Jürgen Klinsmann

Träumen ohne Lizenz

Mit Jürgen Klinsmann und viel Geld wird bei Hertha BSC nun ganz groß gedacht.

Von Alexander Ludewig

Es ist gar nicht so einfach, das knackigste Zitat von Jürgen Klinsmann aus den vergangenen Wochen zu finden. Hier das vielleicht verwegenste: Die Nationalmannschaft der USA hätte er »bei der WM 2018 ins Viertelfinale geführt, vielleicht sogar ins Halbfinale«. Dass er selbst nach zwei Auftaktniederlagen in der Qualifikation gegen Mexiko und Costa Rica entlassen wurde? Längst vergessen. Nun ist der 55-Jährige seit fast zwei Monaten Bundesligatrainer in Berlin. Bemerkenswertes hat er auch dazu genug gesagt. Zum Beispiel: »Internationale Klubs beschäftigen sich jetzt auch mit Hertha BSC. Die beobachten natürlich, was hier gerade abläuft.«

Ja, was geht da eigentlich gerade ab? Hertha BSC soll ein »Mega-Klub« werden, der »dauerhaft in der Champions League« spielt. So will es Investor Lars Windhorst, der für 225 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile an der ausgelagerten Profiabteilung des Vereins erworben hat. Und so will es dessen sportlicher Stellvertreter Klinsmann. Deshalb werden schon für das noch bis Ende Januar geöffnete Transferfenster Fußballer wie Julian Draxler von Paris St. Germain, Granit Xhaka von Arsenal London, Lucas Tousart von Olympique Lyon oder Mario Götze von Borussia Dortmund als Neuzugänge gehandelt. Auch beim spielenden Personal wird dabei bereits an die Zukunft gedacht. Den Klassenerhalt erwähnte Klinsmann zwar ebenfalls - für Hertha auf Rang zwölf mit nur vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz das dringlichste Ziel. Der »Pokalsieg« darf es aber auch gern schon in dieser Saison sein.

Die Alte Dame soll zu einer hippen Hauptstadtkreatur geliftet werden. Auf Traditionen achteten die bislang tonangebenden Figuren, Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz, zum Ärger vieler Fans kaum. Nun wurde der lange Zeit ignorierte, aber immerhin namensgebende Dampfer »Hertha« gegen ein Superschiff getauscht. Während des Trainingslagers in Florida empfing der Investor Team und Klubführung auf seiner 70 Meter langen Jacht »Global«. Windhorst sei jetzt schließlich zu einem großen Fußballfan geworden, erzählte Klinsmann.

Immerhin: Die Realität hat Klinsmann als Trainer nicht ganz aus den Augen verloren. »In unserer aktuellen Situation sind wir gefordert, ein wenig mehr zu tun«, sagte er und strich vier freie Tage der Weihnachtspause. Hertha BSC startete am 29. Dezember als erster Bundesligist in die Vorbereitung. Aber mit seiner durchaus achtbaren Startbilanz von acht Zählern aus fünf Spielen und Punktgewinnen gegen Spitzenteams wie Bayer Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach hat er seine anfängliche Zurückhaltung schnell abgelegt. »Es geht nicht um Veränderungen, es geht darum, die Situation anzunehmen«, hatte er noch bei seiner Vorstellung in Berlin gesagt. Schon an diesem 27. November wirkte Michael Preetz auf dem Podium nur noch wie ein Nebendarsteller. Jetzt sagt er: »Meine Aufgabe ist vielleicht, hier und da ein bisschen auf der Bremse zu stehen.« Meint der Manager damit, dass nicht gleich der Sieg in der Champions League als Ziel ausgerufen wird?

Angesichts der aktuellen Veränderungen scheinen auch die Worte von Werner Gegenbauer auf der Mitgliederversammlung am 10. November überholt. »Wir sind nicht Spielball, sondern Treiber dieser Entwicklung. Wir behalten das Kommando«, hatte der Präsident entschlossen in den Saal gerufen. Das Geld des Investors war damals schon da, der neue Trainer noch nicht.

Regiert bei den Neureichen aus Charlottenburg jetzt der Größenwahn? Mag sein. Als Vorwurf oder Kritik versteht das Team Klinsmann das aber nicht. »Wir wollen größenwahnsinnige Ziele«, merkte Arne Friedrich an. Der ehemalige Nationalspieler ist jetzt Performance Manager bei Hertha BSC.

Die Schattenseiten der neuen Aufmerksamkeit haben sie in Berlin aber auch schon kennengelernt. Der Schweizer Granit Xhaka soll, so heißt es, der Wunschspieler für das Mittelfeld sein. Weil aber hemmungslos mit dem ganz großen Geld gewedelt wird, hob Arsenal London fix die Ablösesumme von 25 auf 30 Millionen Euro an. Die einzige Neuverpflichtung von Hertha ist bisher Santiago Ascacibar von Zweitligist VfB Stuttgart.

Von Rückschlägen will sich Jürgen Klinsmann aber nicht aufhalten lassen. »Ich weiß, was im Ausland abläuft. Ich weiß, was in Deutschland abläuft. Ich weiß, wie sich der Fußball weiterentwickelt hat. Ich kann mir ständig Infos über Spieler in Südamerika, Asien und Afrika einholen. Das ist alles kein Problem.« Dass er dabei Kleinkram vergisst, wie dem DFB eine gültige Trainerlizenz vorzulegen? Auch kein Problem. Die liegt in Kalifornien, »in irgendeiner Schublade«. Am Sonnabend akzeptierten dann die DFL und der DFB die nachgereichten Unterlagen. Dann steht Klinsmanns »Party« nichts mehr im Weg - die will er am Sonntag nach einem Sieg gegen den FC Bayern im Olympiastadion feiern. Zum Träumen brauchte man noch nie eine Lizenz.