Werbung

Der Gegner

Auf Twitter machen rechte Trolle, Lügen-Presse-Rufer und Fans der transatlantischen Freundschaft Front gegen Robert Habeck

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen
Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen

Das wacklige Handy-Video ist zwei Minuten und 18 Sekunden lang. Eigentlich war es für den Instagram-Kanal des ZDF gedacht. Das sagt die Reporterin Katrin Eigendorf, die den Grünen-Vorsitzenden, Robert Habeck, am Dienstag beim Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos befragt.

»Ich bin fassungslos«, antwortet dieser auf die Frage nach Donald Trumps Rede. In diesem Jahr soll das Treffen der globalen Wirtschaftselite ganz im Zeichen des Klimas stehen. Greta Thunberg hatte es am Morgen mit einer Auftaktrede eröffnet. »Wir müssen unsere Emissionen nicht reduzieren. Unsere Emissionen müssen aufhören«, so die 17-jährige Klimaaktivistin.

Wenig später hatte auch Donald Trump die Bühne betreten, in blauem Anzug und rotem Schlips. Was folgte, war eine Lobeshymne auf die USA und sich selbst. Die Wirtschaft in seinem Land prosperiere aufgrund seiner Politik und werde die Umweltprobleme der Welt lösen, so der US-Präsident.

»Im Grunde genommen war es ein einziges Desaster«, kommentierte Habeck dazu in dem ZDF-Clip. Es sei die schlechteste Rede gewesen, die er je gehört habe. »Er ist der Gegner«, sagte der Grünen-Politiker über Trump, wiederholte diesen Satz noch einmal und erklärte dann: »Er steht für all die Probleme, die wir haben.«

Es war dieser Satz, der ein breites Sammelsurium von liberal-bürgerlichen Nutzern, Klimawandel-Leugnern, rechten Trollen, Lügen-Presse-Rufern und Fans der transatlantischen Freundschaft auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter unter dem Hashtag #Habeck vereinigte.

»Ich finde, man sollte dem törichten Gestammel des Grünen-Chefs in Davos nicht zu viel Bedeutung beimessen. Wir wissen, dass er nicht einmal die Pendler-Pauschale, gegen die er opponiert, begriffen hat. Woher sollte er dann einer Rede in Englisch folgen können?«, kommentierte der Nutzer @Steinhoefel.

Auch Ex-Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) @n_roettgen zeigte sich besorgt: »#Habeck schafft es, sich mit seiner Kritik an Präsident #Trump selbst zu disqualifizieren. Man muss Trump nicht mögen, aber Habeck täte gut daran, sich zu erinnern, dass Trump der demokratisch gewählte Präsident des Landes ist, das unsere Sicherheit garantiert.«

Die Anschuldigungen gegen Habeck reichen inzwischen bis zu geschichtsrevisionistischen Aussagen, die den Grünen-Politiker mit Hitler und Goebbels vergleichen: »Der letzte, der so sprach wie #Habeck, endete mit nur noch wenigen, die ihn bejubeln, in seinem Bunker in Berlin«, schrieb @MoritzMichelson in einem Tweet. Und fügte in einem anderen Beitrag hinzu: »Die Seite, auf der hasserfüllte Deutsche wie #Habeck stehen, die einen «Kampf» gegen die Demokratie USA wollen, ist die falsche Seite. Zumindest das sollte die Geschichte lehren. Doch in den meisten deutschen Redaktionsstuben wird über Habeck gejubelt wie damals im Sportpalast.«

Von den realen Geschehnissen beim Wirtschaftsforum im schweizerischen Cologny hat sich die entgleiste Twitter-Debatte damit längst abgelöst. Trump wird relativ wenig interessieren, was ein deutscher Grünen-Politiker am Rande des WEF zu sagen hatte. Lediglich der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, meldete sich im Nachgang zu Wort und forderte Habeck auf, »besser zuzuhören«.

Am Hashtag #Habeck wird aber auch ein generelles Problem deutlich: eine Schein-Debattenkultur, in der mehr übereinander als miteinander geredet wird. Denn eine wirkliche Auseinandersetzung – etwa über den Klimawandel – fand weder zwischen Trump und Thunberg, noch zwischen dem US-Präsidenten und dem Grünen-Vorsitzenden statt.

Protestzug durch Schnee und Eis
Über 1000 Menschen demonstrieren wandernd gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos

Richtige Gespräche, so Habeck, habe es in Davos aber dennoch gegeben. Gegen Ende des Videos zeigte sich der Grünen-Politiker hoffnungsvoll, dort Lösungen finden zu können. In allen Diskussionen sei deutlich geworden: »Weiter wie bisher können wir nicht machen.« Diese Einschätzung würden auch die Politiker und Firmenchefs teilen, erklärte Habeck. Für ihn scheint der Kapitalismus als treibende Kraft des Klimawandels jedenfalls nicht »der Gegner« zu sein.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!