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Anschlag auf jüdisches Altenheim

Ungeheures Fragezeichen

Sieben Tote, keine Aufklärung: Vor 50 Jahren brannte in München ein jüdisches Altenheim.

Von Markus Mohr

Was am späten Abend des Freitags, den 13. Februar 1970, im Altenheim der israelitischen Kultusgemeinde zu München geschah, ist bekannt: Jemand drang ins Treppenhaus ein, verschüttete Benzin aus einem Aral-Kanister und steckte es an. Sieben Menschen - mit David Jakubovicz (60), und Eliakim Georg Pfau (63) zwei Überlebende der Nazilager - fanden den Tod. Doch jenseits des Ablaufs bleibt das Verbrechen ein Rätsel: Niemand hat es je für sich reklamiert, aufgeklärt ist es auch nicht.

Der Terrorakt fiel mit einer Kette von Gewaltereignissen zusammen. Binnen zwei Wochen gab es in München zwei Paketbombenanschläge auf Flugzeuge mit Ziel Israel und zwei versuchte Flugzeugentführungen einer palästinensischen Splittergruppe. Es starben 48 Menschen. Israel bombardierte bei Kairo eine Metallfabrik mit 70 Toten, laut Verteidigungsminister Moshe Dayan ein «Versehen». Zugleich stand ein Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban bevor. Anlässlich dieser ersten offiziellen Visite eines hochrangigen Regierungsvertreters aus Tel Aviv planten Linke und arabische Studierende in München eine Demo: Seit dem «Sechstagekrieg» 1967 und der Besetzung des Westjordanlandes galt Israel der Neuen Linken - nicht nur, aber auch hierzulande - als imperialistischer Frontstaat gegen Befreiungsbewegungen in Nahost und «der Zionismus» als dessen Ideologie. Zugleich reüssierte der Rechtsradikalismus: Seit 1965 war die NPD in sieben Landtage eingezogen, in Bayern hatte sie 15 Mandate.

In diesem Umfeld waren, wie Eckart Spoo in der «Frankfurter Rundschau» (FR) festhielt, zunächst vier Täterkreise verdächtig: antiisraelische Organisationen aus Nahost, arabische Gruppierungen vor Ort, sympathisierende deutsche Linksradikale - oder aber Neonazis.

«Suchen Sie mit! Jagen Sie mit!»

Doch in der zu Recht erregten Öffentlichkeit verengte sich dieses Feld sehr rasch. Schnell - aus heutiger Sicht überraschend - schloss man die erstgenannte Richtung aus. Die damals höchst militante Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) erklärte: «Wir verachten diese Anschuldigungen, die uns mit einer Tat wie einem Angriff auf ein Gotteshaus in Verbindung bringen wollen.» Und dass «arabische Freischärler», die zwischen «Judentum und Zionismus» einen «strengen Unterschied» machten, für ein «Attentat auf die Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde» kaum infrage kämen, fand nicht nur Rudolf Chimelli als Beiruter Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) plausibel. Sondern auch Peter Boenisch, Chef der «Bild am Sonntag» (BamS): Die «arabischen Partisanen, die sich sonst gerne ihrer Terrorakte rühmen», seien unverdächtig, «Greise verbrennen (zu) wollen».

Wer aber dann? Sofort schoss sich Boenisch auf Linksradikale ein. Er zog eine Linie von Aktionen gegen den Springer-Verlag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke bis zum Münchner Feuer: «Gestern kämpfte man radikal für Castro und Che Guevara und heute brutal für El Fatah. Vorgestern brannte ein Zeitungswagen und heute verbrennen Juden in einem Altersheim. Soll das so weitergehen?» Ohne irgendwelche Ermittlungen abzuwarten, startete «Bild» eine Kampagne, die der öffentlichen Meinung eine Richtung vorgab. Am Montag nach dem Brand titelte das Blatt: «Jagt sie, bis sie hinter Schloß und Riegel sitzen!» «Suchen Sie mit! Jagen sie mit! Helfen Sie mit!» Der «Axel-Springer-Verlag», erfuhr man, «erhöht die Belohnung auf 100 000 Mark».

Dieses Geld wollten sich viele verdienen. Noch am Abend durchsuchten nach entsprechenden «Hinweisen» Polizisten mit gezogener Waffe den Schwabinger APO-Treffpunkt «Georgenkeller». Festgestellt wurden dort die Personalien von Mitgliedern der maoistischen Jugendgruppe «Rote Garde», die zu den Aufrufern jener Demo zum Besuch von Abba Eban gehörte.

