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Anarchismus

Gestreute Macht

Herrschaftsfreie Gesellschaften sind möglich – und waren real.

Von Thomas Wagner

Was du dir vorstellst, ist weltfremd und naiv!« Linke jeder Couleur sehen sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, ihre politischen Ziele resultierten einzig aus Wunschträumen, nicht realisierbar in der »echten« Welt. Insbesondere wer die Idee eines herrschaftsfreien Zusammenlebens vertritt, setzt sich schnell dem Verdacht aus, einer bloßen Illusion anzuhängen. Ohne Staat - so die weit verbreitete Annahme - herrsche notwendigerweise Chaos und individueller Terror. Schon Thomas Hobbes befürchtete vor dem Hintergrund blutiger konfessioneller Konflikte im 17. Jahrhundert, dass ohne eine institutionalisierte Herrschaft Krieg eines jeden gegen jeden drohe. »Machtfragen«, echote der Philosoph Helmut Plessner noch 300 Jahre später, »hat es immer gegeben, solange Menschen in einer Ordnung zusammenleben. Sie stellt sich nur als Über- und Unterordnung her.« Ähnlich apodiktisch fiel das Urteil des Soziologen Ralf Dahrendorf aus: »Gesellschaft heißt Herrschaft, und Herrschaft heißt Ungleichheit.«

Normen der Gleichheit

Und ist diese Einschätzung nicht tatsächlich schwer von der Hand zu weisen? Unter den gegenwärtigen Bedingungen eines globalisierten Kapitalismus, einer atomaren, biologischen und chemischen Hochrüstung, von Risikotechnologien, die einer verlässlichen und dauerhaften Kontrolle bedürfen, sowie verschärften Klassenkämpfen erscheint das Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft im schlechten Sinne utopisch - zumindest in weite Ferne gerückt. Auch lässt sich darüber streiten, ob es in Reinform wirklich wünschbar ist. Damit ist jedoch weder eine Aussage über die prinzipielle Möglichkeit eines Lebens frei von Unterdrückung getroffen, noch sind die vorhandenen Spielräume für den Abbau repressiver Staatlichkeit ausgelotet. Nimmt man das reichhaltige empirische Material zum Thema in Augenschein, dann sind es nicht die scheinbar weltfremden »Utopisten«, sondern die vermeintlichen Machtrealisten, die in Beweisnot kommen müssten. Denn die ethnologische Forschung hat gezeigt, dass es sich bei herrschaftslosen Gesellschaften nicht um Wunschvorstellungen von Fantasten, sondern um real existierende politische Verbände handelt.

Das individuelle Streben nach politischer Macht war bei afrikanischen Gesellschaften wie den Nuer, den Tiv oder Tallensi zu Zeiten der europäischen Kolonialherrschaft so verpönt, dass sich in der Forschung die Bezeichnung »Gesellschaften gegen den Staat« (Fritz Kramer/Christian Sigrist) eingebürgert hat. Südamerikanische Tieflandgesellschaften wiederum kennen die Institution des machtlosen Häuptlings. Vielerorts - etwa bei den Minangkabau in Indonesien oder den Mosuo in Südchina - ist eine egalitäre Machtbalance zwischen den Geschlechtern fest institutionalisiert. Wir haben es dabei keinesfalls mit der Idylle eines »Keine-Macht-für-Niemand« zu tun. Eine Gesellschaft, in der jedes Individuum jederzeit buchstäblich tun könnte, was es wollte, lässt sich nicht denken. Auch in herrschaftslosen Gesellschaften gibt es Einschränkungen der individuellen Handlungsoptionen. So hat jemand, der einen Befehl zu erteilen versucht, keine Chance auf Gefolgschaft.

