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Pflegekräftemangel

Das Schwesternsyndrom

Pflegekräftemangel ist ein Strukturproblem - nicht erst seit heute.

Von Ulrike Wagener

Pflegekräfte gehören in Deutschland zu den angesehensten Berufsgruppen. Zudem lassen die demografischen Veränderungen den Bedarf an qualifiziertem Personal rasch wachsen. Trotzdem wollen zu wenige Menschen diesen Beruf ergreifen: Auf 100 offene Stellen kamen 2016 in der Krankenpflege nur 71 geeignete Arbeitssuchende, in der Altenpflege sogar nur 38. 2019 hat die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket beschlossen, das Bezahlung, Personalsituation und Ausbildung verbessern soll. Außerdem wurde zum Jahresbeginn die Ausbildung für Alten- und Krankenpflegekräfte mit dem Ausbildungsgang »Pflegefachmann/frau« vereinheitlicht.

Letzteres sehen viele Pflegende positiv. Ob das angestoßene Maßnahmenpaket hingegen der große Wurf wird, bleibt abzuwarten: Der Blick in die Geschichte weckt Zweifel. Denn der Pflegekräftemangel in der Bundesrepublik ist kein neues Phänomen. Bereits um 1960 und erneut um 1989 erging ein solcher Alarm. Beantwortet wurde er mit immer ähnlichen Mitteln - doch stets schreckte man vor einer wirklichen Strukturreform der Gesundheitsberufe zurück. So spricht etwa Christine Vogler, Geschäftsführerin des frisch gegründeten Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe, von erheblichen Wissensverlusten: Man fange praktisch jedes Mal wieder von vorne an. Doch »wenn das System die Misere verursacht hat, dann müssen wir den Mut haben, das System zu ändern.« - Anstatt sich damit zu begnügen, Symptome zu kurieren.

Als Strukturproblem der Pflegeberufe erkennen viele Expert*innen die untergeordnete Stellung des Pflegepersonals im hierarchischen Krankenhausalltag - und die mit dieser Geringschätzung korrespondierende schlechte Bezahlung. »Man muss nicht viel können, aber ein großes Herz haben«: So denken in Deutschland viele über den Pflegeberuf - auch in den Jobcentern. Ein Grund für diese Denkweise ist Sexismus.

Weibliche Aufopferung

Geboren wurde das Strukturproblem schon in den kirchlichen »Mutterhäusern«, in denen der Pflegetätigkeit - die bis in die 60er Jahre sowohl die Pflege von Kranken als auch von Alten umfasste - im 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm. Dort bezogen die »Schwestern« kein direktes Gehalt, sondern Kost, Logis und ein Taschengeld. Waren zuvor Männer wie Frauen der Unterschicht für die Pflegetätigkeit vorgesehen, wurden nun bevorzugt Frauen des Bürgertums in die Pflege gebracht. Verbunden damit war die Übertragung patriarchaler Imperative weiblicher Selbstlosigkeit und Aufopferung auf ein zunächst informelles Tätigkeitsfeld zwischen Beruf und »Berufung«. Bis heute ist diese »Verweiblichung« des Pflegeberufes virulent: Lag der Frauenanteil in der Krankenpflege in den 1970ern bei 90 Prozent, liegt er heute immer noch bei etwa 80 Prozent, in der Altenpflege sogar bei 84.

Zwar wurde der Pflegeberuf im bürokratischen Kapitalismus der Nachkriegsbundesrepublik standardisiert. So entstand etwa 1953 als Modellprojekt die Heidelberger »Schwesternschule« mit ihrer dreijährigen Ausbildung, die den Regelungen des Krankenpflegegesetzes von 1957 als Vorbild diente. Doch bei aller Vereinheitlichung wurde die Pflege auch danach von außen kaum als professioneller Berufsstand angesehen und behandelt, sondern eher als Manifestation einer »weiblichen Natur« der selbstlosen Fürsorge. In der Praxis, erklärt die Soziologin Tine Haubner, entstand so eine Art »Hausarbeit im Krankenhaus«. Sie diagnostiziert deshalb auch eine generelle Krise der Organisation von Sorge- und Pflegearbeit in kapitalistisch verfassten Gesellschaften.

Der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sprach anlässlich des zweiten Deutschen Krankenhaustages 1960 ganz offen davon, dass sich die Struktur des deutschen Krankenhauswesens nur durch eine stärkere »Ausnutzung« des Personals in privaten Einrichtungen aufrechterhalten lasse. Dass Menschen diese Tätigkeit bis zur »Aufopferung« ausübten, erklärte er damit, dass diese einen »inneren Frieden« gefunden hätten, der die Voraussetzung dafür sei, »anderen helfen zu können«.

