Werbung

»... bis es zuletzt die Stadt verbrannte«

Am 75. Jahrestag der Zerstörung stellt sich in Dresden die Frage, welche Zukunft das Gedenken haben soll

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 8 Min.
Vier Angriffe auf Dresden flogen britische und der US-amerikanische Bomber vom 13. bis 15. Februar 1945. Danach suchten Überlebende in den Ruinen nach Verwertbarem.
Vier Angriffe auf Dresden flogen britische und der US-amerikanische Bomber vom 13. bis 15. Februar 1945. Danach suchten Überlebende in den Ruinen nach Verwertbarem.

Der weiße Bus wirkt, als würde er zu einer Kaffeefahrt durch Dresden einladen. Auf dem Oberdeck stehen Sessel. Die Lampen auf den Tischen tragen Stoffschirmchen mit Fransen, Tee und Kekse werden serviert. So gemütlich ist kaum eine Stadtrundfahrt zwischen Zwinger und Frauenkirche.

An diesem Februarabend aber geht es in dem weißen Doppeldecker, den die Initiative »Weltoffenes Dresden« gemietet hat, nicht zu den üblichen Sehenswürdigkeiten der sächsischen Landeshauptstadt, sondern an Orte, deren Geschichte meist vergessen ist. Und was Matthias Neutzner zu berichten hat, lässt jedes Gefühl von Gemütlichkeit schnell verfliegen. Der Historiker und Chef des Vereins »Memorare Pacem« führt an Orte, die mit dem 13. Februar 1945 in Verbindung stehen, dem Tag der »Zerstörung Dresdens«, wie es oft heißt. Dem Tag, an dem Bombenangriffe auf eine angeblich unschuldige, unvorbereitete Kulturstadt begannen, mit 25 000 Toten: deutsche Zivilisten als Opfer eines Angriffs, den manche als »Kriegsverbrechen« bezeichnen und andere gar als »Bombenholocaust«.

Fragwürdige Schlagworte

Es sind Worte und Wendungen, die sich in 75 Jahren des Gedenkens eingeschliffen haben, die aber oft nur die halbe Wahrheit erzählen oder selbst von dieser meilenweit entfernt sind. Was etwa heißt »unschuldig«? Neutzner lässt den Bus hinter dem Dresdner Hauptbahnhof halten. Wo heute Wohnhäuser stehen, hatte bis 1945 die Reichsbahndirektion Dresden ihren Sitz, zu der auch ein Referat für »Sonderzüge« gehörte: Züge, die unter anderem Juden in das Ghetto Theresienstadt brachten und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz. Die Reichsbahner in Dresden buchten für deren Bewacher Hin- und Rückfahrkarten. Für die jüdischen Passagiere reichte, wie schon damals jeder Beteiligte wusste, eine einfache Fahrt.

Oder was heißt »Kulturstadt«? In Dresden gab es barocke Pracht in Hülle und Fülle. Es gab aber auch viele Betriebe wie J. C. Müller & Co., die in den Kriegsjahren zum Beispiel Motorenteile für Jagdflugzeuge herstellten - und dabei KZ-Häftlinge ausbeuteten. Rund 8000 befanden sich am 13. Februar 1945 in der Stadt, erzählt Neutzner in der Florastraße, wo eines von acht KZ-Außenlagern stand. Dresden war im NS-Staat ein Zentrum der Rüstungsindustrie. Dass diese in Teilen zum Erliegen kam - auch das war eine Folge der Luftangriffe.

Kriegswichtige Produktion

Geschichte ist nie einfach und eindimensional, auch in Dresden nicht. Vor einigen Jahren war Neutzner an einem Kunstprojekt namens »Gravuren« beteiligt, das an historische Ereignisse erinnert. Beispiel: der Altmarkt. Ein Platz, auf dem Gauleiter Martin Mutschmann 1940 eine Parade von Wehrmachtstruppen abnahm, die Frankreich überrannt hatten; 200 000 Dresdner jubelten. Ein Platz aber auch, wo im Februar 1945 fast 7000 Leichen von Bombenopfern verbrannt wurden - von SS-Mannschaften, die zuvor im Vernichtungslager Treblinka tätig gewesen seien, sagt Neutzner. Die Verbrennung in der Stadt war notwendig, weil Transportkapazitäten zu Friedhöfen fehlten. An Platz mangelte es dort nicht. Behörden hätten schon Monate vor dem Angriff Grabfelder für Tausende erwartete Opfer reserviert. »Man wusste, was kommen würde«, betont Neutzner.

Weiß man in Dresden heute, was im Februar 1945 geschehen ist? Woran man erinnert, wessen man gedenkt? Natürlich: Viele Menschen in der Stadt sind in Gedanken bei Verwandten, Bekannten oder Vorfahren, die vor 75 Jahren ihr Leben oder ihr Zuhause verloren. Viele erinnern sich an furchtbare Stunden, die sie selbst, ihre Eltern, ihre Großeltern erlebten; an Tod, Zerstörung, Flucht; an Orte der Kindheit, die verloren waren. Über die individuelle Erinnerung aber legte sich eine kollektive: eine »mythische Erzählung«, wie es Neutzner nennt, mit der die tatsächlichen Ereignisse besetzt und instrumentalisiert wurden - und die bewirkte, dass der 13. Februar nicht nur zum »wirkmächtigsten Datum« in der mehr als 800-jährigen Stadtgeschichte wurde, sondern auch zum »Geschichtssymbol«, das weit über die Stadt hinaus wirkt und über das auch ein Dreivierteljahrhundert später so erbittert gestritten wird wie in keiner anderen der vielen von Luftangriffen betroffenen deutschen Städte.

