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Unheile Welt

Die Schriftstellerin Gudrun Pausewang ist gestorben

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

In den 80er Jahren war die Apokalypse eine ziemlich ausgemachte Sache. In den USA und in der UdSSR waren Politiker an der Macht, die als unzurechnungsfähig galten und nur »die alten Männer« genannt wurden. Damals gab es neue Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa und eine riesige Friedensbewegung dagegen, und es gab »das Atom«, wie sich in meinem Zivildienst ein alter Mann ausdrückte, der sich deshalb weigerte, seine Wohnung zu verlassen. Die Angst vor der unsichtbaren Strahlung, vor der militärischen wie zivilen Nutzung der Atomenergie, hatte die Grünen als neue Partei stark werden lassen. Wie zur Bestätigung explodierte 1986 das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine.

Für die Älteren sangen die Einstützenden Neubauten damals »Tanze den Untergang«, und für die Jungen gab es Gudrun Pausewang, die noch 2015 in »Schrot & Korn«, der kostenlosen Kundenzeitschrift der Bioläden, verkündete: »Die Welt ist nicht heil. Das wissen schon die Kinder.« Auch befeuert von ihren Jugendbüchern, die Schullektüre sind: In »Die letzten Kinder von Schewenborn« (1983) wird der Ausbruch eines Atomkriegs und in »Die Wolke« (1987) werden die Folgen eines Reaktorunglückes geschildert. In beiden Büchern irren Kinder durch ein atomar verseuchtes Mittelhessen, wo die Schriftstellerin Pausewang in einem kleinen Ort im Vogelsbergkreis lebte und bis 1989 als Grundschullehrerin wirkte.

»Die Wolke« wurde 2006 verfilmt, galt aber auch schon beim Erscheinen als das Schockbuch der Stunde. Als es 1988 für den Jugendliteraturpreis vom Familienministerium nominiert wurde, protestierten Teile der CDU, doch die Ministerin Rita Süssmuth vom modernen Flügel der Partei zeichnete das Buch trotzdem aus. Später urteilte Tilman Spreckelsen in der »FAZ«: »In einer Zeit, in der das sogenannte Mutmacherbuch als Genre der Kinderliteratur erfunden wurde, kann man Pausewangs Jugendromane - ›Die Wolke‹ ebenso wie ›Die letzten Kinder von Schewenborn‹ - mit Fug und Recht als Angstmacherbücher bezeichnen. Irgendein Trost ist in ihnen nicht zu haben.« Sie gehören wie Derrick und RAF zur Kultur des »BRD-Noir« (Frank Witzel). Nach der AKW-Katastrophe 2011 in Fukushima hatte »Die Wolke« wieder Konjunktur.

Für Pausewang war ihr Ansatz »knallhart-realistisch«. Eine Selbsteinschätzung, die sich nur schwer mit ihren spekulativen Schilderungen der Jugend von Adolf Hitler (»Adi - Jugend eines Diktators«, 1997) oder des Transports eines jüdischen Mädchens im Viehwaggon nach Auschwitz (»Reise im August«, 1992) in Einklang bringen lässt. Und auch nicht mit ihrem »Roman aus der Friedensbewegung« von 1984, den sie »Etwas lässt sich doch bewirken« nannte: »Darin duften Kornfelder, umarmen sich Behinderte und Mahnwachposten, Küken werden geküsst«, fasste Gerhard Henschel dieses Buch in seiner Untersuchung »Die Linke und der Kitsch« zusammen. Pausewang, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie aus dem heutigen Tschechien nach Hessen geflohen war und längere Zeit als Lehrerin in Südamerika gearbeitet hatte, veröffentlichte an die 100 Bücher mit einer Gesamtauflage von fünf Millionen. Darunter auch sehr schöne antiautoritäre wie amüsante Werke wie die Geschichten über den »Räuber Grapsch«, der im Wald wohnt und ohne seine Ehefrau ein Trottel geblieben wäre. Am vergangenen Donnerstag starb Gudrun Pausewang im Alter von 91 Jahren in Bamberg in Oberfranken.

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