Auch die Linksradikalen und die arabischen Studierenden distanzierten sich sofort. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), die Frankfurter Trikont-Gruppe, das Israelische Revolutionäre Aktionskomitee im Ausland (ISRACA), die Generalunion Palästinensischer Studenten (GUPS), die Vereinigung arabischer Studenten und die Iranische Studentenvereinigung verurteilten die Tat gemeinsam. Die FR las aus dieser Erklärung eine klare Absage an «derartige antisemitische Aktionen».

Doch anders als selbst bei militanten Gruppen aus Nahost war Deutschland damals wenig geneigt, Linksradikalen irgendetwas zu glauben. Unter diesem Druck zog sich die Studierendenvertretung der Münchner Uni aus jener Demo zurück. Gegenüber der Presse verurteilte der AStA «im Namen der gesamten Studentenschaft (…) das abscheuliche Verbrechen» und sprach seine Anteilnahme aus. In der «aufgeheizten Atmosphäre» könne die Demo eine «Aufklärung über (...) den Befreiungskampf der Völker Palästinas» nicht leisten. Doch sei man «erstaunt», dass «einige Vertreter von Rundfunk und Presse (…) mit drohendem Unterton» eine Distanzierung von etwas verlangten, das «wir nur als verbrecherisch charakterisieren können».

In den Reaktionen auch der explizit antizionistischen Linken trifft man durchweg auf Entsetzen. Man fand die Tat offenbar so abwegig, dass es nahelag, die Verschwörungsthese der «Bild» quasi umzudrehen: So sah nicht nur der Münchner AStA die «politischen Hintermänner des Anschlags (wenn es solche überhaupt gibt und es sich nicht um die Tat eines kriminellen Psychopathen handelt)» auf der Gegenseite: «Reaktionäre arabische Regime, die damit dem Zionismus den besten Dienst erweisen und die sie gefährdende arabische Befreiungsbewegung diffamieren, oder deutsche Faschisten».

Auch Martin Buchholz, Redakteur des APO-Blattes «Extradienst», hob in diesem Sinne auf Axel Springers Berater Paul Carrell ab. Der war im Nazireich Pressechef im Auswärtigen Amt. Aus den Nürnberger Prozessen waren Überlegungen bekannt, die er im Mai 1944 für eine «Großaktion auf die Budapester Juden» angestellt hatte: Es müssten «äußere Anlässe und Begründungen» dafür geschaffen werden, «z.B. Sprengstofffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisation, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten» und Ähnliches. «Der Schlußstein unter eine solche Aktion», so Carrell, müsste aber «ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die Großrazzia aufhängt.»

Das Kollektiv des Berliner Untergrundblatts «Agit 883», dem u.a. Tilman Fichter und Günther Langer angehörten, fühlte sich gar an Italien erinnert. In Mailand war wenige Wochen zuvor die Bombe an der Piazza Fontana explodiert, die 17 Todesopfer forderte. Der brutale Anschlag geriet schnell in den Verdacht einer Operation unter «falscher Flagge». In diesem Sinn mutmaßte «Agit 883», auch München sei «inszeniert», ein «Musterbeispiel» einer Kooperation zwischen faschistischen Provokateuren und Sicherheitsapparat. Für Italien wurde diese zunächst wild klingende These zwanzig Jahre später tatsächlich offiziell bestätigt.

Auf Provokateure zielte schließlich auch ein Flugblatt, das am Tag nach der AStA-Pressekonferenz auftauchte. Die antizionistische Anarchogruppe Tupamaros München klagte, man wolle ihr die Tat «in die Schuhe (...) schieben»: «Laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen», hieß es darin. Den «neuen Reichstagsbrand» könnten «nur Leute gelegt haben, die daran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen».

In Kombination mit dem Text der «Agit» ist nun diese Einlassung interessant. Denn der Münchner Verdacht gegen Linke speiste sich ja auch aus einem «Präzedenzfall»: Gleichfalls nur Wochen zuvor, am 9. November 1969, wurde im jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße eine «Bombe» platziert. Laut Polizei detonierte sie wegen eines veralteten Zünders nicht. Ob sie im «Erfolgsfall» tatsächlich, wie es damals die Polizei und zuletzt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in seinem 2005 erschienenen Buch «Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus» darstellte, Hunderte Opfer hätte fordern können, ist fraglich: Ohne den Vorgang politisch zu verharmlosen, schrieb 2012 Günter Langer als einstiger Verbindungsmann des Untergrunds zur «Agit 883» in einem ereignisgeschichtlich wie technisch sehr detailliertem Text, die «Bombe» sei tatsächlich ein eher laienhafter Brandsatz gewesen, der - wie andere gleicher Bauart - womöglich relativ harmlos «verpufft» wäre.

Ein Präzedenzfall in Berlin?

Seit sich Albert Fichter, damals Mitglied der Westberliner Abteilung der um Dieter Kunzelmann gescharten Tupamaros, 2004 gegenüber Kraushaar als Bombenleger geoutet hat, gilt der Fall als geklärt. Ohnehin hatte die Gruppe diese Aktion in einem Flugblatt «gerechtfertigt», das zeitnah wiederum in «Agit 883» dokumentiert war - flankiert von einem Text «Was ist Antisemitismus?», der als Kritik daran zu verstehen war. Warum nun gab sich die «Agit» nach München so sicher, dass das diesmal keine Linken waren? Wollte man so nur kommunizieren, dass die Tat völlig untragbar war? Oder wusste man Genaueres? Die Wege waren kurz: «Agit»-Macher Tilman Fichter ist der Bruder des Berliner Bombenlegers Albert.

Hier beginnt das Reich der Fragezeichen. Klar ist seit Kraushaars Buch nämlich auch, dass die Berliner Bombe tatsächlich vom Verfassungsschutz stammte. Dessen Agent Peter Urbach verteilte öfter mal Waffen - und hatte nach Darstellung Tilman Fichters auch diesen einmal zum Bombenlegen zu animieren versucht. Steckt in dem «Agit»-Stück schon eine Ahnung davon, wer der Mann war, der ein Jahr später enttarnt wurde?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass im Berliner Fall der Staat den Anarchisten eine dysfunktionale «Bombe» gab, um ohne Schaden Stimmung zu machen. Kraushaar findet keinen Hinweis, dass der Geheimdienst genau wusste, worum es gehen sollte. Dass aber die just von einer «Schulung» bei der Fatah zurückgekehrte Kunzelmann-Gruppe auf israelische, gar jüdische Ziele kommen würde, musste klar sein.

Haben nun in München die Tupamaros zu primitiveren Mitteln gegriffen, damit es diesmal «klappt»? Hatten sie etwas «Kleineres» vor und waren so erschreckt vom Ergebnis, dass sie den tödlichen Anschlag leugneten? In etwa dies ist die These in dem 2013 erschienenen Buch Kraushaars zum Münchner Anschlag mit dem Untertitel «über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus».

Als Täter identifiziert er einen damals 18-Jährigen aus einer Gruppe im Umfeld der Münchner Tupamaros, der sogenannten Aktion Südfront. Der junge Mann lebte nahe einer Aral-Tankstelle, präsentierte kein Alibi und besaß ein Kreppband, das einem am Tatort gefundenen entsprach. Die gewiss nicht faule Polizei ließ ihn laufen. Zweites Kernindiz ist ein Verhörprotokoll von Gerhard Müller, der in den frühen 1970ern zur RAF zählte, bevor er in Stammheim als Kronzeuge auftrat, um einer lebenslänglichen Verurteilung zu entgehen: Er kolportierte einen Streit zwischen den RAF-Militanten Gudrun Ensslin und Irmgard Möller im Jahr 1972: Ensslin habe dabei der aus dem Umkreis der Münchner Tupamaros kommenden Möller indirekt die Brandstiftung vorgehalten.

Dieser Streit ist möglich, aber unbeweisbar: «So viel Stoff, so viele Mutmaßungen - und so wenig Stringenz», resümierte Joachim Güthner in der «Neuen Zürcher Zeitung» Kraushaars Buch. Die auf dessen Basis aufgenommenen neuen Ermittlungen jedenfalls endeten 2017 ergebnislos.

Im München des Februars 1970 fand jene Demo dann doch noch statt, laut SZ mit 250 Personen - «vornehmlich arabische Studenten und Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation Rote Garde». Das «Palästina-Komitee» nannte den Anschlag «verabscheuungswürdig und verbrecherisch». Es distanzierte sich auch von jenem Flugzeugentführungsversuch, dem kurz zuvor in Riem ein junger Israeli zum Opfer gefallen war.

