Werbung

Teufels Werk und Gottes Beitrag

Die böse HBO-Serie »The Righteous Gemstones« zeigt, wie das Milliardengeschäft der Fernsehprediger funktioniert

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Vom »Heiligen Geist« umweht und den Blick fest aufs Bankkonto gerichtet: die Predigersippe Gemstone
Vom »Heiligen Geist« umweht und den Blick fest aufs Bankkonto gerichtet: die Predigersippe Gemstone

Nicht, dass die Suche nach Glückseligkeit keine Arbeit wäre. Es ist sogar eine knallharte, zuweilen sturmumtoste und derart aufwühlende, dass »The Righteous Gemstones« schon zu Beginn ihres deutschen Fernseheinsatzes auf Sky buchstäblich baden gehen. Ein paar Mitglieder dieser rechtschaffenen Predigerfamilie reisen dabei nach Fernost, um 5000 Chinesen im Hotelpool zu taufen - bis bei einem Streit der keinesfalls rechtschaffenen Täufer ums richtige Untertauchen die Wellenbadfunktion anspringt und für Chaos im Taufbecken sorgt.

Dieser schrille Einstieg setzt bereits den Tonfall dieser HBO-Comedyserie, die im Ursprungsland USA leider Gottes nicht von einem größeren Publikum wahrgenommen wurde. Denn wie der Showrunner (und Hauptdarsteller) Danny McBride das Milliardengeschäft der Mega- und Fernsehkirchen, die ihre Zuhörerschaft verblenden und verblöden, über neun Teile hinweg durch den Kakao zieht, sollte besonders in einem Land unter der Führung eines verblödeten und verblendeten Mega- und Twitterpräsidenten Schulfach werden. Schließlich hört Donald Trump nicht auf vernunftbegabte Stimmen aus Wissenschaft oder Politik, sondern allein aufs Wort gottesfürchtiger Populisten.

Wie Eli Gemstone: Gespielt vom unvergleichlich wuchtigen John Goodman, organisiert der Patriarch das Imperium seiner Mehrzweckhallenkathedrale im mittelwestlichen Bibelgürtel mit einem so ausgeprägten Sinn für Rendite, dass nach jeder TV-Übertragung kiloweise Dollarnoten durch die Zählmaschinen rattern. Doch weil Elis ältester Sohn Jesse (Danny McBride) mit einem Video erpresst wird, dass ihn, umringt von Prostituierten, mitsamt seiner Gottesdienstkapelle beim Koksen zeigt, muss er ein paar Millionen aus der Kollekte als Lösegeld abzweigen - was allerlei Turbulenzen im Gotteshaus nach sich zieht.

Und so eskaliert bei den »Righteous Gemstones« von der Wellenbadszene an alles ungebremst, wodurch die Serie dramaturgisch oft an eine Mischung aus »The Sopranos« und »Das Traumschiff« erinnert, personell also gewissermaßen J. R. Ewing mit Helene Fischer vereint.

Und weil auch die Kinder des Clanbosses - vom geistig schlichten Nesthäkchen Kelvin (Adam Divine) bis zu seiner streitsüchtigen Schwester Judy (Edi Patterson) - das selbst verursachte Chaos mit jeder weltlichen Intervention weiter Richtung Fegefeuer treiben, scheint die Verdammnis der Predigersippe nur eine Frage der Zeit zu sein. Zumindest theoretisch.

Praktisch jedoch bleibt die Macht natürlich auch weiter in den Händen derer, die damit auch umzugehen verstehen. Fast wünscht man sich da, dass es Machtmissbrauchende wie diese wenigstens in der Fernsehfantasie mal so richtig erwischen würde; allerdings wäre das dann eine Art Rosamunde-Pilcher-Fiktion. HBO-Fiktion dieser Qualität orientiert sich dagegen vorwiegend an der Wirklichkeit. Und weil die bekanntlich gerade noch viel verrückter ist als jede Kopfgeburt eines versierten Satirikers wie Danny McBride, machte die Serie »The Righteous Gemstones« trotz all der absurden Komik vor allem eines: Angst.

Schließlich hört die US-amerikanische Realpolitik, aber auch die polnische, indonesische oder brasilianische, auf klerikale Staatsführerflüsterer, kommt also zusehends noch bizarrer daher als der spätbarocke Proletenglamour an den Körpern, Wänden und SUVs der Gemstones.

Danny McBride tut daher gut daran, seine Protagonisten nicht mit jener Ambivalenz auszustatten, die Charaktere hochwertiger Serien ja erst interessant machen. Weil Menschen schlichtweg kaum böser sein können als solche, die in einem Privatjet namens »The Holy Spirit« durch die Welt fliegen, um Gutgläubige auszunehmen, ist es durchaus mal erholsam, wenn Fernsehprediger als das dargestellt werden, was sie vielfach sind: ein Haufen zynischer, gieriger, egoistischer, reicher, geschmacksverirrter, brandgefährlicher Scheusale, vor denen das Diesseits bewahrt werden muss. Schon deshalb ist »The Righteous Gemstones« nicht nur eine sehr unterhaltsame, sondern auch eine ziemlich lehrreiche Serie.

»The Righteous Gemstones«, ab sofort auf Sky.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!