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Freundschaftsjahr im Norden

Dänen und Schleswig-Holsteiner begehen das 100. Jubiläum der Grenzziehung

  • Von Andreas Knudsen
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Grenze sollte wieder bei Kolding sein. Dann wäre es kürzer zu den Grenzläden.« Diese saloppe Bemerkung ist natürlich nicht wirklich ernst gemeint. Sie ist formuliert von Dänen mehrerer Generationen, für die deutsch-dänische Kriege, sprachliche und kulturelle Unterdrückung und Streit um die Grenzziehung weit in der Geschichte zurückliegen. Der kollektiven Psyche hat es auch wohlgetan, dass die Fußballnationalmannschaft 1992 im Finale der Europameisterschaft die Deutschen besiegen konnte. Wie dem auch sei, das Verhältnis Dänemarks und Deutschlands und ihrer Bürger ist so entspannt wie noch nie in den vergangenen 200 Jahren.

Die Wurzeln des Streites, wo die Grenze Schleswigs liegen sollte, gehen in die Zeiten der Herausbildung der Nationalstaaten zurück. Erst mit der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg wurde sie endgültig festgelegt und auf Vernunft und Zusammenarbeit bedachte Politiker verhinderten in den folgenden Jahrzehnten die Bestrebungen von Revisionisten, die Grenze nach Norden oder Süden zu verschieben.

Das ist Anlass genug, die Volksabstimmungen vom 10. Februar und 14. März 1920 mit einem deutsch-dänischen Freundschaftsjahr auf beiden Seiten der Grenze zu begehen. Koordiniert von den Botschaften beider Länder, dem Goethe-Institut, der dänischen Schlossverwaltung und der Landesregierung von Schleswig-Holstein, finden eine Reihe Kulturveranstaltungen statt, um sich auf die gemeinsamen Wurzeln zu besinnen. Auch Berlin und Kopenhagen leisten ihren Beitrag zum Fest - so mit einer Sonderausstellung über Kultur, Technik und Design aus Deutschland in Dänemark.

Der Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt jedoch aus historischen Gründen in Nordschleswig. Aus der historischen Rückschau sollen neue Impulse für die zukünftige Zusammenarbeit gewonnen werden. Betont wird dem Festcharakter entsprechend die kulturelle Seite, aber Wirtschaft und Arbeitsmarkt können von vertiefter Integration nur profitieren. Die Regionen Nordschleswig und Sønderjylland sind relativ strukturschwach und haben eine höhere Arbeitslosenrate als die Landesdurchschnitte. Das Pendeln über die Landesgrenzen trägt zum Ausgleich bei.

Das Freundschaftsjahr soll die Ereignisse im Abstimmungsjahr 1920 vermitteln und zeigen, dass gute und friedliche Zusammenarbeit in verschiedenen Grenzregionen funktioniert. Damit ist sie ein Vorbild für die friedliche Lösung von Grenzkonflikten. So wird die Theateraufführung von »Romeo und Julia« im Sommer in Gottorf, Flensburg und Haldensleben gezeigt. Jugendprojekte zu Tanz, Musik, Film und ein KunstLabor mit Workshops wird es mit Schwerpunkt in Padborg und Tondern geben. Die Sprache und das Liedgut der Grenzregion werden auf sechs Konzerten vorgestellt. Beteiligt sind daran die NDR Big Band und das dänische Schleswigsche Musikkorps. Im Rahmen des Dokumentarfilmcamps 2020 werden Teilnehmer aus beiden Ländern, aber auch aus den anderen nordischen Ländern und Irland in Kiel und in Aarhus vier Filme fertigstellen, die sich den Themen Grenzziehung und Volksabstimmung widmen. Das Literaturhaus Schleswig-Holstein plant das Projekt »Literarische Begegnungen« für April und Oktober. Deutsche und dänische Autoren stellen ihre Werke vor. Übergeordnetes Thema ist »Grenze.«

Ausdrücklich erwünscht und nachgefragt sind in der Region Bürgerinitiativen über Sprach- und nationale Grenzen hinweg. Regionale und lokale Vereine haben dazu Initiativen ergriffen, die vorzugsweise lokal verankert sind. In diesem Zusammenhang wurden auch Vorhaben geändert, weil der dänische Wildschweinzaun für die Grenzbevölkerung nicht nur ein physisches Hindernis, sondern auch psychologische Barriere ist. Eine geplante grenzüberschreitende Kaffeetafel wurde beispielsweise ins Hinterland verlagert, weil, so einer der deutschen Organisatoren, »man nicht Kaffee trinken kann mit einer Mauer im Nacken«.

Teil des Freundschaftsjahres wird ein dänischer Spielfilm über die damaligen Ereignisse sein sowie der Besuch von Königin Margrethe II. in Sønderjylland im Juli. Bereits im vergangenen Herbst besuchte sie Schleswig-Holstein. Die Monarchin hat ein besonderes Verhältnis zur Region, denn ihre Familie entstammt dem Fürstenhaus Glücksburg mit Stammsitz bei Flensburg. In ihrer Silvesteransprache, die mehr Zuschauer hat als die des jeweiligen Ministerpräsidenten, hatte sie nicht nur ihren traditionellen Gruß an die dänische Minderheit in Deutschland überbracht, sondern würdigte auch das Freundschaftsjahr. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) besuchte vor einigen Tagen die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Er traf mit Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zusammen und wurde von Königin Margrethe II. zu einer Privataudienz empfangen.

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