Im Licht einer heutigen Diskussion, die Antizionismus und Antisemitismus oft einfach gleichsetzt, ist bemerkenswert, wie sich der Aufruf «gegen die »Beteiligung der Bundesrepublik am Nahostkrieg« und für eine »Volksrepublik Palästina«, in der »Juden und Araber gleichberechtigt zusammenleben«, diesem Verhältnis stellte: Die »Gleichsetzung Jude = Zionist« sei eine »bewußt falsche«. Ein »unreflektierte(r) Philosemitismus à la Springer« drohe, »jede Kritik an der Politik des zionistischen Staates Israel als antisemitisch« zu desavouieren, den »unbewältigten Antisemitismus der deutschen Vergangenheit« zu kaschieren und »vom notwendigen Kampf aller Demokraten gegen alten und neuen Faschismus« abzulenken. Folgt man dem Bericht von Rainer Gohr in der SZ, war die Demo auch eine gegen jenen alten Antisemitismus: »Alle Formen des Terrors wie Anschläge auf jüdische Mitbürger, Hakenkreuzschmierereien, Attentate und Brandstiftungen wurden (...) ausdrücklich aufs Schärfste verurteilt.«

Deutsche Blockkonfrontation

Etwas anders setzt der Historiker Knud Andresen im fundiertesten Text über die Rezeption des Anschlages in der Neuen Linken den Akzent. Er kritisiert, dass die Tat selbst hinter jener »innenpolitischen Fronstellung« gegen die »Berichterstattung der Springer-Presse« tendenziell verschwunden sei. Diese Konstellation habe generell dazu geführt, dass die Neue Linke gegenüber dem Antisemitismus lange wenig sensibel gewesen sei. Man habe derartige Bedenken rasch als »interessengeleitet« abgewehrt oder als »philosemitische Heuchelei« abgetan.

Freilich wurde dieser »Philosemitismus à la Springer« nach dem Sechstagekrieg überaus virulent: In einer Erklärung hat etwa die RAF einmal Moshe Dayan als neuen Himmler verunglimpft. Doch bezogen sich solche haarsträubenden Äußerungen immer auch auf einen gleichfalls sehr deutschen Gegendiskurs, der beispielsweise diesen israelischen General und Politiker als Wiedergänger von Hitlers »Wüstenfuchs« Erwin Rommel feierte. In solchen Analogien konnten selbst harte Wehrmachtsfans einen Weg finden, emotional mit dem Staat der Opfer klarzukommen - zumal sich in dieser Frontstellung plötzlich die Linke scheinbar auf der Täterseite platzieren ließ.

Tatsächlich hatte die Neue Linke in ihrem wie auch immer verdrehten Nachfolge- und Bezugsverhältnis zur Linken der Weimarer und Nazizeit weit weniger an Mitschuld zu reflektieren als viele derjenigen, die nun auf ihren vermeintlichen Antisemitismus zeigten. Dennoch hat auch sie, indem sie dieser Blockkonfrontation gegen Springer nie entkam, einen Beitrag dazu geleistet, dass dieser furchtbare Anschlag über Jahrzehnte fast vergessen war.

Das gilt auch, wenn am Ende doch dessen Erklärung durch die »alte Linke« zuträfe, für die etwa die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) stand. Die am Tage jener Demo erschienene Ausgabe ihres Blattes »Die Tat« verknüpfte den »barbarischen Anschlag« mit den »Hunderten von Friedhofs- und Synagogenschändungen« dieser Jahre, mit dem Aufstieg der NPD - und der in München erscheinenden »National- und Soldatenzeitung«. 1969 hatte Bundesinnenminister Ernst Benda (CDU) gegen das auflagenstarke Hetzblatt einen Verbotsantrag gestellt - wegen eines Artikels mit dem Titel »Verbrecherstaat Israel will uns Moral lehren«. Und keine zwei Jahre vor dem Anschlag von München hatte sich erwiesen, dass die Worte dieses Blattes schnell zu »Einzeltaten« werden konnten: Joseph Bachmann, der 1968 auf Rudi Dutschke schoss und so jene Wut auf Springer hervorrief, gab vor Gericht zu, regelmäßiger Leser auch dieser Zeitung gewesen zu sein.