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Jetzt jubeln auch die Kinder mit

Rückkehrer Johannes Bitter gibt den deutschen Handballern mehr als starke Paraden

  • Von Michael Wilkening, Wien
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war nicht die größte Motivation, die Johannes Bitter antreibt, aber die Aussicht, dass ihn seine Kinder bewusst in der Nationalmannschaft spielen sehen könnten, beflügelte die Gedankenwelt des 37-jährgen Torhüters vom TVB Stuttgart. »Sie sind jetzt groß genug, um das mitzuerleben«, sagte Bitter noch vor dem Start der Europameisterschaft. Der Torhüter hatte 2011 seinen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt, um mehr Zeit für den eigenen Nachwuchs zu haben. Bis dahin waren die Kinder zu klein, um dem Papa bei Paraden zuzujubeln, den WM-Triumph 2007 erlebten sie nicht bewusst mit.

Am Montagabend hatte Bitter nun den vielleicht schönsten Moment im Kreise der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nach dem WM-Gold vor 13 Jahren, denn beim 34:22-Sieg gegen Österreich avancierte der Torwart zum Matchwinner - und sagte anschließend: »Ich muss erst mal zu Hause anrufen und fragen, was da los ist.« Es dürfte viel los gewesen sein, denn Bitter agierte beim Sieg gegen die Österreicher dermaßen überragend, dass er minutenlang mit Sprechchören gefeiert wurde. Die Fans ließen den WM-Helden von 2007 hochleben und der Keeper genoss die Ovationen. »Das war wunderschön«, sagte er später.

Immer wieder hatte Bitter die Atmosphäre in der Halle aufgesaugt und daraus Kraft für sein Spiel gezogen. Schon nach 15 Minuten war er für Andreas Wolff eingewechselt worden, hatte danach 15 Paraden gezeigt und mit einer Fangquote von 54 Prozent einen fast überirdischen Wert erreicht. Die deutschen Zuschauer in der Wiener Stadthalle ließen ihn dafür hochleben.

Aber nicht nur wegen seiner Paraden ist der Rückkehrer beliebt. »Es ist schön, wenn eine Leistung so honoriert wird, aber ich denke, das war nicht nur für heute. Ich glaube, die Fans spüren, dass ich alles für die Mannschaft gebe, auch wenn ich nicht spiele«, erklärte er - und hatte Recht mit seiner Einschätzung. Der 37-Jährige ist - und das ist in dieser Zeitspanne erstaunlich - zu einer prägenden Figur nach außen und innen geworden. »Das war mega«, lobte Mitspieler Uwe Gensheimer. »Gar nicht mal so schlecht, oder?«, kommentierte Kai Häfner den Auftritt Bitters mit einem Augenzwinkern.

Bemerkenswert positiv reagierte auch Wolff. Der Torhüterkollege ist sehr ehrgeizig, sah aber zu, wie Bitter gefeiert wurde - und schloss sich anschließend dem Chor der Gratulanten an: »Überragend, mehr brauche ich nicht zu sagen.« Die Nummer eins in der deutschen Torhüterrangliste lobte seinen Kollegen aber auch über die sportliche Leistung hinaus: »Jogi war bei diesem Turnier eine emotionale Stütze für mich. Es macht wirklich Spaß, mit ihm ein Duo zu bilden.«

Es war eine Art »Königstransfer« von Christian Prokop, sich für eine Neubesetzung auf der Torhüterposition zu entscheiden. Jahrelang bildeten Wolff und Silvio Heinevetter das Torhüterpaar. Die beiden fanden aber nie zu einem Team zusammen, es hakte zwischen den ehrgeizigen Schlussmännern. Die Folge war, dass beide sich ungewollt gegenseitig daran hinderten, auf das höchste Niveau zu kommen. Bei Wolff und Bitter ist es umgekehrt, sie sind in der Lage, sich gemeinsam zu steigern. Das führte nicht in jeder EM-Partie zu einer Weltklasseleistung, aber die Voraussetzungen dafür sind durch den Rückkehrer besser geworden. Dass Deutschland das Halbfinale verpasste und am Wochenende um Platz fünf spielen wird, lag zumindest nicht an den Torhütern.

Bitter gibt der Mannschaft mehr als Paraden, das wird immer dann deutlich, wenn Andreas Wolff gerade auf dem Feld steht. Von der Bank aus agiert der erfahrene Schlussmann als Antreiber, Motivator und Seelentröster. Er steht beinahe mehr vor seinem Platz, als er darauf sitzt. »Er ist ein Ruhepol, er ist ein Gute-Laune-Bär, er strahlt Sicherheit aus«, erklärte Rückraumspieler Fabian Böhm. »Jogi gibt der Mannschaft eine Sicherheit, auch durch seine Routine. Er ist ein sehr, sehr wichtiger Anker.«

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