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Das Udotastische

Ein Werkstattbericht aus der Kulturindustrie als unterhaltsamer Spielfilm: »Lindenberg! Mach dein Ding«

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 7 Min.
Drei Typen aus den Lindenberg-Liedern, einschließlich ihres Sängers.
Drei Typen aus den Lindenberg-Liedern, einschließlich ihres Sängers.

Der blöde Hut, die Sonnenbrille, die Zigarre und der Jargon. An Lindenberg stört das Lindenbergische, besser gesagt das Udohafte, oder noch besser: das »Udotastische« (»Bild«). Seit Udo Jürgens gestorben ist, gibt es nur noch einen »Udo«.

Jürgens war Schlager und Lindenberg war Rock - wie die Frontstellung in den frühen 70er Jahren hieß. Schlager war falsches Bewusstsein und Rock alles, was links davon war. Eine unbestimmte Lockerheit, die einen seinen Körper fühlen ließ und die Fantasie in Gang setzte. Schlager war Ordnung und Lindenberg »Panik«, das stand auf seiner Gürtelschnalle.

All das, was heute bei ihm zum Typus geronnen ist, war einmal neu und toll. Von dieser frühen Zeit handelt der Spielfilm »Lindenberg! Mach dein Ding«. Die Mainstream-Regisseurin Hermine Huntgeburth (»Effi Briest«, »Der weiße Massai«, »Bibi Blocksberg«) erzählt Lindenbergs Lebensgeschichte von der Kindheit bis zum Rocksänger, der 27 Jahre alt ist, als er nach vielen Mühen bekannt wird, 1973 mit dem Album »Alles klar auf der Andrea Doria«.

Das Schlimmste an diesem Film ist der Titel, der einem auch ziemlich eingebimst wird. Lindenberg, gespielt von Jan Bülow, sagt bei jeder sich bietenden Gelegenheit: »Ich mach’s«, »Ich schaff’s«. Oder er fordert: »Mach dein Ding.« Es ist eine Beschwörung des Selbstvertrauens und der Selbstoptimierung. Nicht das solidarische Kollektiv, sondern das sendungsbewusste Individuum erreicht die höchsten Ziele. »Mach dein Ding«, das war in den 70er Jahren ein linksalternatives Mantra der Spontilinken, die emanzipatorische Antwort auf die klassisch-konformistische Frage: »Was sollen denn die Nachbarn denken?« Daraus ist heute eine neoliberale Firmenphilosophie geworden - sie reicht bis ins Oval Office von Donald Trump. Im Lindenberg-Film verspricht schon Udo als kleiner Junge seiner Mutter Hermine (Julia Jentsch), ihr einmal ein großes Haus zu kaufen. Sie kann sich das überhaupt nicht vorstellen, in Gronau, einer Kleinstadt an der niederländischen Grenze, wo die Menschen nur lachen, wenn sie besoffen sind, wie Lindenberg später in Interviews urteilte. Wenn sein Vater Gustav (Charly Hübner) nachts nach Hause kommt, kann es passieren, dass er die ganze Familie weckt, damit sie ihm zusieht, wie er auf einen Stuhl steigt, um betrunken mit dem Kochlöffel Opern zu dirigieren, die seine Frau auf Schallplatte abspielen muss. Ist er nüchtern, sagt er seinem Sohn:»Die Lindenbergs haben keinen Erfolg.« Denn er ist Klempner und glaubt, dass es anders gar nicht geht. Aber er schenkt seinem Sohn zum Geburtstag ein Schlagzeug, weil der immer so viel trommelt, auf Eimern und Schüsseln. Den Dank seines begeisterten Sohns nimmt er nicht wahr - weil er depressiv im Bett liegt.

Und später, viel später, legt Lindenberg seine erste Schallplatte zu Weihnachten feierlich im Wohnzimmer für seine Eltern auf und sagt seinem Vater: »Du wolltest doch immer, dass ich das mache, was ich will.« Doch der brüllt: »So ’ne Scheiße?!« Udo wiederum brüllt, diese Nazisprüche aus dem Krieg in Kreta, die könne er sich sparen. Dann ohrfeigen sie sich gegenseitig. Weihnachten ist ruiniert. Das ist alles sehr rührend. Holzschnittartig aber ist es, wenn Mutter Hermine ausruft: »Junge, ich versteh nichts, das ist ja alles in Englisch!«

Udos Durchbruch kommt, als er auf Deutsch singt. Und nur noch singt, nicht mehr trommelt, denn das hat ihm ein Manager seiner Plattenfirma (Detlev Buck) geraten. Denn was viele nicht wissen: Eigentlich ist Lindenberg ein Schlagzeuger, ein ziemlich guter sogar, der vom Jazz kam und langsam anfing, in Rockbands mitzuspielen. Er trommelte bei Atlantis, der Band von Inga Rumpf aus Hamburg, die versuchte, mit englischsprachigem Rock den britischen Markt zu erobern, was nicht gut funktionierte. Lindenberg ging den anderen Weg. Sein wichtigstes »Ding« habe darin bestanden, Rockmusik auf Deutsch zu machen, suggeriert der Film, der außer Acht lässt, dass deren Macht auf einer anderen Formensprache gründet: auf den coolen Symbolen jugendlicher Subkultur, auf den langen Haaren, den peitschenartigen Gitarrenriffs und den Gesängen des Begehrens - allesamt in den USA und in Großbritannien entwickelt und zur Rettung der jugendlichen Menschheit ins piefige Deutschland exportiert. Beim Lindenberg der 70er Jahre ist es vor allem der englische Glamrock, der gut flutscht.

