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Mekong

Gier nach Sand

Die Gewinnung des Baustoffs aus dem Mekong ruiniert die Lebensgrundlagen am größten Strom Südostasiens.

Von Michael Lenz

Sand ist ein besonderer Stoff. Kinder spielen gerne in Sandkästen. An sonnigen Stränden errichten Erwachsene prächtige, muschelverzierte Sandburgen. Das Sandmännchen bringt uns den Schlaf, und der Volksmund kennt Redewendungen wie »auf Sand gebaut« oder »Sand in die Augen streuen«. Wer Überfluss veranschaulichen will, greift gerne zu jener: »wie Sand am Meer«. Der breiten Öffentlichkeit aber ist kaum bewusst, dass Sand laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) nach Wasser der am meisten gehandelte Rohstoff der Welt und damit sowohl ein riesiges Umweltproblem als auch ein Stoff für Konflikte ist.

Sand steckt in Beton, in Glas, in Lacken, in Kosmetika, in Solaranlagen, in Computerchips. Sand ist vor allem eine unverzichtbare Zutat beim Bau von Häusern, Straßen, Staudämmen, Flughäfen. Unsere urbane Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut. Die Fläche des auf einer Insel gelegenen Stadtstaates Singapur zum Beispiel wächst unaufhörlich - durch Landgewinn dank Sandaufschüttungen. Singapur verbraucht pro Kopf weltweit den meisten Sand. Das ungestüm wachsende China aber ist in absoluten Zahlen der größte Sandverbraucher. Sand gibt es eben nicht »wie Sand am Meer«, sondern ist ein knappes Gut.

Wo aber kommt der Sand her? Einfach ausgedrückt: Er wird aus Ländern mit scheinbar unbegrenzten Sandvorkommen importiert. Unaufhörlich werden die Sandvorkommen der großen Flüsse Asiens abgebaut, Sand vom Meeresboden abgesaugt, auf Schiffe verfrachtet und nach Singapur und an andere Bestimmungsorte geschippert. Illegaler Sandexport, vulgo Sandschmuggel, ist schon lange ein großes Geschäft der international operierenden Sandmafia. Das wurde noch lukrativer, seit Kambodscha und Indonesien den Export von Sand verboten haben.

Ein Beispiel für die Folgen des unkontrollierten Sandabbaus für die Umwelt und die Lebensgrundlagen zigtausender Menschen ist das Mekongdelta in Vietnam. Ein Forschungsprojekt der Leibniz Universität Hannover hat in den vergangenen Jahren im Mekongdelta eine Bestandsaufnahme der Sandvorkommen und Transportkapazitäten des Flusses vorgenommen.

Anhand von umfangreichen Messungen konnten die Wissenschaftler unter anderem detaillierte Rückschlüsse auf lokale, informelle Sandentnahmen und die nicht nachhaltigen Entwicklungen des »Sandbudgets« ziehen. »Da das Mekongdelta bereits heute von fortschreitender Ufererosion in urbanen Räumen geprägt ist, standen die Feststellung des Inventars sowie die saisonale Budgetierung des Sandvorkommens und -transportvermögens im Fokus unserer wissenschaftlichen Untersuchungen«, sagt Projektleiter Torsten Schlurmann. Die in der Fachzeitschrift »Scientific Reports« veröffentlichte Studie zeige, dass der Nachschub von Sedimenten aus dem Mittel- und Oberlauf des Mekongs bereits heute zu gering ist, um die Sandentnahmen im Delta auszugleichen.

Der fehlende Nachschub verursacht Probleme wie fortschreitende Ufer- und Küstenerosionen sowie Bodenversalzung durch das Eindringen von Salz aus dem Meer. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das Leben und die Lebensgrundlage der etwa 18 Millionen Bewohner des Deltas. Aber auch der Rest von Vietnam ist von dem ökologischen Drama betroffen, denn als »Reisschüssel Vietnams« liefert die Landwirtschaft im Mekongdelta etwa 50 Prozent der Nahrungsproduktion des Landes. »Vor dem Hintergrund der Intensivierung der Nutzung der Wasserkraft am Mekong und mit dem Bau von mehr als einem Dutzend neuer Stauanlagen verschärft sich die Problematik der Stabilität des Mekong im Unterlauf und im Delta infolge eines zusätzlichen Rückhalts von Sedimenten im Mittel- und Oberlauf«, sagt Jan Visscher, Oberingenieur und Messfahrtleiter des Forschungsprojekts im Mekongdelta.

