Leipzig

Die Anti-Jule

Franziska Riekewald will linke Oberbürgermeisterin von Leipzig werden.

Von Max Zeising, Leipzig

Der Schirm mit dem Parteilogo bleibt diesmal zugeklappt. Es regnet nicht, und die Sonne hat sich hinter Wolken versteckt. Nur der Wind pfeift an diesem kalten Wintertag um die Ohren. Eingemummelt in Mütze und Anorak steht Franziska Riekewald am Straßenrand und verteilt Flyer und Parteizeitungen.

Es herrscht Endspurt im Wahlkampf. Am Sonntag wird in Leipzig ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Oder eben eine Oberbürgermeisterin, zum ersten Mal in der über 1000-jährigen Stadtgeschichte. Franziska Riekewald tritt für die LINKE an, die sich nach dem guten Kommunalwahlergebnis im letzten Jahr, als die Partei in Leipzig stärkste Kraft wurde, für eine eigene Kandidatin entschieden hat. Nun geht es darum, die letzten Kräfte zu mobilisieren, gegen Amtsinhaber Burkhard Jung (SPD) und die anderen Gegenkandidaten, allen voran Sebastian Gemkow von der CDU und Katharina Krefft von den Grünen.

Kein Heimspiel in Connewitz

Auf den Straßen herrscht geschäftiges Treiben; die meisten Menschen scheinen den kleinen Wahlkampfstand, den Riekewald und ihre Helfer aufgebaut haben, gar nicht wahrzunehmen. Ein schlechtes Zeichen? Riekewald sieht das anders: »Viele Leute sagen uns, dass sie gar keinen Flyer wollen, weil sie uns ohnehin wählen.« Was zunächst nicht verwunderlich ist, denn schließlich befindet sich der Wahlkampfstand an diesem Tag im Leipziger Süden, am Connewitzer Kreuz. Dort fährt die LINKE stets überragende Ergebnisse ein. Und doch ist es für Riekewald kein echtes Heimspiel.

Rückblick: Vergangenen Samstag zogen 1600 Demonstranten durch die Leipziger Südvorstadt. Einige von ihnen warfen Böller und Steine auf Polizisten, griffen auch Journalisten an. Seitdem wird Leipzig in den Medien wieder zur linksextremen Hochburg stilisiert. Was mit der Wahrheit natürlich nur bedingt etwas zu tun hat, eher muss man von einer funktionierenden Zivilgesellschaft der Stadt sprechen, die sich der allgemeinen politischen Entwicklung nach rechts stärker entgegenstellt als andernorts, gerade in Ostdeutschland. Fakt ist aber: Die Wählerschaft in Connewitz ist seit der politischen Wendezeit linksradikal geprägt.

Franziska Riekewald macht jedoch keinen besonders radikalen Eindruck. Die 39-Jährige wirkt im Gespräch eher wie die nette Nachbarin, tritt zutiefst bürgerlich auf. Gleichzeitig hat sie den Parteisprech verinnerlicht, redet gestochene, druckreife Sätze. So, als könne sie auf eine jahrelange Erfahrung als Parteisoldatin zurückblicken. Was nicht von ungefähr kommt: Riekewald ist mit Politik quasi aufgewachsen, ihre Mutter war schon in der SED, dann in der PDS. »Aber als einfache Arbeiterin«, betont Riekewald. Will heißen: nicht als Funktionärin. Die Kandidatin ist sich bewusst, dass das bei den Wählern nicht gut ankommen würde.

Ob sie letztlich erfolgreich sein wird, ist aber ungewiss. Die LINKE ist in Leipzig zwar stark, diese Stärke liegt jedoch vor allem in einer Person begründet, die ganz anders ist als Riekewald: Juliane Nagel.

Während Sachsen immer tiefer im schwarz-blauen Meer zu versinken scheint, hält Nagel die rote Fahne hoch. Bei der letzten Landtagswahl hat sie ihr Direktmandat im Leipziger Süden, das einzige für ihre Partei im ganzen Bundesland, erfolgreich verteidigt. Sie ist damit gewissermaßen der parlamentarische Arm von Leipzig-Connewitz. Und: Bei der letzten Kommunalwahl bekam sie in ganz Leipzig die meisten Einzelstimmen aller Kandidaten.

