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Wo sind die klugen Aktionen?

In »Diskursdisko« plädiert Enno Stahl für eine Literatur, die nicht in bürgerlicher Hand ist

  • Von Thomas Wagner
  • Lesedauer: 5 Min.
Findet in der bundesdeutschen Literatur kaum statt: die Arbeit im Barbershop
Findet in der bundesdeutschen Literatur kaum statt: die Arbeit im Barbershop

Wer die schlechte Wirklichkeit verbessern will, hat es schwer, in der deutschen Gegenwartsliteratur Bündnispartner zu finden. So lässt sich der ernüchternde Kerngedanke zusammenfassen, den der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Enno Stahl in seiner Aufsatzsammlung »Diskursdisko« in immer neuen Anläufen entfaltet und mit Beispielen illustriert.

Als willfähriger Erfüllungsgehilfe der Entfernung von Systemkritik aus dem öffentlichen Diskurs habe die Literatur der sozialen Abschließung der bürgerlichen Gesellschaft nach unten und der wachsenden sozialen Ungleichheit kaum etwas entgegenzusetzen, konstatiert Stahl. Sie fungiere zu weiten Teilen als bloßer Spiegel der Bedürfnislagen einer weithin privilegierten bürgerlichen Klasse. Statt fiktionale Räume zu gestalten, in denen die Welt als veränderbar dargestellt wird, verkleistere sie den Blick auf reale Widersprüche und auf nicht realisierte Möglichkeiten des Zusammenlebens.

Wo sind dafür die Ursachen zu finden? Für Stahl ist die Literatur im Kulturbetrieb wie in einer bürgerlichen Echokammer eingebettet, deren privilegierte Bewohnerinnen und Bewohner im eigenen bildungsbeflissenen Saft schmoren. »Literatur«, schreibt er, »wird in Deutschland von Menschen produziert, vermarktet und rezipiert, die aus gut situierten Verhältnissen stammen. Die Funktions- und Entscheidungsträger des literarischen Feldes, Autoren, Lektorinnen, Feuilletonisten, Angehörige von Preisjurys oder Leiterinnen von Literaturhäusern, bewegen sich in einem hermetisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Teilsystem.« Innerhalb dieser kulturellen Blase entfalte sich eine Literatur, aus der die Leser häufig nicht einmal erführen, wovon die Figuren überhaupt lebten. Die gesellschaftlichen Bedingungen für die Herausbildung ihrer jeweiligen Einstellungen und Haltungen gerieten erst recht nicht in den Blick.

Eine abgesonderte bürgerliche Klasse bringt Literatur hervor, die den sozialen Abschließungsprozess dieser Klasse nur weiter befördert. Dass Stahl sich damit nicht zufriedengeben will, daran lässt er keinen Zweifel. Aber wie will er aus dem beschriebenen Teufelskreis ausbrechen?

Er deutet mehrere Möglichkeiten an. Wer einen Roman schreibt, sollte darauf bedacht sein, dass die sozialen Parameter, die die Figuren bestimmen, deutlich werden. Ob ein Text dem von Stahl favorisierten »analytischen Realismus« zuzurechnen ist, bemisst sich dabei nicht an Stil- oder Formfragen, sondern an der durch diesen zum Ausdruck gebrachten Haltung. Stilistische Experimente sind, sofern sie der Sache dienen, für Stahl ausdrücklich erlaubt. »Alles Formale«, zitiert er Bertolt Brecht, »was uns verhilft, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muss her.«

Die Wirkmöglichkeiten eines undogmatischen und ästhetischen Experimenten gegenüber aufgeschlossenen Realismus sind freilich durch die Leseerwartungen und -gewohnheiten des Publikums beschränkt. Um daran etwas zu ändern, empfiehlt der Schriftsteller Stahl seinen Kolleginnen und Kollegen eine kulturpädagogische Einstellung: »Wenn das bürgerliche Lesepublikum sich kaum für die umgebende Wirklichkeit interessiert, dann muss man es eben dazu erziehen, dass es sich darum kümmert. Man muss ihm klarmachen, dass seine Weltsicht für einen großen Prozentsatz der Bevölkerung nicht mehr relevant ist, dass es selbst Teil des Problems ist. Man muss ihm alternative Sichtweisen eröffnen. Wenn das eben nicht nur zwei oder drei Autoren und Autorinnen machen, sondern die Mehrzahl, dann werden sich auch Literaturbetrieb und Lesepublikum kaum dieser Dynamik verschließen. Also liegt es an den Literaturproduzierenden selbst!«

