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Eine von Millionen Unterdrückten

Kimia Alizadeh wehrt sich gegen iranische Propaganda

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ich bin weder Heldin noch Fahnenträgerin iranischer Teams. Ich bin eine von Millionen unterdrückter Frauen in Iran.« Das schrieb Kimia Alizadeh, Taekwondokämpferin und einzige olympische Medaillengewinnerin Irans, am Wochenende auf Instagram. 2016 gewann sie in Rio de Janeiro in der Klasse bis 57 Kilogramm Bronze. Schon am Freitag war bekannt geworden, dass die 21-Jährige Iran verlassen hat und bei den Sommerspielen in Tokio für die Niederlande auf die Matte gehen will.

Dies wurde vor allem vom ehemaligen iranischen Kämpfer Hadi Saei heftig kritisiert. Er ist mit zwei Gold- und einer Bronzemedaille aus den Jahren 2000 bis 2008 noch immer der erfolgreichste iranische Olympionike - und wurde zudem in Teherans Stadtrat gewählt. Alizadehs Nationenwechsel sei eine Unverschämtheit, sagte Saei in einem Interview, »Sportler sollen ihrer Fahne treu bleiben. Hätten wir damals ausländische Angebote bekommen, hätten wir uns dafür geschämt.« Auf die Frage, ob Alizadehs Weggang darauf zurückzuführen sei, dass sie von den Verbänden missachtet wurde, sagte Saei: »Kimia Alizadeh wurde sogar mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als sie verdient hatte.«

Das brachte die junge Athletin schließlich dazu, sich ausführlich zu äußern: »Lassen Sie mich meine bislang zensierte Person nun frei vorstellen«, schrieb Alizadeh und beschrieb, wie sie jahrelang von den Behörden als Propagandainstrument benutzt wurde: »Ich habe das wiederholt, was sie mir gesagt haben, das getragen, was sie befahlen. Meine Medaillen haben sie benutzt, um für den Zwangs-Hidschab zu werben.« 2016 hatten etliche iranische Beamte und manche Kommentatoren lobend ihr Kopftuch hervorgehoben, anstatt ihre Medaille zu feiern. Das Tuch ist für alle Repräsentantinnen Irans Pflicht und keine Wahl.

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Dass dem System das Kopftuch wichtiger ist als Frauensport, zeigt auch das Beispiel der iranischen Schiedsrichterin Shohreh Bayat. Als sie dieser Tage die Schach-WM der Frauen in Shanghai leitete, erhielt sie Drohungen vom iranischen Staat, weil sie ihr Kopftuch nur locker trug. Auch sie entschied sich daraufhin, nicht in ihre Heimat zurückzukehren - und legte das Kopftuch ganz ab.

In ihrem Statement betonte Taekwondokämpferin Alizadeh, sie wolle nicht mehr die Puppe sein, die Funktionäre aus ihr machen wollten, und sprach Saei direkt an: »Ich bin weggegangen, um nicht den Weg einzuschlagen, den Sie gegangen sind, Herr Saei. Wäre ich Ihnen auch nur teilweise gefolgt, hätte ich mehr Reichtum und Macht erlangen können als Sie. Aber genau dem kehrte ich den Rücken.« Dann richtete sie sich an iranische Sportfunktionäre generell: »In Ihren sexistischen und patriarchalischen Köpfen haben Sie immer gedacht, Kimia sei eine Frau und könne nicht für sich selbst sprechen. Niemand hat mich nach Europa eingeladen und mir verlockende Angebote gemacht. Doch ich akzeptiere den Schmerz und die Härte des Heimwehs, weil ich nicht Teil von Heuchelei, Lügen, Ungerechtigkeit und Schmeichelei sein wollte.«

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