Warum also kandidiert sie nicht selbst? »Ich wurde gefragt, habe aber abgelehnt. Das Amt des Bürgermeisters ist keines, das meinem Anspruch gerecht wird«, sagt Juliane Nagel. Denn sie ist eine, die aus der Bewegungslinken kommt. Anders als die »Parteisoldatin« Franziska Riekewald. Mit ihrem außerparlamentarischem Engagement hat Nagel den Leipziger Süden hinter sich gebracht. Kann das nun auch Riekewald schaffen?

Die Frage ist wohl eher, ob das ihr Anspruch ist. Riekewald erzählt von ihren Erfahrungen im Wahlkampf: »Wir kommen gerade aus Lößnig. Dort wählen uns auch ganz viele, aber dort ist der Frust der Menschen auch groß. Und dort stellt sich die Frage, ob die Leute sich für die blaue Alternative entscheiden - oder für uns, die soziale Alternative.« Heißt: Riekewald ist eine, die über den Kiez hinaus denkt. In Lößnig, einem Plattenbauviertel, das direkt neben Connewitz gelegen ist, sieht die rosarote Leipziger Welt nämlich schon deutlich grauer und trister aus. Und genau dort will Riekewald mit ihrer Politik, die sich stark auf das Soziale fokussiert, andocken. »Wir müssen mit den Leuten ins Gespräch kommen«, sagt sie. Ihre Schlüsselbegriffe: 365-Euro-Ticket, Kindergrundsicherung, Mietendeckel. Und - ja - auch das Sicherheitsgefühl der Menschen ist ihr wichtig. Sie kämpft für »ausreichendes Personal bei der Polizei«.

Das hört die polizeikritische Juliane Nagel sicher ebenso ungern wie der Szenekiez. Aber darum geht es Riekewald gar nicht, sie will den Szenekiez nicht verschrecken. Nur: Sie will die Menschen, die außerhalb des Szenekiezes wohnen und eine ganz andere Lebensrealität haben, nicht vergessen. Und damit gleich noch die AfD bekämpfen, die sich in diesen peripheren Räumen immer stärker ausbreitet. Etwas, das Juliane Nagel bislang nicht geschafft hat.

Unsicherheit als Chance

Ob es Franziska Riekewald gelingt, ist gleichwohl fraglich. Eine Umfrage der »Leipziger Volkszeitung« zufolge führt der populäre Amtsinhaber Jung deutlich vor Gemkow, die in der Stadtgesellschaft eher weniger bekannten Krefft und Riekewald liegen gleichauf dahinter. Folgt man der Umfrage, wird die Linkspartei ihr starkes Ergebnis von der Stadtratswahl nicht wiederholen können.

Dass Riekewald so ein unbeschriebenes Blatt ist, könnte ihr jedoch auch zum Vorteil gereichen. Nagel polarisiert und ist für viele Menschen zum Feindbild geworden. »Ich bin nicht überall beliebt«, das weiß Nagel selbst. Beziehungsweise, sie hat es in politisch uneindeutigen Regionen eben schwerer als Riekewald, die man dort bislang noch nicht gut kannte. Und genau darin steckt eine Chance, die Riekewald nutzen will - in all den Gesprächen, die sie mit den Menschen auf der Straße führt. Sie will die Leute, deren politische Orientierung unsicher ist, zu mehr Sicherheit verhelfen.

Das ist schließlich auch eine Erkenntnis vom vergangenen Samstag: Die politische Unsicherheit ist groß, nicht nur in Lößnig, sogar in Connewitz. Wahlhelfer Siegfried Schlegel berichtet, er habe Menschen getroffen, die immer links gewählt hätten, die sich das jetzt aber - nach den Demo-Krawallen - nochmal genau überlegen müssten.

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