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Alter Mann im Weltraum

Am Lack der Sternenflotte kratzen: Die Serie »Picard« wirbelt das Star-Trek-Universum mit Altherren-Power durcheinander

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 5 Min.
Raus aus dem Ruhestand: Jean Luc Picard (Patrick Stewart) wird zum Outlaw.
Raus aus dem Ruhestand: Jean Luc Picard (Patrick Stewart) wird zum Outlaw.

Alte weiße Männer haben in der Filmbranche derzeit eine gewisse Konjunktur. In Martin Scorseses dreieinhalbstündigem Gangster-Epos »The Irishman« gibt sich die Altherrenriege Hollywoods von Roberto De Niro bis Al Pacino die Klinke in die Hand. Ein weiterer derzeit erfolgreicher alter Mann ist der 79-jährige in Brooklyn lebende Brite Patrick Stewart, den meisten als Earl-Grey-Tee trinkenden Raumschiffkapitän Jean Luc Picard aus der Kult-Serie »Star Trek - The next Generation« bekannt. Schon in dem X-Men-Film »Logan«, der seine Premiere vor zwei Jahren auf der Berlinale erlebte, durfte Patrick Stewart als altersschwacher Greis neben dem im Sterben liegenden Hugh Jackman die sonst gültigen Regeln des Superhelden-Epos konterkarieren. Nun wird das Star-Trek-Universum mit Altherren-Power auf erfrischende Weise etwas umgeschrieben. Denn Patrick Stewart bekommt mit »Picard« sogar eine eigene Fernsehserie, den mittlerweile achten Serienklon des 60er-Jahre Kult-Originals. Kaum eine kulturelle Franchise-Produkt-Linie ist über die Jahrzehnte oder genauer gesagt im letzten halben Jahrhundert so erfolgreich gewesen wie die Raumschiff-Telenovela aus den unendlichen Weiten des Alls. Wobei derzeit auf den Streamingplattformen ein regelrechter Boom herrscht. Die von Beginn an Feder führende US-amerikanische Fernsehanstalt CBS hatte bereits vor zwei Jahren mit »Star Trek Discovery« eine neue Serie aus der Taufe gehoben, die hierzulande auf Netflix zu sehen ist. Das neueste Produkt, die zehnteilige Serie »Picard«, gibt es nun wöchentlich auf Amazon.

Der Beginn der Serie ist so vorhersehbar, dass es fast schon weh tut. Der sich im Ruhestand befindende Jean Luc Picard lebt auf einem ansehnlichen Weingut irgendwo in einem hollywoodesken Bilderbuch-Frankreich und sinniert über das Leben. Dem setzt der Besuch einer Journalistin ein Ende, die Picard zu seiner Rolle in einem interplanetaren Konflikt und einer militärischen Krise einige Jahre zuvor befragt. Es geht um den Mars, auf dem es eine An-droiden-Revolte gegeben hat, während gleichzeitig der Planet Romulus durch eine Supernova explodierte. Picard vergeigte die Rettungsmission und das heldenhafte Leben der Sternenflotten-Ikone ist weit weniger glanzvoll als erwartet. Die kritische Journalistin, die wider Erwarten keine gefällige Homestory des Admirals a.D. im Sinn hatte, schmeißt der genervte alte Mann einfach raus. Als dann kurze Zeit später auch noch eine verstörte junge Frau in seinem vermeintlichen savoir-vivre-Paradies auftaucht, ohne zu wissen, was sie zu Picard geführt hat und plötzlich ein Killerkommando auf der Suche nach der geheimnisvollen Fremden das Weingut heimsucht, ist es mit der besinnlichen Ruhe komplett vorbei. Wie sich bald herausstellt, ist es Picards Vergangenheit, die ihn einholt.

