Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Rosa Schrecken

Der Klimawandel gilt in Indien und Pakistan als Hauptursache für das Ausmaß der Heuschreckenplage

  • Von Natalie Mayroth, Mumbai
  • Lesedauer: 4 Min.

»Fliegende Terroristen« nennt sie die indische Presse, »älteste wandernde Plage der Welt« die UN-Ernährungsorganisation FAO. Die Rede ist von Heuschreckenschwärmen, die momentan Südasiens Landwirten enorm zusetzen. Nachdem sich die rosafarbene Wüstenheuschrecke zunächst im Osten Pakistans ausbreitete, erreichten die Schwärme Indien. In den angrenzenden Bundesstaaten Rajasthan und Gujarat sind mehrere Bezirke betroffen. Die Schädlinge hatten bis Mitte Januar bereits 370 000 Hektar Ernteflächen zerstört. Pakistan hat die Plage bereits zu Jahresbeginn zum nationalen Notstand erklärt.

Auf der Suche nach Nahrung zogen die sechsbeinigen Insekten von der arabischen Halbinsel ostwärts in Richtung Pakistan und Indien. »Sie kamen sehr plötzlich in Schwärmen, die so dicht sind, dass sie das Sonnenlicht blockieren«, sagt der indische Heuschreckenexperte Anil Sharma. Im vergangenen Jahr gab es vier Zyklone, das habe die Ausbreitung sehr begünstigt. Ebenso, dass der Monsoon-Wind, mit dem die Schädlinge nach Südasien reisen, sich änderte. Mit einem frühen Monsunregen, der länger anhielt als sonst, blieben auch die Schrecken länger in der Region. »Diesmal haben wir es mit drei anstatt nur zwei Generationen zu tun«, sagt der ehemalige Pflanzenschutzbeauftragte aus Rajasthan.

Wenn der Rückenwind stimmt, legt die Wüstenheuschrecke 200 Kilometer am Tag zurück, sagt Sharma. Während ihrer dreimonatigen Lebenszeit fressen sie unersättlich vor allem grüne und belaubte Pflanzen. Ein durchschnittlicher erwachsener Heuschreckenschwarm vertilgt täglich mindestens so viel wie 2500 Menschen. Denn eine Heuschrecke alleine verzerrt täglich ihr eigenes Gewicht. Zur Brut bevorzugt diese Art feuchte Sand- und Lehmböden in den halbtrockenen und trockenen Wüstengebieten in Afrika, West- und Südasien, in denen jährlich weniger als 200 Millimeter Regen fällt. Ein Schwarm kann knapp eine Milliarden Individuen umfassen, Sharma geht aber von weitaus kleineren Populationen aus. Er ist zuversichtlich, dass die Lage in Indien bald unter Kontrolle ist.

Im Nachbarland Pakistan fraßen die Insekten bereits 20 Prozent der Ernte weg, wo sich die Nahrungsvernichter über ölhaltige Sorten wie Senf, Raps und Sonnenblumen sowie Baumwolle, Weizen, Mais hergemacht haben. Bezirksverwaltungen, Freiwilligenorganisationen sowie die Luftfahrt- und Streitkräfte würden eingesetzt, um die Plage zu bekämpfen, sagte Makhdoom Khusro Bakhtiar, Minister für Ernährungssicherheit lokalen Medien. Das indische Umweltmagazin »Down to Earth« berichtet, dass es keine Koordinierung zwischen Pakistan und Indien gab, als die Schwärme erstmals in der grenzüberschreitenden Thar-Wüste eindrangen.

Als sich die Heuschrecken in Indien bemerkbar machten, setzte die Regierung äußerst giftige Pestizide, sogenannte Phosphorsäureester, ein. Diese zeigen ihre Wirkung, aber die Gefahr bestehe, dass sie in den Wasserkreislauf geraten und damit auch die kommende Ernte vernichten könnten. Der indische Landwirtschaftsminister, Narendra Singh Tomar, teilte vergangene Woche mit, dass 88 Prozent des Ackerlands in Rajasthan und Gujarat einen Ernteverlust von mehr als einem Drittel zu verzeichnen haben. Senf, Rizinus, Kreuzkümmel und Weizenpflanzen erlitten die schlimmsten Verluste. Inzwischen wurden die Heuschrecken auch in anderen Teilen des Landes gesichtet, weitere Ernteschäden wurden jedoch noch nicht berichtet.

Klimawandelbedingte Regenfälle und Wirbelstürme werden von Experten wie von der pakistanischen Regierung als Hauptursachen für die rasche Verbreitung der Plage angesehen. Bereits im Februar vergangenen Jahres hatte Heuschreckenexperte Keith Cressman von der FAO gewarnt, dass sich die hungrigen Insekten vom Nahen Osten aus bis nach Südasien fressen könnten. Die Plage wurde im Oktober 2018 von einem Zyklon in der Region um Jemen ausgelöst, wo die UN wegen des Bürgerkriegs nicht rechtzeitig reagieren konnte. Die sonst sehr trockene Arabische Halbinsel wurde mit viel Regen versorgt, was die Population explosionsartig wachsen ließ. Von dort aus zogen Teile des Schwarms in die Vereinigten Arabischen Emirate, den Süden des Irans oder Kuwait. Nun hat sich die Befürchtung Keiths bewahrheitet. Beide Länder haben die schwersten Befälle seit Jahren.

Sunita Narain, Direktorin des Center for Environment and Science (CSE) in Delhi mahnt, dass viele Menschen sich nicht bewusst sind, wie sehr der Klimawandel indische Bauern in die Krise treibt. In den vergangenen feuchten Monaten konnten sich die Tiere besonders gut vermehren. Und dann werden sie gefährlich. Erst wenn ihre Population eine bestimmte Dichte erreicht, beginnen sie aggressiv im Schwarm zu wandern. Einzeltiere hingegen gelten als harmlos.

Aus der Landwirtschaftsabteilung im indischen Rajasthan heißt es, man wolle künftig besser mit Pakistan zusammenarbeiten. Für Pakistan könnte die Lage nun ernst werden, denn nach den Heuschrecken droht eine Notlage in der Lebensmittelversorgung. FAO-Mitarbeiter Keith schließt zudem nicht aus, dass bei guter Fortpflanzung im Juni erneut ein Schwarm nach Indien ziehen werde.

Neben Indien und Pakistan sind 60 Länder von den Schädlingen befallen. In Deutschland ereigneten sich die letzten Massenvermehrungen von Heuschrecken Anfang der 1930er Jahre.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln