176 Tote. Eine Hoffnung?

Die getöteten Passagiere sind wohl Opfer der Fast-Krieg-Hysterie geworden.

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 3 Min.

Hat Irans Flugabwehr eine ukrainische Boeing abgeschossen? Die Regierungen Kanadas, Großbritanniens, Australiens und der USA gehen davon aus. Die Länder sind im »Five Eyes«-Geheimdienst-Verbund vereint. So wurde das, was US-Satelliten und -Drohnen am Dienstag kurz nach dem Start der Passagiermaschine vom Teheraner Khomeini-Airport aufzeichneten, auf kurzem Weg weitergereicht. Bereits bevor der kanadische Premier Justin Trudeau am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) den Verdacht öffentlich machte, hatte US-Präsident Donald Trump angedeutet, dass da wohl jemand »einen Fehler« gemacht habe. Er meinte vermutlich die Besatzung eines »Tor«-Flugabwehrsystems, das - wie die gesamte iranische Streitmacht - in jener Nacht einen Angriff von US-Truppen erwartete. Nicht grundlos, denn kurz vor dem Crash der Zivilmaschine hatte Iran Raketen auf einen US-Stützpunkt in Irak abgefeuert. Als Rache dafür, dass die USA Teherans »Heldengeneral« Soleimani »vom Platz genommen« hatten.

Die 176 Passagiere, viele auf dem Weg nach Kanada, sind also vermutlich Opfer einer seit Jahrzehnten andauernden Fast-Krieg-Hysterie geworden. Sie erlitten dasselbe Schicksal wie 290 Insassen einer Iran-Air-Maschine, die 1988 versehentlich von der US-Navy abgeschossen wurde. So pervers es klingen mag - dass die aktuelle Situation nicht zu erneutem blutigem Gemetzel führte, birgt einen Funken Hoffnung. Im Gegensatz zu der Spontanpolitik Washingtons verfolgt Teheran in der Kriegs- und Krisenregion eine erkennbare Machtstrategie. Durchaus erfolgreich. Nicht zuletzt durch sein Anti-IS-Engagement hält Iran Schlüsselpositionen in Irak besetzt, ist in Syrien Ordnungsmacht. In Libanon geschieht nichts ohne iranischen Einfluss. Dass Hisbollah oder Hamas jetzt nicht blind vor Rache gegen den US-Verbündeten Israel losschlugen, zeigt, wie kurz die Leine ist, an der Iran Hilfstruppen führen kann. So oder so. Mit Attacken auf saudische Ölraffinerien sowie in Jemen hat man ohne Selbstüberschätzung mit minimalem Aufwand seine militärische Reichweite gezeigt. Nach jüngsten blutigen Unruhen im Innern herrscht wieder Ruhe in der Diktatur. Man ist - dank US-Drohnenmord - »ein Volk«. Ohne dass Hardliner Oberwasser gewinnen konnten. Kurzum, trotzdem die Atomzentrifugen schneller laufen, bietet sich die Regionalmacht Iran gerade jetzt als Gesprächspartner an.

Kann das Trump begreifen? Wird er tatsächlich - wie seiner heimischen Klientel mehrfach versprochen - Truppen zurückziehen? Gibt er, da mit der EU als Ganzes nicht zu rechnen ist, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, also drei Signatarmächten des vom Trump gekündigten Iran-Atomabkommens, ein Placet zu Gesprächen? Die deutsche Kanzlerin tut gut daran, am Wochenende in Moskau Gemeinsamkeiten mit Moskau auszuloten. Keiner weiß, wie lange das Fenster für Vernunft angekippt bleibt. Es mag zynisch erscheinen: Keiner der politischen Akteure hat ein Interesse, dass der versehentliche Flugzeugabschuss zur Hürde für neue Kontakte wird. Wohl aber ist das Gegenteil denkbar. Niemand sollte - wie beim Abschuss von Flug MH 17 über der Ostukraine - versuchen, Aufklärung politischen Zielen anzupassen.

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