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Ahnungslos zum Titel

Bei der Hallenhockey-EM in Berlin will ein junges deutsches Team die Favoriten ärgern

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.
Raphael Hartkopf spielt in der Bundesliga erfolgreich beim Mannheimer HC, in Berlin steht der 21-Jährige vor seinem Länderspieldebüt.
Raphael Hartkopf spielt in der Bundesliga erfolgreich beim Mannheimer HC, in Berlin steht der 21-Jährige vor seinem Länderspieldebüt.

Valentin Altenburg tappt im Dunkeln: »Wir wissen nicht, wie gut wir sind. Wir wissen auch nicht, wie gut die anderen sind«, sagte der Hallenhockey-Bundestrainer am Donnerstag im Berliner Horst-Kober-Sportzentrum. Dort beginnt an diesem Freitag die EM der Männer, und Altenburg hat nicht die besten deutschen Hockeyspieler vor Ort, sondern einen Perspektivkader zusammengestellt. Das Feldhockey-Nationalteam weilt derzeit im Trainingslager in Spanien, und so hat Altenburg, der bis 2016 auch mal Bundestrainer der Feldspieler war, nichts dagegen, wenn man seinen aktuellen Kader »the best of the rest« nennt.

Ärgern tut ihn das nicht. Er findet die Aufgabe sogar »reizvoll«. Die größtenteils jünger als 23 Jahre alten Spieler kamen zu Jahresbeginn zu einem einzigen dreitägigen Trainingslager zusammen. Danach trafen sie sich erst am Mittwoch in Berlin wieder. »Wir sind sicher nicht so eingespielt wie die anderen Teams. Und Eingespieltsein ist der Schlüssel im Hallenhockey«, sagt Altenburg. Weil er aber eben nicht genau weiß, wie gut die anderen sind, setzte Altenburg anstelle zweier normaler Trainingseinheiten lieber zwei Testspiele an. »Das am Mittwoch war gut, auch vom Ergebnis her. Heute hatten wir dann noch ein sehr gutes«, sagte er am Donnerstag. »Da haben wir von Österreich eine 3:9-Klatsche bekommen. So konnten wir sehen, woran wir bis morgen noch arbeiten müssen.«

Bei derlei Voraussetzungen wirkte es unlogisch, als Altenburg ein paar Minuten später sagte: »Wir wollen Europameister werden«. Doch er bot auch eine Erklärung dafür: »Schon 2018 waren wir mit einem Perspektivteam dabei und holten in Antwerpen Bronze. Wir waren gar nicht so weit weg, wie wir dachten. Und wenn wir jetzt vor 3000 Heimfans in einer vollen Halle spielen, wären wir enttäuscht, wenn wir nicht gewinnen. Dafür muss alles zusammenpassen, aber das Zeug dazu haben wir.«

Favorit bleibt dennoch Österreich. Im olympischen Feldhockey gegen die großen Nationen chancenlos, feiert das Alpenland als amtierender Welt- und Europameister in der Halle große Erfolge. »Sie sind eingespielt, haben den wohl besten Hallentorwart der Welt - und Benjamin Stanzl«, zählte Altenburg ein »ganz gutes Gesamtpaket« auf. »Es gibt die Hallenweltspitze, darüber kommt ganz lange nichts, und dann kommt Stanzl. Der spielt in einer Liga für sich«, schwärmte der deutsche Trainer vom Ausnahmespieler der Österreicher, der in der Halle Spiele fast allein dominieren könne. Denn hier wird auf kleinem Raum nur Sechs gegen Sechs gespielt, draußen auf dem Feld sind es Elf gegen Elf. Der Einfluss des Einzelnen ist in der Halle größer. »Dennoch können wir die Österreicher ärgern, denn sie werden nicht jünger«, so Altenburg.

Die besten Feldnationen sind also nicht unbedingt auch die besten unterm Dach. Nicht nur die Deutschen treten in Berlin mit der zweiten Garde an. Sie schicken junge Talente, die Belgier und Niederländer haben sogar ganz eigene Hallennationalteams aufgebaut. Anders sei es gar nicht zu stemmen, berichtet Altenburg vom internationalen Wettkampfkalender, der noch im Januar zwei Feld-Länderspiele in der Pro League angesetzt hat, dem nach Angaben des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) zweitwichtigsten Turnier des Jahres nach Olympia. Die EM in Berlin kommt also noch danach. Und es braucht die Konzentration der Spieler entweder aufs Feld oder auf die Halle. Beides gleichzeitig auf hohem Niveau zu spielen, sei nicht mehr möglich.

Dass es bei einem Turnier dritter Klasse dennoch für die letzten Gruppenspiele und die Finalpartien am Wochenende keine Karten mehr gibt, ist erstaunlich. »Wir profitieren noch etwas von der wunderschönen Heim-WM 2018, als wir in der Max-Schmeling-Halle sogar mehr als 8000 Zuschauer hatten. Die Leute wollen mehr davon, auch wenn wir diesmal nicht in die ganz große Halle gehen konnten«, erklärte DHB-Vizepräsidentin Marie-Theres Gnauert am Donnerstag. Die Schmeling-Halle war bereits belegt, als Krefeld vor gut vier Monaten aus Austragungsort absprang und Berlin kurzfristig das Turnier übernahm. Für den EM-Auftakt an diesem Freitag gibt es laut DHB noch ein paar wenige Tickets an der Tageskasse.

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