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Für die Tonne

Nach elf Wochen und 80 Millionen Euro Transfer-Ausgaben schmeißt Trainer Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC hin

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.

Zumindest klebte er nicht an seinem Posten: Am Dienstagvormittag verkündete Jürgen Klinsmann das Ende seiner Trainertätigkeit bei Hertha BSC. Auf Facebook - jenem Medium, auf dem er am frühen Montagabend noch in typischem Optimismus die Fragen der Fans beantwortet hatte: Man sei auf dem richtigen Weg, Hertha werde sich Woche für Woche Luft nach unten verschaffen. Der Abstieg aus der 1. Fußball-Bundesliga sei »kein Thema«, stattdessen würden die Neuzugänge sich ganz hervorragend präsentieren.

Dienstagfrüh war aber schon Schluss mit dem Klinsmann’schen Optimismus-Gebrabbel: Trainerstab, Betreuer, Spieler, Manager Michael Preetz - in dieser Reihenfolge soll der 55-Jährige seine Kollegen beim Hauptstadtklub von seinem Abgang in Kenntnis gesetzt haben, ehe er sich auf Facebook verabschiedete. Etliche User des sozialen Netzwerks hielten das anfangs noch für den schlechten Scherz eines Hackers. Aber nein, Klinsmann machte Ernst: »Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente«, erklärte der ehemalige Bundestrainer am Dienstag um 10.10 Uhr. »Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.«

Insider behaupten, Klinsmann habe eine Vertragsverlängerung über den Sommer hinaus verlangt, was Preetz zumindest nicht sofort habe zusichern wollen. Denn in neun Spielen gelang auch dem Motivationswunder Klinsmann wenig Mirakulöses: Drei Siege in neun Spielen und das Pokal-Aus gegen Schalke - so lautet seine Bilanz. Vom »Big City Club«, in den der einstige Weltmeisterstürmer Klinsmann die alte Dame Hertha verwandeln wollte, war jedenfalls noch nicht viel zu erahnen. Und das Gerede vom »spannendsten Fußballprojekt in ganz Europa« wollte ihm sowieso keiner so recht abnehmen.

Nur die Hertha-Führung um Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer hörte derlei zumindest anfangs vermutlich gerne. Müht sich dieses Duo doch seit mehr als zehn Jahren konstant, wenigstens die Zuversicht zu verströmen, man könne den lahmenden Hauptstadtklub eines Tages in eine glitzernde Erfolgstruppe verwandeln.

Dabei irrte man schon das ein oder andere Mal, zuletzt bei der Verpflichtung von Trainer Ante Covic im vergangenen Sommer: Der einstige Amateur-Coach wirkte von Beginn an überfordert. Nachdem Klinsmann im November auf Wunsch des Hertha-Geldgebers Lars Windhorst den Trainer-Job übernahm, hatte er in der Winterpause freie Hand: Er durfte das komplette Trainerteam umkrempeln, verdiente Spieler aussortieren und neue für 80 Millionen Euro verpflichten. Auch von der Champions League sprach Klinsmann gern, die Europa-League sei das »Minimum«. Preetz und Co. sollen angesichts dessen zuletzt eher etwas auf die Bremse getreten sein, heißt es aus Vereinskreisen.

Dass der Berufszuversichtliche aus Kalifornien sich nun über Nacht den Job hinschmiss, ist nicht nur ein Affront gegenüber Preetz und Gegenbauer. Es ist ein Zeichen der Unfähigkeit an der Hertha-Spitze und auch der Ohnmacht: Lars Windhorst, der 49,9 Prozent an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA hält, wusste jedenfalls schon am Montagabend über Klinsmanns Weggang Bescheid, wie er der »Bild« am Dienstag mitteilte. Einige Stunden später ruderte er zurück und behauptete der Zeitung zufolge, auch erst am Dienstag informiert worden zu sein.

So oder so: Manager Preetz war sichtlich überrumpelt und brauchte eine ganze Weile, ehe er die Gerüchte über die Klub-Pressestelle bestätigen ließ: »Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen«, lautete Preetz’ vergrätzte Stellungnahme.

Auch die Spieler fielen aus allen Wolken: »Wir sind alle durcheinander. Der Trainer kam in die Kabine. Wir dachten, es geht um die Analyse des letzten Spiels. Und dann hat er es uns gesagt. Wir waren völlig überrascht«, sagte Hertha-Mittelfeldspieler Marko Grujic beim Training gegenüber Reportern.

Die Co-Trainer Alexander Nouri und Markus Feldhoff sollen nun die Mannschaft übernehmen, Klinsmann indes hat angekündigt, er wolle sein Amt im Hertha-Aufsichtsrat weiterhin wahrnehmen. Ob er sich demnächst im Olympiastadion zeigen wird? Auf viel Verständnis darf er wohl nicht hoffen: »Wenn ich etwas übernehme, mache ich das nicht halb«, hatte Klinsmann bei seinem ersten Auftritt als Hertha-Trainer Ende November noch getönt. Doch nicht mal seinen Abschied vollzog er nun komplett.

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