Nicht weit von der Kirche entfernt haben Obdachlose ein Camp errichtet. Fotos: Niklas Franzen
Júlio Lancellotti

Widerstand statt Almosen

Der Priester Júlio Lancellotti aus São Paulo kämpft zusammen mit Obdachlosen gegen Ungleichheit und religiösen Fanatismus

Von Niklas Franzen

Jesus, ruft Júlio Lancellotti und blickt kurz vom Altar hoch, habe sich um die gekümmert, von denen niemand etwas wissen wollte. »Niemals hätte er seine Augen vor dem Leid der Menschen verschlossen.« Mehrere Ventilatoren rattern, während Lancellotti, 71, schlacksige Statur, Halbglatze, seine Predigt hält. Unter der weißen Robe lugen eine blaue Jeans und Sandalen hervor. Lancellotti ist ein katholischer Geistlicher, der nicht jedem passt: Seit drei Jahrzehnten predigt er, kritisiert den Staat und kümmert sich um diejenigen, die ganz unten sind. Für die einen ist er so etwas wie das gute Gewissen der Kirche. Für die anderen ein Nichtsnutz, ein Kommunist, ein Freund von Banditen.

Mooca, São Paulo. In dem traditionellen Mittelschichtsviertel im Osten der Megalopolis, in dem sich vor allem italienische Einwanderer niedergelassen haben, ist man stolz auf seine Herkunft - und dass man heute zu den sichersten Stadtteilen São Paulos zählt. Kleine Geschäfte, Eckkneipen mit Plastikstühlen und Pizzerien reihen sich an charakterlose, gut bewachte Wohntürme, die wie durch ein Kleinkind aufgestellte Bauklötze in die Höhe ragen. Etwas verloren, an einer unscheinbaren Straßenecke, steht ein beigefarbenes Gebäude mit einem Türmchen: die São-Miguel-Arcanjo-Kirche.

Im Inneren des kleinen Gebäudes glotzen Heiligenstatuen von der Wand. Auf einem Schild links vom Altar steht: »Du kommst herein, um Gott zu lieben.« Auf einem Schild rechts heißt es: »Du gehst hinaus, um deinen Nächsten zu lieben.« Vor allem ältere, herausgeputzte Frauen haben es sich an diesem Morgen auf den Holzbänken der kleinen Kirche gemütlich gemacht. In der letzten Reihe sitzen und knien mehrere Menschen, denen das harte Leben auf der Straße anzusehen ist. Ein älterer Mann mit zerrissener Kleidung kommt hereingetorkelt, nickt dem Priester kurz zu und lässt sich auf eine Bank plumpsen.

Mit dem Geläut einer Glocke beginnt Lancellotti seine Predigt. Sechsmal die Woche. Seit 34 Jahren. In seinen Ansprachen vermischen sich Gebete mit Kritik an sozialer Ungleichheit und Diskriminierung. Jesus trifft im Osten von São Paulo auf Marx. Mit seinem politischen Engagement hat sich Lancellotti nicht nur Freunde gemacht. Regelmäßig wird er bedroht, mittlerweile wird er sogar von Präsident Jair Bolsonaro verklagt. Wie wurde aus dem frommen Christen ein Staatsfeind?

Aufgewachsen ist Lancellotti im Osten der 20-Millionen-Einwohner-Stadt. Schon als Kind habe er sich für die Bibel interessiert, sich aus dem Haus geschlichen, um an Messen teilzunehmen und habe aus freien Stücken Latein gelernt. Mit den strengen Regeln der katholischen Einrichtungen konnte er jedoch nichts anfangen. Ein Priesterseminar verließ er als junger Bursche nach kurzer Zeit freiwillig. Aus einer Augustiner-Schule flog er im hohen Bogen hinaus. Das Urteil seiner Lehrer: zu frech, zu kritisch, zu viele Fragen.

So machte Lancellotti zuerst eine Ausbildung zum Krankenpfleger und arbeitete in einem Krankenhaus. Am Glauben hielt er dennoch fest - und sollte schließlich doch sein Leben Gott widmen. 1980 lernte er den Hilfsbischof von São Paulo kennen und begann, Theologie zu studieren. 1985 wurde er zum Priester geweiht.

