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Rückblick als Anregung für neue Anläufe

»Postwachstum trifft Postsozialismus«: Jung und Alt im Gespräch über Wege zum sozial-ökologischen Umbau

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Stimmung optimistisch, die Bereitschaft, einander zuzuhören, groß. Ende vergangener Woche diskutierten in Berlin drei jüngere Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler mit drei älteren Männern, die seinerzeit für das Funktionieren der DDR-Wirtschaft mitverantwortlich waren.

Die große Frage, um die das Gespräch im Salon der Autorin und Kulturmanagerin Katrin Rohnstock kreiste: Wie bekommen wir einen Wechsel zu einem ökologisch nachhaltigen und sozial gerechten System hin? Dass der eigentlich sofort vollzogen werden müsste, darüber waren sich alle einig. Wie der Weg dahin aussehen soll, darüber gingen die Meinungen auseinander. Jedem der gut 60 Zuhörer im Raum, Frauen und Männer jeden Alters aus Ost und West, war klar, was Alexander Schmejkal gegen Ende des Gesprächs so formulierte: »Eine Transformation muss von der überwältigenden Mehrheit der Menschen getragen werden.« Sonst habe das Vorhaben keine Chance. Eine Kreislaufwirtschaft, für die es in der DDR gute Ansätze gegeben habe, sei gleichwohl angesichts der Begrenztheit der Ressourcen so dringend nötig wie nie, meint Schmejkal. Bis 1989 war er im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg Leiter der Kreisplankommission und stellvertretender Bezirksbürgermeister, danach arbeitete er unter anderem für eine Immobilienfirma.

Von Sozialismus wurde im Salon nur in der Vergangenheitsform gesprochen. Jana Gebauer, geboren 1973 in Stralsund, stellt sich gleichwohl »ein Leben außerhalb des Kapitalismus« vor. Sie engagiert sich in der sogenannten Degrowth-Bewegung für eine »große Transformation«, eine Überwindung der auf dem Zwang zum Wachstum und damit auf Ressourcenzerstörung basierenden herrschenden Ordnung also. Der gesellschaftliche Wandel, stellte die freie Unternehmensforscherin und Dozentin »im Bereich der Postwachstums- und Alternativwirtschaft« klar, müsse ein »demokratischer und emanzipatorischer Prozess« sein. Der werde viel Zeit in Anspruch nehmen, räumt sie ein.

Zuvor hatten die Älteren in der Runde die Meinung vertreten, Megaprojekte wie die Begrenzung der Erderwärmung auf die berühmten zwei bzw. 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter seien ohne einen »starken Staat« nicht möglich. Eckhart Netzmann zeigte sich überzeugt, dass der Wandel ohne »intensive Planung gesamtgesellschaftlicher Prozesse« zum Scheitern verurteilt ist. Netzmann, Jahrgang 1938, war Generaldirektor des Magdeburger Schwermaschinenkombinats »Ernst Thälmann«, kurz SKET, und nach 1990 selbstständiger Unternehmensberater. Ähnlich äußerte sich Uwe Trostel, der Ende der 1980er Jahre die zentrale Inspektion für Investitionen bei der staatlichen Plankommission der DDR leitete.

Aus dem Publikum wurde daraufhin die Befürchtung laut, hier werde eine »Ökodiktatur« propagiert. Sie kenne »keine bessere Staatsform als die repräsentative Demokratie«, erklärte eine Zuhörerin. Auch Gerrit von Jorck, Jahrgang 1986, zeigte sich »reserviert gegenüber staatlicher Planung und Top-Down-Prozessen«. Der Dozent für Arbeitslehre und Nachhaltigen Konsum an der Technischen Universität Berlin setzt auf ein »neues Narrativ einer sozial-ökologischen Lebensweise«. Dieses müsse für viele Menschen attraktiv sein, indem es etwa die Vorteile von Entschleunigung und »Zeitwohlstand« betone.

Alexander Schmejkal war an diesem Abend der einzige, der daran erinnerte, dass es »extrem starke« Gegner einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft gibt, nämlich das »internationale Banken- und Industriekapital«. Das Beste an der Veranstaltung waren Offenheit und ein ausgeprägter Sinn für Humor und Selbstironie bei allen Diskutanten auf dem Podium. Darüber hinaus hatte man durchaus Kenntnis von Arbeiten und Gedankenwelten der jeweils anderen »Fraktion«.

Dass Jung und Alt im Gespräch, auch im öffentlichen, bleiben werden, scheint ausgemachte Sache zu sein. Weitere Veranstaltungen des Formats »Erzählsalon« zu Zukunftsfragen mit Blick auf Verwertbares aus der realsozialistischen Vergangenheit sollen folgen, wie Katrin Rohnstock zum Abschluss ankündigte.

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