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Leipzig ist bereit, Union unter Druck

Herbstmeister RB bleibt mit dem 3:1 auf Titelkurs, auch die Berliner konnten Zeichen setzen

  • Von Alexander Ludewig, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

»In Leipzig stirbt der Fußball« - hinter einem Banner mit dieser Aufschrift liefen am Sonnabend rund 1500 Fans des 1. FC Union durch die Messestadt, vom Hauptbahnhof bis zum Zentralstadion. Den 90 Minuten Schweigen des komplett in schwarz gekleideten Trauerzuges auf der Straße folgten im Stadion weitere Proteste gegen den ungeliebten Gegner. Beispielsweise ein leerer Gästeblock: Erst kurz vor dem Anpfiff der Partie bei RasenBallsport Leipzig strömten die Berliner Anhänger auf ihre Plätze. Der Stadionsprecher des Gastgebers nahm es mit Humor: »Offensichtlich haben es nicht alle Union-Fans rechtzeitig ins Stadion geschafft.«

Relativ humorlos hingegen gingen RB Leipzigs Spieler zu Werke. 45 Minuten brauchten sie, um sich beim Rückrundenstart warmzulaufen. In der zweiten Halbzeit zeigten sie, warum sie als Herbstmeister in die Winterpause gegangen sind: Im Höchsttempo suchten sie immer wieder den direkten Weg zum Tor - und standen dabei in der Defensive zumeist sicher. So erzielten sie durch den Doppeltorschützen Timo Werner und Kapitän Marcel Sabitzer drei Treffer, verteidigten mit einem verdienten Sieg die Tabellenführung und hinterließen einen beeindruckten Gegner.

Unions Mittelfeldspieler Christian Gentner hat in seinen fast 15 Jahren als Fußballprofi viel erlebt. Aus seiner Zeit beim VfB Stuttgart und in Wolfsburg weiß er auch, wie man Meister wird. Nach dem Spiel sagte er, noch sichtlich mitgenommen von der kraftraubenden Gegenwehr: »Wir haben jetzt zweimal gegen Leipzig gespielt, ich habe noch keinen stärkeren Gegner gesehen.« Genau das ist der Grund, warum weniger traditionsbewusste Fans - davon gibt es ja auch genügend - in der Leipziger Red-Bull-Filiale nicht den Tod, sondern eine Bereicherung des Fußballs sehen: ein spannenderer Titelkampf, vielleicht nach sieben Jahren sogar mal ein anderer Meister als der FC Bayern München.

Für dieses Ziel ist jedenfalls Julian Nagelsmann im vergangenen Sommer nach Leipzig gekommen. Und der 32-jährige Trainer ist auf dem besten Weg, es schneller zu erreichen als gedacht. Indem er das individuell stark besetzte Team flexibler als beispielsweise Vorgänger Ralf Rangnick spielen lässt, hat er es noch besser gemacht. Pressing - Umschalten: Dieses RB-Dogma hat er um weitere taktische Elemente ergänzt. Der Vergleich: Zum selben Zeitpunkt der Vorsaison hatte RB neun Punkte und 20 Tore weniger erzielt. Für den Rückrundenauftakt hatte sich Nagelsmann nach der Herbstmeisterschaft nicht nur einen »schnöden Sieg« gewünscht. Er wollte ein Zeichen setzen, »etwas ausstrahlen, damit die anderen wissen: Wir sind bereit!« Zumindest mit der enorm druckvollen zweiten Halbzeit ist es gelungen.

Ein Zeichen wollten auch die Unioner setzen: die Fans gegen das Kommerzkonstrukt RB und für Fußballkultur mit Schlagworten wie Mitbestimmung, die Mannschaft nach dem »Anschauungsunterricht«, wie Trainer Urs Fischer das 0:4 im Hinspiel bezeichnete, auf dem Platz. Beides gelang irgendwie. Den für die Anfangsviertelstunde geplanten Stimmungsboykott mussten die Berliner Anhänger allerdings unterbrechen. Weil Marius Bülter nach zehn Minuten das 1:0 erzielt hatte, wurde kurz gejubelt. Dass diese Führung bis zur Pause hielt, ist ein Zeichen gewachsener Stärke. Dass der Druck in der Rückrunde mit abnehmender Spielanzahl immer größer wird, wusste Trainer Fischer schon vorher. Nach dieser Niederlage und Siegen der Konkurrenz im Tabellenkeller gilt das umso mehr.

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