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  • Berlin
  • Zählung der Obdachlosen

Das große Zählen

In der Nacht zu Donnerstag sollen Tausende Helfer die Menschen ohne Obdach aufsuchen

  • Von Claudia Krieg und Martin Kröger
  • Lesedauer: 3 Min.
Wie viele Menschen auf Berlins Straßen leben, soll durch die Zählung endlich geklärt werden.
Wie viele Menschen auf Berlins Straßen leben, soll durch die Zählung endlich geklärt werden.

Noch für diesen Mittwochabend sind die letzten Schulungen geplant. So sollen in den Räumen des neuen »Zentrums am Zoo« bis zu 30 freiwillige Helfer*innen unterrichtet werden, wie sie bei der geplanten großen Zählung der Obdachlosen vorzugehen haben. Dabei ist auch die Presse zugelassen. Bei der deutschlandweit ersten Zählung von Menschen ohne Obdach, die der rot-rot-grüne Senat in der Zeit von 22 Uhr an diesem Mittwoch bis 1 Uhr am Donnerstag plant, sind die Medien allerdings nicht erwünscht.

Mehr als 3700 Helfer*innen insgesamt sollen die seit vielen Monaten geplante Zählung stadtweit durchführen. Die Freiwilligen werden in 617 Teams, ausgestattet mit blauen Westen sowie Trinkbechern und Verhaltenskodex - »Geweckt werden soll niemand« -, in kleinen Gruppen gemeinsam mit einer Teamleitung zuvor festgelegte Strecken in den zwölf Bezirken abgehen. Alle erhalten noch am Abend eine Schulung in einem der 60 Zählbüros. Anonym und freiwillig können die obdachlosen Menschen, die sie antreffen, einige kurze Fragen zu ihrer Lebenssituation und Herkunft beantworten.

»Die Zählung soll eine statistische Grundlage schaffen, um Obdachlosen das ganze Jahr über passgenauere Unterstützung anbieten zu können«, erklärte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) zur Projektvorstellung seinerzeit. Daher der Titel »Nacht der Solidarität«. Breitenbach hat die Initiative intensiv vorangetrieben. Auch die Wohnungslosenhilfe ist von der Sozialsenatorin stark finanziell aufgestockt worden. Genau wie die Zahl der Notübernachtungsplätze. Doch seit Jahrzehnten gibt es für Berlin nur grobe Schätzungen über das Ausmaß von Obdachlosigkeit - es soll sich um 6000 bis 10 000 Menschen handeln.

Vor allem Betroffene und Aktivist*innen gegen Wohnungslosigkeit und Zwangsräumungen kritisieren die Aktion des Senats. Dieser selbst habe ja mit seiner Wohnungspolitik die hohe Obdachlosigkeit in der Hauptstadt erst herbeiführt, heißt es beispielsweise seitens des Kollektivs des im Jahr 2017 zwangsgeräumten Neuköllner Kiezladens »Friedel 54«. Um dies im Zusammenhang mit der »Nacht der Solidarität« erneut anzuprangern, habe man bereits mehrere Tausend Flugblätter in der Stadt verteilt, gab dessen Sprecher Matthias Sander am Dienstag bekannt. »In den Räumen unseres früheren Kiezladens können keine Menschen mit geringem Einkommen mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben«, so Sander.

Das Kiezladenkollektiv empfindet die Erklärung, es handele sich bei der Zählung um eine Solidaritätsaktion, als eine Provokation. Besser solle man sich an den Mahnwachen vor dem Roten Rathaus und vor dem Reichstag beteiligen, die dort von Mittwoch 14 Uhr bis Donnerstag 14 Uhr anlässlich der Zählaktion angemeldet sind. Organisiert werden diese vom Wohnungslosenparlament mit Unterstützung vom Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn. Eine gut gemeinte Geste wie die »Nacht der Solidarität« werde die Zahl der Menschen, die kein eigenes Zuhause haben, nicht verringern, erklären die Initiator*innen. Man wolle vielmehr der Opfer der Wohnungs- und Obdachlosigkeit gedenken, die Gewalt- und Zwangserfahrungen erleiden müssen oder der Kälte erlegen sind. Am Roten Rathaus werde man das »Recht auf ein angemessenes Zuhause«, festgehalten im Artikel 28 der Berliner Landesverfassung sowie die Beendigung von Zwangsräumungen einfordern.

Bundesweit leben nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe für 2018 rund 41 000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße. Das Berliner Zähl-Projekt interessiert deshalb auch andere deutsche Städte. Vorbild für die Berliner Aktion waren New York und Paris, wo es ähnliche Zählungen gab.

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