Auf den ersten Blick erscheint dieser Ansatz freilich schwer umsetzbar. Wenn die überwiegende Mehrzahl der Schreibenden so sehr von ihrer bürgerlichen Klassenlage bestimmt ist, wie es Stahl nahelegt, ist von ihrem massenhaften Übertritt ins fortschrittliche Lager erst einmal nicht auszugehen. Aber wer sagt eigentlich, dass es für wirksame Impulse in die richtige Richtung unbedingt der Mehrzahl der Schreibenden bedarf? Sind es nicht häufig genug kleine Minderheiten gewesen, die mit prägnanten klugen Aktionen zur passenden Zeit an der richtigen Stelle den lange Zeit unbeweglich erscheinenden Stein ins Rollen brachten?

Damit diese Interventionen gelingen können, braucht es jedoch Einsichten in die institutionellen Mechanismen und Eigenlogiken, die ein so komplexes Gefüge wie den Literaturbetrieb am Laufen halten. Eine materialistische Bestandsaufnahme der Literaturinstitutionen, so ließe sich Stahl ergänzen, würde dabei helfen, literaturpolitische Interventionen so vorzubereiten, dass sie auch dann in Schwarze treffen, wenn sie nur von einer kleinen radikalen Minderheit der schreibenden Zunft vorangetrieben würden.

Zu Recht erinnert Stahl daran, dass Literatur in Deutschland nicht immer so fest in bürgerlicher Hand war wie heute. Im Umfeld von Gewerkschaften und linken Parteien gab es Arbeiterbildungsvereine, die eine Unzahl von Lesezirkeln und literarischen Gesprächskreisen hervorbrachten. Aber die Einsicht in den Wert, die literarische Bildung für das Begreifen der Wirklichkeit, für die Formulierung und Durchsetzung eigener Interessen hat, sei in den Organisationen der unteren Klassen weitgehend verschwunden. Sie verfügten heute über keine nennenswerten eigenen kulturellen Institutionen mehr, durch die wirklich eigenständige Impulse in den gesellschaftlichen Diskurs gelangen könnten.

Aber nur mithilfe geeigneter Institute, so wusste schon der in dieser Hinsicht materialistisch argumentierende erzkonservative Philosoph Arnold Gehlen, kann es gelingen, gute Ideen nicht nur zu diskutieren, sondern ihnen auch »zu einer gerechten und dauerhaften Wirklichkeit zu verhelfen«. Es war daher ein schwerer klassenpolitischer Fehler, dass linke Parteien irgendwann darauf verzichtet haben, ihre »organischen Intellektuellen« (Antonio Gramsci) in eigenen Parteischulen heranzubilden. Hier konnten hochqualifizierte Geistesarbeiter von hemdsärmeligen Proletariern lernen und umgekehrt. Der gemeinsame Horizont von linken Gleisbauern und Marx-Exegeten war die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Heute können selbst in der Linkspartei oft nur noch diejenigen Karriere machen, die ein Studium im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb absolviert haben. Die Interessen, Artikulationsformen und Sprechweisen der Arbeitenden in Fabrik, Barbershop, Supermarkt oder Putzkolonne drohen daher auch innerhalb der Linken aus dem Blick zu geraten.

Das kann geändert werden. Dazu braucht es aber einen entsprechenden politischen Willen und ein ernsthaftes Engagement für fortschrittliche Wissenschaft und progressive Kultur. Noch allzu oft entpuppt sich die viel beschworene linke Solidarität mit den Künstlern als Lippenbekenntnis. Literatur wird auch von vielen Linken verstanden als schönes Beiwerk, das möglichst wenig kosten soll. Dass es auch anders geht, zeigt das jahrzehntelange Engagement Enno Stahls als Organisator von Lesebühnen und Diskussionsforen, zum Beispiel die von ihm vor mehr als fünf Jahren in Berlin mit ins Leben gerufenen Veranstaltungsreihe »Richtige Literatur im Falschen«. Was dort besprochen wird, hat das Zeug, Teil der Lösung zu werden.

Enno Stahl: Diskursdisko. Über Literatur und Gesellschaft. Verbrecher-Verlag, 176 S., br., 18 €.

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