Die Praxis strafte den Minister schon damals Lügen, denn tatsächlich kam es bereits in den frühen 1960ern zu einem gravierenden »Schwesternmangel«. Mit dem zweischneidigen Lob ihrer selbstlosen Aufopferung wollten sich immer weniger Pflegende abspeisen lassen. Die fließbandähnliche Aufteilung immergleicher Arbeitsabläufe, die Verbreitung pflegeferner Tätigkeiten wie Putzen und Waschen sowie die extrem hierarchische Beziehung zu den weit überwiegend männlichen Ärzten machten den Beruf unbeliebt. Die »Putzfrauen in Schwesterntracht« - wie es eine Krankenschwester 1963 gegenüber dem »Spiegel« ausdrückte - kündigten reihenweise. 30 000 Stellen waren unbesetzt. Ein guter Teil der Pflegearbeit wurde in der Folge an ungelernte Hilfskräfte delegiert, mancherorts mussten ganze Stationen schließen. Der Sozialwissenschaftler Michael Rosentreter nennt diesen »Schwesternmangel« rückblickend eine nolens volens herbeigeführte Personalverknappung. Diese Pflegerinnen, vermutet er, hätten den Beruf gewechselt, Familien gegründet oder ein »Krankenhaushopping« betrieben.

Abwerben statt Umbauen

Zu lösen versuchte man das Problem in den 1960ern nicht etwa durch einen Umbau und eine Aufwertung des Berufsstandes, sondern in der Suche nach zu diesen Bedingungen verfügbarem Personal im Ausland. Damals wurden etwa 2 000 Krankenschwestern aus Indien, 2 500 aus den Philippinen und 11 000 aus Südkorea angeworben. Mochte die für deutsche Verhältnisse geringe Entlohnung für diese Frauen anfangs attraktiv erscheinen, war es der hiesige Arbeitsalltag für viele nicht. Besonders die bereits ausgebildeten Pflegerinnen aus Südkorea waren in ihrer Heimat hoch qualifizierte und geschätzte ärztliche Assistenz und empfanden die Praxis deutscher Krankenhäuser als Degradierung.

Seither wurde das Pflegegesetz zwar mehrfach novelliert und Offizielle hüten sich heute vor explizit patriarchalen Charakterisierungen der »Schwester« à la Erhard. Doch zeigt der Blick über den Tellerrand, dass das System hierzulande auf der Stelle tritt. So ist in allen skandinavischen Ländern der Pflegeberuf ein akademischer - und in den USA, deren Gesundheitssystem vielfach kritikwürdig ist, verdienen »registrierte« Pflegekräfte mehr als das Doppelte wie in Deutschland. Bei allen vollmundig verkündeten Reformagenden sieht man die Lösung abermals in der Anwerbung im Ausland, etwa in Mexiko, Vietnam und wiederum den Philippinen.

Während dieses »Schwesternsyndrom« hier den Reformdruck etwas senkt, hat diese Praxis in den Herkunftsländern empfindliche Folgen. Diese verlieren ihrerseits benötigtes Personal und müssen teils selbst zur Abwerbung im Ausland greifen. So entstehen »global nursing chains«, also »Globale Pflegeketten«. Die Weltgesundheitsorganisation bittet bereits darum, aus bestimmten Ländern niemanden abzuwerben. Die hiesigen Auswirkungen dieser Reformverweigerung fasst eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zusammen. Notdürftig herangezogenes, fachfremdes Personal ist oft überfordert - während ausländische Fachkräfte, die häufig nur für Hilfsarbeiten eingesetzt werden, sich unterfordert fühlen.

Die Pflegehistorikerin Monja Schünemann erinnert vor diesem Hintergrund an Modellstationen, die es in den 1970ern in Heidelberg gab. Zu Zeiten der aufkommenden Psychosomatik versuchte man dort, Patient*innen, Pflegepersonal und Ärzt*innen als Team aufzufassen, das gleichwertig zusammenarbeitete. Eine krankheits- sollte durch eine patientenzentrierte Medizin abgelöst werden, die auch den Pflegenden gerechter wurde. Solche Ansätze würden per se noch nicht den Lohnabstand der Pflegenden gegenüber den Ärzt*innen verringern, der jenes überkommene sexistische Berufsbild ausdrückt - aber immerhin die extreme Hierarchisierung im Arbeitsalltag, die ebenso darauf zurückgeht. Doch allein das würde schon mehr Geld und Umstrukturierung erfordern, als es die herrschende Pflegepolitik beabsichtigt.

Gerade die Altenpflege, die Menschen versorgt, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, ist in kapitalistischen Gesellschaften prädestiniert dafür, schlecht finanziert zu werden. Dass dieses vergleichsweise neue pflegerische Feld bereits neue Strukturprobleme aufwirft, bevor die alten auch nur im Ansatz gelöst sind, zeigt vor allem eins: Es bedarf einer gesellschaftlichen Neubewertung von Sorge- und Pflegearbeit.

Weiterlesen

  • Auf der Suche nach einer anderen Medizin – Psychosomatik im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Alexa Geisthövel und Bettina Hitzer. Suhrkamp, 549 S., br., 28 €.
  • Tine Haubner: Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft. Laienpflege in Deutschland, Campus-Verlag, 495 S., kart., 39,95 €.

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