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Lost in Translation

Nachwende-Tristesse im Osten und zwei ramponierte Gestalten als Kommissare: Der deutsche Thriller »Freies Land«

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.
Überall lichtloses Land, und mittendrin ein Zwitter aus Kaserne und Knast: das »Hotel Fortschritt«
Überall lichtloses Land, und mittendrin ein Zwitter aus Kaserne und Knast: das »Hotel Fortschritt«

Ist das hier ein Thriller? Ungefähr so, wie Edgar Allan Poe ein Kriminalautor ist. Das Genre wird bedient und zugleich vorgeführt, dabei bis ins Groteske übersteigert. Das weiß man spätestens, wenn ein schwarzer Rabe auftaucht. Und das mitten im Hotelzimmer der beiden Ermittler Markus Bach und Patrick Stein.

Die sollen 1992 Mädchenmorde in der ostdeutschen Provinz aufklären. Stein (Trystan Pütter) kommt aus Hamburg und Bach (Felix Kramer) aus Rostock. Beide haben ein Vorleben, dunkle Flecken in der Kaderakte, sonst wären sie kaum hier, am Ende der Welt.

Nein, dies ist kein »Tatort«, eher ein Bericht aus einem Land, in dem die Sonne nie mehr aufzugehen scheint. Aufzuklären gibt es hier wenig, die beiden können nicht einmal Licht in ihre eigenen Lebensgeschichten bringen, wie denn dann Mordfälle lösen, die zudem niemanden zu interessieren scheinen?

Vielleicht sind die Mädchen gar nicht tot, sondern längst im Westen, wo alle hinwollen? Wäre besser für sie, so die Dorfbewohner. Aber dann werden zwei verstümmelte Leichen gefunden. Mit dem Spruch »Abgehauen in den Westen« kann man sich das Grauen vor Ort nicht länger vom Leibe halten. In die herrschende Gleichgültigkeit mischt sich nun eine diffuse Angst. Der Dichter Gottfried Benn, jederzeit zu hochpoetischen Zynismen aufgelegt, verglich solcherart gesellschaftliche Erosion mit einer »bionegativen Olympiade«.

Regisseur Christian Alvart, der zugleich das Buch mitschrieb und selbst die Kamera führte, hat mit »Freies Land« einen Film geschaffen, der das seltene Kunststück fertigbringt, eine an sich höchst unglaubwürdige, weil klischeebeladene Geschichte in einen faszinierenden Bilderfluss zu bringen. Was hier passiert, ist gleichsam die Rückübersetzung von Kunstgewerbe in Kunst. Das Thriller-Genre paart sich mit dem film noir, und heraus kommt jener Rabe als Unglücksbote, der einen bösen Zauber über die Nachwende-Tristesse im Osten legt. Blühende Landschaften kommen später, irgendwann, wenn der Urwald die Trümmer überwuchert hat.

Immer wieder blickt die Kamera aus Wolkenperspektive auf eine schmutzige Winterlandschaft herunter, von so weit oben, dass man denkt, man schaue auf eine Landkarte. Ab und zu bewegt sich ein Punkt, ein Auto auf der Straße vielleicht, aber eher selten.

Absurd ist hier alles, und gerade darum erlangt es etwas von Realität, aber einer ferngerückten. Da ist etwas längst gestorben aber noch nicht wieder auferstanden. Regisseur Alvart spricht von den »Schockwellen«, die das Ende der DDR - genauer: die Art und Weise wie sie zugrunde ging - immer noch aussendet: »Wir müssen immer wieder neu erfahren, wie nachhaltig es Menschen prägt, wenn Systeme zusammenbrechen, Lebenswirklichkeiten über den Haufen geworfen werden.« Es ist, als ob hier eine Strahlung von der Vergangenheit ausgehe; die verbotene Zone aus Tarkowskis »Stalker« scheint überall. Es stehen nur noch die Fassaden, dahinter wohnt der Tod.

In der Realität - nicht der in diesem Schwarz-Weiß-Film, sondern der auf triste Weise bunten des Nachwende-Ostens - wurden sehr schnell die Fassaden erneuert. Und was liegt dahinter? Die beiden Kommissare, die es hier in eine Art Strafkolonie, wie sie Franz Kafka ausmalte, verschlagen hat, sind weder Helden noch Versager, sondern etwas Undefinierbares dazwischen. Ramponierte Gestalten, die einen Vorsprung haben bei dieser Expedition in geschichtliche und menschliche Abgründe.

Nächtliche Ankunft von West-Kommissar Stein im Hotel »Fortschritt«, eine Lost-in-Translation-Szenerie. Er kommt zu spät, sein Wagen kam von der winterglatten Straße ab. Sein Zimmer ist weg, er wird in diesem kaum beleuchteten Zwitter aus Kaserne und Knast zu seinem Kollegen gelegt. Ein idiotischer Spruch über die siegreiche Arbeiterklasse über dem Doppelbett. Sein sonnenbebrillt-grobianischer Kollege Bach fackelt nicht lange, fällt über den vermeintlichen Einbrecher her. Solcherart Zusammenschlagen von Leuten habe er im Zuchthaus Bautzen an Gefangenen perfektioniert, so sagen Gerüchte, die man später Stein zuträgt. In der kommenden Nacht hat dieser dann sein Einzelzimmer, diesmal mit dem Erbauungsspruch: »Mit Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.«

Überall lichtloses Land. Dessen Bewohner sind sämtlich ihre eigenen Hinterbliebenen. Maskenhafte Gesichter ohne jede Gefühlsregung. Das ändert sich auch nicht, als zwei der toten Mädchen aus der Kläranlage geholt werden. In einer tief verstörten Gemeinschaft, so der Regisseur, habe auch die Wahrheit ihren Wert verloren.

Die Dialoge klingen nach Becketts »Warten auf Godot«, nur noch eine Spur desillusionierter: »Wenigstens hat die Spitzelei ein Ende.« - »Ja, ja, träum weiter.« Oder wenn der eine in seiner Arbeit behinderte Kommissar zum anderen in seiner Arbeit behinderten Kommissar sagt: »Sie wissen, wie das hier läuft?« - »Weiß ich, wie überall anders auch.« Das scheint dann die mit den Mitteln der Provinz real gesetzte deutsche Einheit.

Ein windiger, geschäftemacherischer Lokalreporter taucht am Leichenfundort mitsamt Fotoapparat auf und wird in seltener Eintracht von den beiden Kommissaren vertrieben. Der protestiert: »Dies ist jetzt ein freies Land, mit Demokratie und Pressefreiheit!« - »Ja, morgen wieder, hau ab!«

Der rüde Ton bleibt so bis zum unversöhnlichen Ende. Poesie ist hier nur vom nächtlichen Raben zu erwarten, der in »The Raven« auftritt, jenem düsteren Epos, das E. A. Poe 1845 - nach zehn Jahren Arbeit - schließlich für zehn Dollar verkaufen konnte. Über den Raben heißt es: »In seinen Augen wohnen alle Träume von Dämonen.« Ein Wort wiederholt dieser Rabe immer wieder, jenes »Never more«, das auch leitmotivisch durch den Film »Freies Land« hallt.

»Freies Land«, Deutschland 2019. Regie: Christian Alvart; Darsteller: Trystan Pütter, Felix Kramer, Nora Waldstätten. 129 Min.

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