Das geheime Leben der Bäume

Make forests great again

Jetzt im Kino: Das überhaupt nicht geheime Leben des Baumbuch-Erfolgsautors Peter Wohlleben.

Von Stefan Gärtner

Mit dem Erfolg kommen die Neider, und »Das geheime Leben der Bäume«, der Film zum in 40 Sprachen übersetzten Riesenerfolgsbuch gleichen Titels, kam eben erst ins Kino, da fuhr die »Süddeutsche Zeitung« unterm Titel »Im Märchenwald« auf, was renommierte Wissenschaft gegen Peter Wohlleben, den Förster, Riesenerfolgsbuchautor und einsamen Kämpfer gegens waldbewirtschaftende und -erforschende Establishment, vorzubringen hat: Er verwische die Grenze zwischen wissenschaftlich belegbaren Fakten und Spekulation; seine Kritik am Waldbau sei undifferenziert und sachlich falsch; Thesen wie die, Pflanzen besäßen ein Bewusstsein und könnten Schmerz regelrecht »empfinden«, seien Kokolores, wie überhaupt Wohllebens Erzählmuster der Vermenschlichung zwar sicher ein Hauptgrund für den spektakulären Publikumserfolg sei, mit Wissenschaft aber rein nichts zu tun habe.

Peter Wohlleben besteht darauf, kein Wissenschaftler zu sein, er tut das auch im Film, der mindestens so sehr von Peter Wohlleben handelt wie vom geheimen Leben der Bäume. Der Film beginnt damit, dass Wohlleben sehr aufgeräumt im Radio spricht, und dann sitzt er bei Markus Lanz, der ihn hinter der Bühne dafür lobt, so ein toller Geschichtenerzähler zu sein, im übrigen einer, den die Leute gern einmal zum Grillen zuhause hätten. Wir sehen Wohlleben in seiner »Waldakademie«, wie er vor Leuten spricht, die ihn gern mal zum Grillen einladen würden, und geht es um die Frage pflanzlichen Schmerzempfindens, springt ihm eine wunderbar klischeehaft schwäbelnde Waldfreundin bei: Nichts, wirklich gar nichts dürfe man mehr sagen, ohne dass es gleich ein »Affront« sei. Vermenschlichen, sagt Wohlleben (und sagt er auch in Interviews), das müsse er aber doch, schließlich spreche er nicht baumisch. Und also stillt die Baum-Mama ihr Kleines. Oder ist es der Papa?

Was der Film »Das geheime Leben der Bäume« übers geheime Leben der Bäume verrät, ist exakt das, was schon das Buch darüber verraten hat. Der Film macht daraus kein Geheimnis, und zu Wohllebens Off-Stimme, die Buchpassagen vorträgt, werden die je passenden Buchseiten aufgeschlagen. Die Musikuntermalung ist erträglich, die Natur erscheint hochaufgelöst in Superzeitlupe und Zeitraffer, und nach den Drohnenbildern sehen wir die Drohne selbst. Dass der Wald ein Wunder und Geheimnis sei, konterkariert der Film gewissermaßen, indem er sich als Nichtgeheimnis und Nichtwunder vorstellt, als so ehrlich wie sein Held, der leutselig mit dem I-Phone durch den Wald stiefelt und auch sonst so ausgerüstet ist wie sein Publikum, wenn auch, als wirklicher Outdoor-Mensch, mit etwas mehr Recht.

Dass die Natur uns nicht brauche, wir aber die Natur, ist einer der älteren Sinnsprüche der Umweltbewegung. Wohlleben aktualisiert das, wenn er sagt, wir könnten die Natur gar nicht vernichten, die kehre nämlich stets zurück, das sei bloß eine Frage der Zeit. Vernichten könnten wir allenfalls uns selbst. Naturschutz ist also Selbstschutz, und in diesem schlichten Satz, der auch die vermenschelnde Erzählung rechtfertigt, stecken das ganze Programm und jenes Identifikationsangebot, ohne das Publikumserfolge nicht zu denken sind: Es geht, denkt die Internationale der Kleinbürger, endlich einmal um uns, die wir genauso einzeln und frei leben wollen wie ein Baum und so brüder- und schwesterlich wie ein Wald, der aber ein Urwald sein muss, denn alles andere sind bloß »Plantagen« (Wohlleben).

Ließe man uns nur in Ruhe, hörte man auf mit der Bevormundung durch Steuern, Essvorschriften und Correctness, wir lebten so solidarisch wie die Bäume, und unsere Ehen und Familien, wie Wohlleben Baumgemeinschaften nennt, wären so glücklich wie die ihren. Buchen, sagt hingegen die Wissenschaft, leben in Konkurrenz und nicht in solidarischer, gleichwie zärtlicher Gemeinschaft, wovon Wohlleben so überzeugt ist, aber in Konkurrenz leben die Leute selbst, das wollen sie nicht hören. »Bäume würden nicht Trump wählen«, sagt Wohlleben; was aber, wenn doch? Und was, wenn der Satz als solcher Tinnef wäre?

Was hier zusammenfindet, ist der Argwohn gegen die da oben (Wohlleben spricht im Hambacher Forst zwar gegen RWE, rät aber andernorts zur Entspannung: »Wir müssen uns nicht ständig schuldig fühlen«) mit der komplementären, ewig romantischen Sehnsucht nach einer wilden, natürlichen, darin heilen Welt (inkl. Internet, versteht sich, schließlich sind Bäume ja gleichfalls »vernetzt«), und man muss kein ausgesprochener Freund zeitgenössischer Vernutzungswirtschaft sein, um den Film, der weniger Naturlehrfilm denn eine Helden- und Rebellenerzählung ist, für ein Stück Populismus zu halten: Hier zeigt es einer allen, und der Erfolg gibt ihm recht. »Mich macht es traurig zu sehen, wie einfach es ist, allein durch emotionale Darbietung, Dinge als Fakten erscheinen zu lassen, die keine sind«, sagt nicht Wohlleben, sondern ein Göttinger Professor für Waldbau und Waldökologie, wenn auch nicht im Film, sondern in der »SZ«. Derlei erlebe man ja heute überall, auch in der Politik, und ein Biologe, der wider Wohlleben ein (etwas weniger erfolgreiches) Buch namens »Das wahre Leben der Bäume« geschrieben hat, sekundiert, für komplexe Zusammenhänge interessiere sich halt niemand mehr, für gefühlige Unterhaltung und simple Lösungen aber um so mehr.

Wer nun recht hat, können Laien nicht beurteilen. Was sie aber misstrauisch machen könnte, ist, dass es in einem Film über Bäume ständig um Menschen geht. Eigentlich nur um einen.

»Das geheime Leben der Bäume«, Deutschland 2020. Dokumentarfilm. Regie: Jörg Adolph. 96 Min.