst moralisch begründen zu können, und dieses Tätersein wird online, wie auch offline, ausgelebt. Auf Blogs, Webseiten und in Chatgruppen bilden sich gefährliche Echokammern, in denen sich die Männer gegenseitig zunehmend in ihrer projektiven Auffassung der Welt bestätigen und ihren Frauenhass als berechtigte Reaktion betrachten auf narzisstische Kränkungen wie beispielsweise Trennungen oder ein Date, auf das kein zweites folgt.

Leider wird in patriarchalen Verhältnissen Männern immer noch im Zwischenmenschlichen wie auch auf gesellschaftlicher Ebene vermittelt, ihnen stünden Frauen zu, weil Frauen Männern nun einmal zustehen, und dass Frauen Männer kränken, wenn sie ihr Recht auf Autonomie einfordern. Von Maskulinisten werden vermeintliche Beispiele für das Leid der Männer herangezogen: dass mehr Männer als Frauen in Gefängnissen säßen, mehr Männer als Frauen obdachlos seien oder Jungen in der Schule benachteiligt würden - die Gründe aber, wieso dem so ist, werden ignoriert.

Der Hass, nicht mehr einfach so das Recht zu haben auf eine klaglos jeden männlichen Wunsch erfüllende Frau, bleibt nicht in diesen virtuellen Echoammern, sondern wird in die reale Welt getragen: »Stell Dir eine Welt vor, in der jeder freie Mann feminismusfreies Wissen mit anderen teilen kann«, so der selbst auferlegte »Auftrag« der »WikiMANNia«-Betreiber. Diese Männerrechtler organisieren Kongresse und Demonstrationen gegen Abtreibung, Feminismus und Frauenrechte, sind bestens mit Neonazis vernetzt, bedrohen Feministinnen online und belästigen Frauen als Pick-up-Artists auf der Straße. Stellenweise geht der reale Frauenhass online radikalisierter Männer so weit, dass sie, wie die sogenannten Incels (aus dem Englischen für involuntary celibate - unfreiwillig enthaltsam), aktiv frauenfeindliche Attentate begehen, wie in Toronto 2018.

Doch zumindest die Maskulinisten in Deutschland haben einen herben Schlag einstecken müssen: Der antifeministische Blog »WikiMANNia« musste im Dezember 2019 die Arbeit wegen finanzieller Schwierigkeiten einstellen. Auf diesem Internetportal wurden über 5400 Artikel mit sexistischer und rassistischer Propaganda veröffentlicht. Auch eine Redakteurin des »nd« wurde nach ihrer kritischen Berichterstattung über das Portal in einem Eintrag als »eine linke, radikal-feministische Hasspredigerin« diffamiert. Dass die benötigten 10 000 Euro durch Spenden an den Blog nicht zusammengekommen sind, lässt vermuten, dass die Maskulinisten-Szene doch nicht so groß ist, wie sie gerne wäre - lästig und gefährlich ist sie trotzdem. Und Mitleid haben sie ganz gewiss keines verdient.

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