Kritischer Agrarbericht

Entfremdung überwinden

Auch im Kritischen Agrarbericht sind Stadt-Land- Konflikte Schwerpunktthema.

Von Jana Frielinghaus

Als das diesjährige Schwerpunktthema »Stadt, Land - im Fluss« des Kritischen Agrarberichts festgelegt wurde, habe man die Motive der französischen Gelbwestenbewegung im Blick gehabt, sagte Frieder Thomas vom Herausgeberkreis »AgrarBündnis« vergangenen Donnerstag bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Die in der Bundesrepublik bisher einmaligen Bauernproteste der letzten Monate habe man nicht vorhergesehen. Die Beiträge in der immer im Januar veröffentlichten Sammlung von fachlichen und Debattenbeiträgen zu Agrarpolitik, Ökologie, Ackerbau, Viehzucht und vielem mehr waren und sind ein Informations- und Dialogangebot an interessierte Land- und Stadtbewohner, Bauern und Naturschützer gleichermaßen. Der Kreis derer, die es annehmen, war und ist überschaubar.

Stattdessen werden in der Debatte um den Anteil der Landwirtschaft an Klimawandel, Insektensterben und Nitratbelastung von einer kleinen, aber lautstarken Gruppe zunehmend Pauschalvorwürfe gegen die Branche erhoben. Nicht zuletzt deshalb bricht sich die Wut der vielfach nicht erst seit den Dürrejahren 2018 und 2019 um ihre wirtschaftliche Existenz ringenden Landwirte über immer neue Umweltauflagen bei sinkenden Einkünften einerseits und fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit andererseits Bahn auf Treckerdemos und in Facebook-Gruppen. Die konstruktive Komponente ihres Protests ist dabei ausbaufähig.

Die Aktiven der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Umwelt- und Tierschützer, entwicklungspolitisch Aktive und Wissenschaftler, die den Kritischen Agrarbericht herausgeben, leben seit fast drei Jahrzehnten vor, was längst für die gesamte Gesellschaft nötig wäre: sachliche Debatte und das gemeinsame Ringen um politische Konzepte, die das ökonomische Überleben ökologisch wie konventionell wirtschaftender Betriebe genauso sichern wie Biodiversität, Umwelt-, Tier- und Grundwasserschutz. Die Zwänge, die die globalisierte kapitalistische Wirtschaftsweise dem einzelnen Produzenten von Grundnahrungsmitteln auferlegt, spielen allerdings auch in dem Bericht eher am Rande eine Rolle.

Die Aqua-Farm in der Stadt
In Berlin-Lichtenberg sorgt der Afrikanische Raubwels für eine gesunde Pflanzenproduktion.

So vielfältig wie die Autorenschaft des Berichts, so unterschiedlich sind auch die Betrachtungsweisen. Drei Vertreter der AbL analysieren Gründe und Bedeutung der aktuellen Proteste, beginnend mit dem »Kuhhandel« zwischen Deutschem Bauernverband und Bundesregierung beim sogenannten Agrarpaket und endend mit Vorschlägen für eine umfassende Nutztier- und Ackerbaustrategie, ein verbindliches Setzen sozialer und Umweltstandards auch im internationalen Handel mit Lebensmitteln und Agrarprodukten sowie eine grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. Für letztere hat die AbL bereits vor zwei Jahren ein detailliertes Punktesystem vorgestellt, nach dem die Subventionen der Europäischen Union gerechter verteilt werden könnten - und das mit Hilfe ohnehin erhobener Daten, also ohne zusätzlichen bürokratischen Aufwand. Die AbL-Autoren weisen darauf hin, dass die Maßnahmen des Agrarpakets die Produktionskosten der betroffenen Betriebe »zum Teil ganz erheblich« erhöhen, ohne dass finanzieller Ausgleich in Sicht wäre, während sich Molkereien, Mühlen und andere Abnehmer mit ihren Preisen am Weltmarkt orientierten, »wo die Kosten der deutschen Auflagen wenig interessieren«.

Falscher Fokus
Das Feinbild Stadtmensch nützt in der Agrardebatte der Lebensmittelindustrie.

Im Editorial fordern die Herausgeber einen neuen »Gesellschaftsvertrag zwischen Stadt und Land«. Wie weit der Weg dorthin ist, machen Beiträge wie der der Soziologin Claudia Neu deutlich. Sie analysiert den Trend der »neuen Ländlichkeit« und konstatiert zugleich, dass Abwanderung und Erosion der Infrastruktur in ländlichen Räumen jenseits der Speckgürtel der Metropolen an Fahrt aufnehmen. Die Politik steuere nicht dagegen, sondern appelliere an bürgerschaftliches Engagement. »Heimelige Begriffe« wie »Gemeinschaft« verschleierten dabei, dass »die Kosten für die wegbrechenden sozialen und kulturellen Daseinsvorsorgeleistungen mehr und mehr privatisiert werden«.

AgrarBündnis (Hg.): Kritischer Agrarbericht 2020, AbL-Verlag, 360 S., 25 Euro