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Wie Nazis Niederlagen feiern

Rund 500 Rechte sind am Samstag in Budapest aufmarschiert, um die Schlacht um die ungarische Hauptstadt im Zweiten Weltkrieg für ihre Zwecke zu instrumentalisieren

  • Von Dario Veréb und Raimond Lüppken
  • Lesedauer: 4 Min.
„Tag der Ehre“ in Budapest: Wie Nazis Niederlagen feiern

Unter strahlend blauem Himmel sitzen und stehen am Samstag über 500 tiefschwarz gekleidete Neofaschisten beisammen und warten auf den Beginn einer Feier, in der sie den Untergang ihrer Helden zelebrieren. Im Februar 1945 waren etwa 30.000 Wehrmachtssoldaten und deren ungarische Verbündete in Budapest eingekesselt worden. Nur ein paar hundert gelang der »Ausbruch«. Zwei Tage später wurde Budapest von der roten Armee befreit.

Zum zwanzigsten Mal haben sich Neonazis und Geschichtsrevisionisten im Városmajor-Park eingefunden. Er dient ihnen als Kulisse für den »Tag der Ehre« und als Startpunkt für den 60-Kilometer-Marsch nach Szomor, einem kleinen Dorf im Nordwesten der ungarischen Metropole. Die andächtige Stille wird von Rufen des antifaschistischen Protests gebrochen, der durch Barrikaden und ein starkes Polizeiaufgebot vom Park ferngehalten wird. Wie das Internet-Portal »index.hu« berichtet, haben sich mehrere hundert Gegendemonstranten am Schauplatz eingefunden. Die Demonstrierenden werden erst während der Rede von Matthias Deyda von der deutschen Splitterpartei »Die Rechte« wieder hörbar.

»Nachdem ich im letzten Jahr bereits hier einige Worte verlesen hatte, gab es großen Druck durch die etablierten Parteien und die Lügenpresse in Deutschland. Ich soll es gewagt haben, den größten deutschen Staatsmann der Geschichte zitiert zu haben,« sagt Deyda zu Beginn seiner Rede. Er steht auf dem Sockel des Denkmals, das sich den ungarischen Helden des ersten Weltkriegs widmet, neben ihm ein ungarischer Übersetzer, flankiert wird er von den Flaggen der Hammerskins und der Legio Hungaria, vor ihm ein Holzkreuz mit Stahlhelm. Auch im weiteren Verlauf seiner Rede verherrlicht er den Nationalsozialismus, beispielsweise mit den Worten: »Uns mahnen die toten Helden zur Tat. Ihr Opfer ist unser Auftrag.« Im Publikum nicken ihm die Sons of Asgard Germany, Lukov-Anhänger aus Bulgarien und russische Nationalisten zu.

Vor dem Denkmal sind die Teilnehmer geordnet aufgestellt. Wer seine Flaggen und Transparente vorzeitig angemeldet hat, darf diese präsentieren. Offenbar wurde den in Deutschland verbotenen Organisationen Blood and Honour und Combat 18 nicht erlaubt, sich mit Flaggen zu erkennen zu geben, denn diese fehlen im Unterschied zum vergangenen Jahr. Durch Kleidung und Tätowierungen waren einzelne Anwesende als Sympathisanten jedoch zu erkennen.

Zum Abschluss der Redebeiträge wird die ungarische Nationalhymne, gefolgt von der deutschen gespielt. Anschließend werden die Gruppierungen zur Kranzniederlegung angesagt und treten nacheinander vor das Ehrenmal.

Plötzlich marschieren als Wehrmachtssoldaten verkleidete Männer zügigen Schrittes am Ehrenmal vorbei. Darunter einige mit Mützen der neofaschistischen Kleinstpartei »III. Weg«, die ihre Gesichter mit Masken verhüllen. Es scheint, als seien sie nicht zur Gedenkveranstaltung zugelassen worden. Die Legio Hungaria, die als Veranstalter des diesjährigen »Tag der Ehre« fungiert, schloss diverse Gruppierungen aus, scheint wählerischer und vorsichtiger bei der Organisation vorgegangen zu sein als in den Vorjahren.

Und so nahmen auch hunderte wanderbegeisterte Budapester am Marsch nach Szomor teil. Offenbar wurde dieser in der Bevölkerung beworben. Die neofaschistische Szene versucht dadurch, den Anschein zu erwecken, dass es sich um einen zivilgesellschaftlichen Event und nicht um einen Neonazi-Aufmarsch handelt.

Die Taktik der Organisatoren kommt nicht von ungefähr. Die Polizei hatte im Vorfeld ein Verbot der Veranstaltung erlassen, welches von einem Gericht in Budapest unter Berufung auf das Versammlungsrecht jedoch wieder aufgehoben wurde. Grund für das Verbot war neben der Präsenz von rechten Terrororganisationen auch die Verwendung des Hitlerzitats von Matthias Deyda im vergangenen Jahr: »Wenn unser alter Feind und Widersacher noch einmal versuchen sollte, uns anzugreifen, dann werden die Sturmfahnen hochfliegen, und dann werden sie uns kennenlernen.«

Durch die Angst vor einem zukünftigen Verbot der Veranstaltung war es möglich, dass sich Journalisten im Park verhältnismäßig frei bewegen konnten, sofern sie am Eingang des Parks nicht abgefangen wurden. Die Polizei überließ die Selektion den Veranstaltern. Zu Beginn des »Gedenkens« kam es zu einem Tumult, weil die Faschisten einen slowakischen Journalisten mithilfe der Polizei des Parks verweisen ließen. Offenbar nahmen sie Anstoß daran, dass sich dieser mit einem Aufnäher als Sympathisant der linksautonomen Szene zu erkennen gab.

Rechtsextreme Veranstaltungen und Konzerte haben in den letzten Jahren in ganz Europa Konjunktur. Eine Veranstaltung wie der »Tag der Ehre«, indem geschichtliche Ereignisse umgedeutet werden und eine Niederlage glorifiziert wird, weckt Erinnerungen an das dunkleste Kapitel der europäischen Geschichte. Schon am kommenden Wochenende wird die Neonazi-Szene in Dresden erneut auf geschichtsrevisionistische Weise die Schrecken des Zweiten Weltkrieges für ihre Propaganda instrumentalisieren.

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