Zum deutschen »Ding« gibt es im Film politisch interessante Dialoge. Deutsch singen gehe gar nicht, sagt etwa eine Hamburger Prostituierte zu Lindenberg, denn »Deutsch ist die Sprache der Täter!« - »Aber es ist meine«, sagt Lindenberg etwas ratlos. Eine starke Szene, deren moralischer Gehalt aber im weiteren Verlauf verwässert wird. Die Meinung, Deutsch sei die »Sprache der Täter«, vertritt dann nur noch ein komischer linksradikaler Banddiktator, der sich auch gegen Verhandlungen mit den großen Plattenfirmen wehrt, weil er nicht »für die Imperialisten« arbeiten will. Ein unsympathischer Machotyp, dessen Musiker ihm Lindenberg für seine neue Band abspenstig macht - mit dem Argument, Deutsch sei die Sprache, in der er träume.

Deutsch ist damals vor allem die Sprache der Schlager, die im postfaschistischen Deutschland aus eskapistischen Gründen gehört werden. Lindenberg holt sie da raus, aus der bleiernen Zeit des sich 1967/68 auflösenden CDU-Staats, in dem man stets nach vorne schaute aber nie zurück in die eigene Nazi-Vergangenheit. Er ist nicht der erste Rockmusiker mit deutschen Texten, aber der einflussreichste. Entscheidend sind die Texte selbst, die vom Alltäglichen handeln und sich geradezu filmisch in andere, aufregende Welten träumen. In der schönsten, weil auch albernsten Szene des Films fliegen Lindenberg und Steffi Stephan (Max von der Groeben) auf einem LSD-Trip durch den Nachthimmel über Hamburg. Lindenberg landet wie ein großer Vogel mit strampelnden Beinen im Elbtunnel für Fußgänger.

Man konnte - und kann - die alten Lindenberg-Songs hören, wie man Comics oder Liebesromane liest, die einen nicht für dumm verkaufen wollen. Er sang sie mit einer Stimme, »die einem in Böblingen oder Celle oder Landshut einfach mal auf die Schulter klopfte wie ein älterer Bruder oder großer Freund«, wie Thomas Hüetlin in seinem gelungenen Lindenberg-Buch, das natürlich »Udo« heißen musste, geschrieben hat.

Diesen »Udo« spielt Jan Bülow auf einnehmende Weise. Er singt sogar ein paar Lindenberg-Songs (»Hoch im Norden«, »Boogie-Woogie-Mädchen«, »Alles klar auf der Andrea Doria«), ohne dass es peinlich wird - was beispielsweise bei den diversen Rio-Reiser-Coversängern die Regel ist. Bülow erweckt nicht den Eindruck eines Kopisten oder Adepten, sondern scheint mit seinen schönen blauen Augen leicht verwundert auf diese Heldengeschichte zu blicken. Eine spannende Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story, die die Grönemeyers, Maffays, Niedeckens und Westernhagens in dieser Form nicht zu bieten haben. Hier die Kurzfassung: Lindenberg wird weder Klempner noch Kellner, aber auch kein Jazz-Drummer, sondern Rockstar mit eigener Band, dem Panikorchester.

Zwischendurch verliebt er sich, mal so und mal so. Für die »Udo«-Song-Mythologie am wichtigsten: in die junge Frau, die in Wahrheit kein Cello spielte, sondern im Gronauer Schwimmbad vom Drei-Meter-Brett sprang (Ella Rumpf) - was sich aber in einem Lied nicht so gut angehört hätte -, und in das berühmte »Mädchen aus Ostberlin« (Saskia Rosendahl). Eine Frau, die von Lindenberg so lange mit Tagesvisum besucht wird, bis sie das nicht mehr will - weil sie ihn nicht in Hamburg besuchen kann. Sie lernt Lindenberg kennen, als der besoffen auf einem Parkplatz neben einem Trabi liegt. Einerseits schildert der Film, wie dieser Mann das »Udotastische« erfunden hat: durch das Ausprobieren bestimmter Gesten und Spielereien beim Auftreten, in Kleidung und Sprache. Frack, Zylinder, sehr viel Disziplin und noch viel mehr Alkohol, denn Lindenberg ist sehr stark unter Druck und voller Selbstzweifel bei der Selbstoptimierung. Er schließt seinen ersten Millionenvertrag ab und muss danach ins Gebüsch kotzen.

Es ist anstrengend, Udo Lindenberg zu sein. Der Film ist es nicht, sondern mitunter bewegend. Angeblich sei Lindenberg heute mit sich im Reinen, behauptet sein PR-Apparat. Für das Geschäft ist das egal. Vor langer Zeit wurde er zu einer dieser Figuren, die er für seine Lieder erfunden hat. Neben »Johnny Controlletti«, »Gerhard Gösebrecht«, »Bodo Ballermann« und »Sister King Kong« gibt es jemanden, der heißt Udo Lindenberg.

»Lindenberg! Mach dein Ding«, Deutschland 2020. Regie: Hermine Huntgeburth. Darsteller: Jan Bülow, Julia Jentsch, Charly Hübner, Detlev Buck. 139 Min.

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