Früh begann Lancellotti, sich für die Rechte von Obdachlosen und Kindern zu engagieren, kämpfte gegen die Ausbreitung von HIV. Der Kampf für das »Volk der Straße« wurde zu seiner Lebensaufgabe. Außerdem suchte er den Kontakt zu linken Bewegungen und lief, als es seine Beine noch mitmachten, auf vielen Demonstrationen mit. Heute engagiert er sich auch für die Rechte von LGBTI. Auf Facebook postet er Selfies mit Schwulen und Lesben, auf einer Veranstaltung küsste er einmal die Füße einer Transfrau, um sich für den Hass vieler Gläubiger zu entschuldigen. »Nicht alle sind glücklich über mein Engagement«, sagt Lancellotti und lacht kurz auf. »Aber das ist mir egal. Ich weiß, dass ich richtig handele.«

Nach knapp einer Stunde ist die Predigt zu Ende. Im Hof der Kirche haben sich rund hundert Menschen versammelt. Vernarbte Körper, glasige Augen, schlecht gestochene Tattoos auf nackter, schwarzer Haut: Es sind Spuren eines Lebens ganz unten. Lancellotti legt die Robe ab, beginnt Wurstbrötchen zu verteilen und Milch in Plastikbechern auszuschenken.

»Es ist ein Leid ohne Ende«, sagt Lancellotti nachdem er sich erschöpft auf eine Bank in der Kirche fallen gelassen hat. Doch zum Ausruhen kommt er nicht. Sein Handy klingelt ohne Unterbrechung, schnell ist er erneut von Menschen umringt. »Hast du eine Zahnbürste für mich?«, fragt ein hagerer Mann mit Lockenkopf und eingefallenem Gesicht. »Leider nein, mein Bruder«, antwortet Lancellotti. Ein kleiner Mann mit Fußballtrikot und Narben auf der Stirn setzt sich neben den Priester. Mit starkem Akzent des Dialekts aus dem Nordosten beginnt er zu erzählen: Gestern sei er von Polizisten in einem nahe gelegenen Park misshandelt worden. Mehrmals stockt der Mann, ringt um Fassung. Lancellotti legt seinen Arm um die Schulter des Mannes. Die Beamten, so erzählt er weiter, hätten gedroht, ihm Drogen zuzustecken und ihm »den Kopf abzureißen«. Am Ende der Tortur erklärten die Polizisten, dass sie »seinen Priester« umbringen werden. »Das war eine Warnung an mich«, sagt Lancellotti trocken. »So etwas passiert ständig.« Auch an diesem Morgen taucht plötzlich ein Streifenwagen auf. Ganz langsam rollt der Wagen mit blinkenden Blaulicht vorbei. Zwei Polizisten beobachten grimmig das Treiben vor der Kirche. »Seid vorsichtig, wenn ihr gleich hier weggeht«, ruft Lancellotti.

Durch seine Arbeit hat sich der engagierte Priester viele Feinde gemacht - nicht nur Polizist*innen. Nachbar*innen und Geschäftsbetreiber*innen beklagen, dass er »ihren Stadtteil« verändert habe. Dass er »Gesindel« angelockt und das Viertel verschmutzt habe. In einer Facebook-Gruppe wurde vor Kurzem ein Foto von Lancellottis Haus gepostet. Eine unmissverständliche Warnung. Und neulich stand Lancellotti vor einem Supermarkt, als plötzlich eine Frau auf ihn zugestürmt kam. »Sie sind doch der Priester, der die Nichtsnutze verteidigt. Wir werden Sie töten.«

Die Drohungen der selbsternannten »guten Bürger« sind nicht nur hohle Phrasen. Ganz in der Nähe der Kirche schütteten Unbekannte Anfang Januar Petroleum über einen schlafenden Obdachlosen und zündeten ihn an. Der Mann ist mittlerweile an seinen Verletzungen verstorben. Wenige Wochen zuvor starben unweit von São Paulo vier Obdachlose. Sie hatten ein vergiftetes Getränk getrunken, das sie von einem Unbekannten erhalten hatten. Und Ende November erschoss ein Mann eine obdachlose Frau in Rio de Janeiro auf offener Straße. Der Grund für die Schüsse? Die Frau hatte nach Kleingeld für Brot gefragt. Lancellotti meint: »Der Hass gegen die Ärmsten kennt keine Grenzen.«