»Star Trek«-Serien und -Filme kommen für gewöhnlich mit reichlich Pathos und einer nicht selten unangenehm moralisierenden Attitüde daher. Die vor zwei Jahren erschienene Serie »Star Trek Discovery« trieb dies noch auf die Spitze, wobei gleichzeitig auf die durch die Jahrzehnte gebetsmühlenartig heruntergeleierte an die UNO erinnernde vermeintlich pazifistische Doktrin der Sternenflotte verzichtet wurde. Endlich durften Enterprise und Co. mal so richtig in den Krieg ziehen und zivilisatorischen Grundwerten den Mittelfinger zeigen. »Star Trek Discovery« wirkte fast wie die popkulturelle Begleitmusik einer autoritären Wende, die ein überspitztes Schwarz-Weiß-Denken in Szene setzte, wie man das für gewöhnlich aus schlechter, unterkomplexer Fantasy kennt. Davon setzt sich »Picard« deutlich ab. Die streckenweise eher an einen Krimi erinnernde Serie beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie gefährlich künstliche Intelligenz ist. Nach der Androiden-Revolte mit vielen Toten sind menschenartige KIs, deren frühere sklavenartige Existenz auf dem Mars ebenfalls gezeigt wird, verboten. So etwas wie den Androiden Data, der neben einigen anderen alten Darstellern aus der Serie »Star Trek - The next Generation«, die zwischen 1987 und 1994 ausgestrahlt wurde, einen Gastauftritt hat, gibt es in der Zeit, zu der die neue Serie spielt - am Ende des 24. Jahrhunderts - gar nicht.

Damit wird zum einen die Vorstellung einer aufgeklärten Wissenschaft, die mit einem irreversiblen technologischen Fortschritt einhergeht, in Frage gestellt - womit die bisherige Star-Trek-Logik quasi auf den Kopf gestellt wird. Gleichzeitig wird in der Science Fiction immer öfter verhandelt, was künstliche Intelligenz eigentlich überhaupt ist. Eigene Wesen, die auch über Rechte verfügen? Was bedeutet es, sich gegen digitale Technologie und deren Personifizierung, die KIs, zu stellen? Wäre es schlauer, die als bedrohlich empfundene Technologie subversiv zu unterwandern und sich anzueignen, so wie das Donna Harraway schon vor Jahrzehnten in ihrem Cyborg-Manifest forderte, einem nach wie vor basalen Text linksradikaler Herrschaftskritik? Hinter der Konstellation der arbeitenden Maschinen stecken natürlich auch gesellschaftspolitisch relevante Fragen wie: Wer macht eigentlich die Arbeit? Und welche Rechte einer politischen und sozialen Teilhabe erwachsen daraus? Wenn also der gute alte Jean Luc Picard seinem toten bzw. abgeschalteten Androiden-Freund Data die Treue hält und sich um dessen Vermächtnis kümmert, steckt dahinter viel mehr als nur die muntere Fortschreibung eines skurrilen Serienplots aus den 1980er Jahren.

Dass sich die Serie von ihrer Machart und den technischen Möglichkeiten her deutlich von dem unterscheidet, was Patrick Stewart als Raunschiffkapitän vor drei Jahrzehnten zur Ikone machte, liegt auf der Hand. Dem alten Mann wird aber auch, wie in heutigen Science-Fiction-Verfilmungen, wie »Tribute von Panem« bis zur neuesten Star Wars-Trilogie, üblich, eine toughe junge Frau zur Seite gestellt, die zur eigentlichen Heldin und zum möglichen Bezugspunkt jüngerer Zuschauer wird. Das wirkt aber nicht aufgesetzt. Ob diese zeitgemäße personelle Konstellation, ein gewisser sozialkritischer Unterton und dass in der Serie immer wieder Bücher von Asimov oder Unamuno irgendwo herumliegen oder in die Hand genommen werden, auch damit zu tun hat, dass mit Michael Chabon ein namhafter Autor aus dem zeitgenössischen US-amerikanischen Literaturbetrieb und Experte in Sachen Science Fiction an dem Serien-Skript mitgewirkt hat, ist wahrscheinlich.

Auf jeden Fall wird in »Picard« mehr denn je am Lack der Sternenflotte gekratzt. Dementsprechend hat der gleichnamige Held auch seine Schwierigkeiten mit staatlichen Stellen: Als die gröbsten Hindernisse endlich beseitigt sind und Jean Luc ganz ungewohnt als Outlaw auf einem illegalen Schiff mit einer Handvoll Vertrauter in den Weltraum aufbricht, erinnert diese piratenartige Crew eher an die Serie »Expanse«. Die Verjüngungskur von »Star Trek« ist also trotz der Altherrenpräsenz einigermaßen erfolgreich.

»Picard«, ab 24. Januar auf Amazon.

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