Kaum anders sieht es entlang anderer großer Flüsse Asiens aus, sei es der Ganges in Indien, der Gelbe Fluss in China, der Irrawaddy in Myanmar. »Wir geben unser Sandbudget schneller aus, als wir es verantwortungsvoll produzieren können«, warnte Joyce Msuya, UNEP-Exekutivdirektorin, bei der Veröffentlichung des UNEP-Reports »Sand und Nachhaltigkeit« im Mai 2019. Da die Sandgewinnung weltweit unterschiedlich geregelt sei, stelle der wachsende Trend zu nicht nachhaltiger und illegaler Gewinnung in Meeres-, Küsten- und Süßwasserökosystemen eine Herausforderung für die terrestrische, flussnahe und marine Umwelt dar, heißt es in dem Report. Und die Nachfrage nach Sand boomt ungebrochen. »Der internationale Handel mit Sand und Kies wächst aufgrund der hohen Nachfrage in Regionen ohne lokale Sand- und Kiesressourcen und wird voraussichtlich jährlich um 5,5 Prozent zunehmen, da die Verstädterung und die Entwicklung der Infrastruktur voranschreiten«, warnt UNEP.

Aber zurück zum Mekong. Der gut 2400 Kilometer lange, durch Birma, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam fließende untere Mekong führt immer weniger Wasser - wegen der elf Dämme im chinesischen Teil des Flusses sowie der zwei vor wenigen Monaten in Betrieb gegangenen in Laos, aber auch infolge fehlenden Regens als Folge des Klimaphänomens El Niño. Der Pegelstand ist der niedrigste seit 50 Jahren. Ein anderes Symptom ist der Farbwechsel des gewöhnlich schlammig-braunen Stroms in ein hübsches Blau, das erstmals im November 2019 in Nordthailand zu sehen war. Das Blau wird nach Ansicht von Wissenschaftlern durch Algen verursacht, die wiederum durch das seichte, langsamer fließende, immer weniger Sedimente mit sich führende Wasser üppig blühen.

Weniger Sedimente heißt aber auch weniger Sand bei gleichzeitigem ungehemmtem Sandabbau. Sand wird aus dem Mekong in Kambodscha mit einer Rate entfernt, die fünf- bis neunmal höher ist als jene, mit der Sand durch den natürlichen Sandtransport des Flusses wieder aufgefüllt wird, kommentiert das Internetportal »ScienceDaily« eine Studie von Wissenschaftlern der englischen Universität Southampton (DOI: 10.1038/s41893-019-0455-3). Anhand von Messungen der Uferformen mit einem bodengebundenen Laserscanner (TLS) konnte sie analysieren, inwieweit das Absenken des Flussbetts das Risiko eines gefährlichen Einsturzes der Uferböschung erhöht. »Unsere Untersuchungen ergaben, dass nur eine Absenkung des Flussbetts um zwei Meter erforderlich ist, um Ufer entlang des Mekong zum Einsturz zu bringen. Wir haben aber festgestellt, dass Baggergruben oft mehr als acht Meter tief sind«, sagt Julian Leyland, der die TLS-Messungen durchführte.

Kritiker des Sandabbaus leben gefährlich. Auf der indonesischen Insel Lombok überlebten ein Aktivist gegen Sandabbau und seine Familie im Februar 2019 nur knapp einen Brandanschlag auf ihr Haus. In Indien wurden bereits Hunderte Aktivisten und kritische Journalisten von der »Sandmafia« ermordet, weiß der amerikanische Autor eines Buches über Sand und Zivilisation Vince Beiser. In Kambodscha wurden im vergangenen Jahr Dearm Kundy und Hun Vanak Avon der Umweltorganisation Mother Nature zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie den umstrittenen Sandabbau an der kambodschanischen Küste fotografiert hatten.

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