An der Zunahme der Gewalt habe auch der rechtsradikale Präsident Bolsonaro Schuld. »Durch seinen Hass fühlen sich viele Brasilianer ermutigt, Gewalt anzuwenden.« Lancellotti warnt seit Langem vor dem rechtsradikalen Ex-Militär. Bereits im März 2017, als Bolsonaro noch ein weitestgehend unbekannter Abgeordneter war, bezeichnete er ihn während einer Predigt als »rassistisch, sexistisch und homophob«. Prompt wurde er von Bolsonaro verklagt. Das Verfahren läuft noch und liegt derzeit bei einem Gericht in Rio de Janeiro. »Selbstverständlich würde ich ihn heute wieder so bezeichnen«, sagt Lancellotti.

Zehn Minuten Fußweg sind es von der Kirche zu einem alten Umspannwerk. Die völlig verdreckten Straßenzüge rund um das verlassene Gelände wirken dystopisch. An mehreren Ecken brennen Feuer, Kinder spielen zwischen Müllbergen, Crackpfeifen blinken auf. Überall liegen Körper - in Zelten, unter Plastikplanen, andere liegen einfach ohne Schutz vor der Sonne auf dem nackten Asphalt. »Guck dir das an«, sagt Lancellotti, der am Stock durch die Straßen wandert. »Brasilien entwickelt sich in Richtung Äthiopien.«

Immer mehr Menschen landen in dem größten Land Lateinamerikas auf der Straße. Die schwere Wirtschaftskrise, familiäre Probleme, Drogensucht, das sind die Hauptgründe. Mindestens 40 000 Menschen sollen alleine in São Paulo obdachlos sein. 30 neue kommen jeden Tag dazu. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Was man jedoch weiß: Der Staat ist nicht in der Lage, für die Ärmsten der Gesellschaft zu sorgen.

In der Mitte einer Straße befindet sich ein großes, blau bemaltes Gebäude mit Wellblechdach. Ein großes Kreuz hängt im Inneren, an einer Tür klebt eine Regenbogenfahne. In dem Haus ist ein Projekt der Stadtverwaltung untergebracht, 800 Menschen essen in dem Gebäude jeden Tag zu Mittag. Obwohl es noch rund zwei Stunden bis zum Essen sind, sitzen bereits Hunderte Menschen auf harten Plastiksitzen und warten. An mehreren Stellen der Stadt gebe es solche Projekte, sagt Lancellotti. Doch die Not wird hier nur dürftig gelindert. Es ist wie ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde.

Einfach nur Essen auszugeben, reicht ihm nicht. Lancellotti mischt sich politisch ein, arbeitet mit sozialen Bewegungen zusammen, packt selber an. An diesem Morgen hat er mehrere Anwälte in seine Kirche eingeladen. Sie übernehmen kostenfrei Rechtsberatung. Heute geht es um Arbeitsrecht. Viele Obdachlose schuften beim Aufbau von Musikfestivals für einen Hungerlohn. Für einen ganzen Tag Arbeit erhalten sie umgerechnet nur rund zwölf Euro. »Ausbeutung«, nennt Lancellotti das. Mit seinem Aktivismus unterscheidet er sich von vielen anderen christlichen Organisationen. Diese versuchen zwar Not zu lindern, aber ignorieren meist politische Zusammenhänge. Lancellottis Devise aber ist Widerstand statt Almosen.

Solange er kann, sagt Lancellotti zum Abschied, werde er an der Seite »seiner Brüder und Schwestern auf der Straße« kämpfen. Kurz guckt Lancellotti auf sein Handy und sagt: »Ich muss jetzt los, jemand braucht meine Hilfe.« Dann verschwindet der Priester im Gewusel einer Menschentraube.