Dennoch ist die in jedem Gemeinwesen vorfindliche Macht nicht abgeschafft, sondern breit gestreut und egalitär verteilt. Jeder Einzelne ist dazu angehalten, die Entstehung von Ungleichheit aktiv zu verhindern. Dabei geht es nicht ausschließlich harmonisch zu. Die Einhaltung von Normen kann etwa durch Spott sozial erzwungen werden. Hartnäckigen Regelverletzern droht der Gruppenausschluss, im schlimmsten Fall die Tötung. So sieht das mündlich überlieferte »Große Friedensgesetz« des Irokesenbundes vor, dass Mitglieder des ausschließlich konsensuale Beschlüsse fassenden Häuptlingsrats erschlagen werden, wenn sie sich weigern, dem imperativen Mandat ihrer von älteren und erfahrenen Frauen geleiteten verwandtschaftlichen Bezugsgruppe zu folgen. Typischerweise richtet sich das soziale Leben in herrschaftslosen Gesellschaften nach Gleichheitsnormen, die in Erzählungen, Musik, Spielen, Körperschmuck und der Bauweise der Siedlungen auch symbolisch dargestellt werden. Von Individuen, die ökonomisch deutlich erfolgreicher sind als andere, wird erwartet, dass sie ihren gewonnenen Reichtum freigiebig verteilen. Geschieht dies nicht, droht die soziale Ächtung.

Wird man sich nicht einig, kann es auch zu gewaltsamen Fehden kommen. Sollen diese geschlichtet werden, treten spirituelle Experten auf. Deren Aufgabe ist es nicht, im Konfliktfall eine Entscheidung herbeizuführen, sondern in den Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien zu moderieren und auf eine gütliche Einigung hinzuwirken. Die auf einmütigen Konsens zielenden Entscheidungsverfahren sollen den Frieden gewaltfrei wahren beziehungsweise nach der Eskalation von Konflikten durch materiellen und emotionalen Ausgleich rituell wiederherstellen. Der dabei betriebene rhetorische und zeremonielle Aufwand hat koloniale Beobachter immer wieder beeindruckt. Typischerweise wird eine elaborierte deeskalierende Sprache verwendet, die das Gemeinsame betont und es vermeidet, das jeweilige Gegenüber in einem Konflikt frontal anzugreifen. Da niemand zur Befolgung von Beschlüssen gezwungen werden kann, gehen die beteiligten Gruppen bei Nichteinigung häufig getrennter Wege und schließen sich einem anderen sozialen Verband an. So kommt es immer wieder zu Abspaltungen und Neuzusammensetzungen der Gruppen.

Verzicht auf Herrschaft

Auf die Gewalt eines herrschaftlichen Erzwingungsstabs, der für die staatliche Rechtsdurchsetzung typisch ist, wird in jedem Fall verzichtet. »Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang«, fasste Friedrich Engels die durch spätere Forschungen bestätigten Erkenntnisse der klassischen Irokesenstudien von Lewis Henry Morgan aus der Mitte des 19. Jahrhundert zusammen. Keinesfalls ist Herrschaftslosigkeit auf die Unfähigkeit vermeintlich »Primitiver« zurückzuführen, sich nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam hierarchisch zu organisieren. In vielen Fällen existieren sie seit langem in der Nähe von und im Austausch mit Staaten, wissen um Vor- und Nachteile herrschaftlicher Organisation und ziehen ein Leben in Freiheit und Gleichheit vor. Ihre Egalität beruht nicht auf einem Mangel, sondern ist der bewusste, institutionell bewehrte Verzicht auf Herrschaft.

Im Blick auf die Frage, wie das soziale Miteinander möglichst frei von Repressionen organisiert und wie die Entstehung von Herrschaft wirksam blockiert werden kann, lohnt sich der Blick auf die historische Realisierung herrschaftsfreier Institutionen. Und zwar auch dann, wenn die gefundenen Lösungen sich nicht eins zu eins übernehmen lassen. Die institutionelle Perspektive ermöglicht einen schärferen Blick auf die Kosten und den Nutzen beabsichtigter Veränderungen. Sie verspricht Auskunft über jene Chancen und Schwierigkeiten zu geben, mit denen sich Menschen immer dann auseinandersetzen müssen, wenn sie sich daran machen, Herrschaft abzubauen.

Thomas Wagner ist freier Publizist. Zum Thema seines Essays ist vergangenes Jahr erschienen: Rüdiger Haude/Thomas Wagner: Herrschaftsfreie Institutionen. Texte zur Stabilisierung staatsloser, egalitärer Gesellschaften. Verlag Graswurzelrevolution, 244 S., br., 17,90 €.