Warum das so ist: Das zeigt eine Ausstellung, die Neutzner am Tag der Busfahrt in einem Einkaufszentrum in der Innenstadt eröffnet, zwischen Schuh- und Modeläden. »Erinnern mit Zukunft?« heißt sie und verbindet eine Tour de Force durch 75 Jahre Dresdner Gedenken mit der Frage, wie dessen Zukunft aussehen soll - und ob es diese gibt: »Das Fragezeichen ist wichtig«, sagt er.

In der Ausstellung wird erzählt, wie der 13. Februar politisch instrumentalisiert wurde - über 75 Jahre hinweg und beginnend unmittelbar nach dem letzten Bombardement. Das NS-Regime nutzte die Ereignisse, um eine vorbereitete Propagandakampagne zu lancieren: einen »Entlastungsangriff«, der die Alliierten an den Pranger stellte, um die deutsche Rolle im Krieg zu relativieren - und der neben stark überhöhten Opferzahlen auch viele Begriffe etablierte, um die sich der Diskurs bis heute dreht: von der »unschuldigen Kulturstadt« bis zur Redewendung von der »Zerstörung Dresdens«. Auch diese, sagt Neutzner, sei eine »Chiffre aus der NS-Propaganda«.

Zentrale deutsche Opfererzählung

Große Fotos in Schwarz-Weiß zeigen dann, wie das Gedenken in der jungen DDR propagandistisch aufgeladen wurde. Eine Kundgebung mit Zigtausenden Teilnehmern fand 1954 vor der Ruine der Semperoper statt. Transparente riefen »Patrioten zum Volkskampf« gegen die Pariser Verträge, die den Beitritt der Bundesrepublik zur Nato regelten. Dresden war nun das warnende Beispiel für die Folgen von westlichem Militarismus; die DDR stellte sich als »Friedensstaat« dar. Die These stieß indes auf Kritik; Bilder aus den 1980er Jahren zeigen eines der Friedensgebete in der Dresdner Kreuzkirche, die sich gegen zunehmende Militarisierung auch in der DDR richteten und 1986 in einem »konziliaren Prozess« für Frieden und Gerechtigkeit mündeten.

Derweil wurde Dresden auch im Westen zur Chiffre für deutsches Leid in den Kriegsjahren; der 13. Februar sei »die zentrale Opfererzählung der Deutschen«, heißt es in der Ausstellung. Und auch international ist Dresden ein Begriff, etwa dank des Romans »Schlachthof Nr. 5« des US-Autors Kurt Vonnegut, der den 13. Februar als Kriegsgefangener in Dresden erlebte und dessen 1969 erschienenes Buch ein Bestseller wurde. Die Redewendung »looks like Dresden« steht im Englischen für Zerstörung und Chaos in zerbombten Städten, aber zynischerweise auch in unaufgeräumten Teenagerzimmern.

Zentraler Termin der Neonaziszene

Die symbolische Überhöhung der Ereignisse vom Februar 1945 sorgt bis heute für Kontroversen. Spätestens ab dem 50. Jahrestag im Jahr 1995 wurde darum gestritten, welchen Platz Dresden im historischen Gedächtnis der vereinigten Bundesrepublik haben sollte. Ab Ende der 1990er Jahre suchten Rechtsextreme das Datum zu vereinnahmen - mit exakt der Intention, die bereits die NS-Propaganda mit »Dresden« verband: der Relativierung deutscher Kriegsschuld und der NS-Verbrechen. Die »Trauermärsche« wurden das zentrale Ereignis der Szene in Europa mit Tausenden Teilnehmern. Der Gedenkdiskurs eskalierte, als 2005 die NPD in Sachsens Landtag einzog. Heute knüpft die AfD an deren Rolle an, indem ihr aus Sachsen stammender Bundeschef Tino Chrupalla erneut mit stark überhöhten Opferzahlen agitiert.

In den Jahren seither, auch das ist in der Ausstellung zu sehen, hat Dresden nicht ohne Erfolg darum gerungen, neue Formen des Erinnerns zu finden: solche die, anders als das über Jahre hinweg praktizierte »stille Gedenken«, nicht mehr anschlussfähig für Neonazis sind - weil sie eben auch die Vorgeschichte des 13. Februar thematisieren. So findet sich auf einer Texttafel ein Zitat des langjährigen Chefs des Dresdner Geschichtsvereins, Günter Jäckel, mit der Metapher eines Feuers, das man in Dresden bereits mit dem Angriff auf die Synagoge in der Pogromnacht am 10. November 1938 entfacht habe: »Und es blieb sechs Jahre freigesetzt, bis es zuletzt die Stadt verbrannte.«

Es geht heute in der Stadt darum, den Mythos von der Einzigartigkeit des 13. Februar in Dresden zu hinterfragen. Fotos in der Schau zeigen etwa, wie Zeitzeugen aus Dresden und dem von einer US-Atombombe zerstörten japanischen Nagasaki die spanische Stadt Guernica besuchten, die 1937 von der deutschen »Legion Condor« bombardiert worden war. Es geht darum, der Vereinnahmung von rechts entgegen zu treten - etwa mit Protesten wie 2012 unter dem Slogan »Dresden bekennt Farbe«. Und es geht darum, nicht mehr nur zurück zu schauen, sondern auch nach vorn. Die Ausstellung erinnert deshalb an eine Aktion aus dem Jahr 2019 unter dem Motto »Erinnern für die Zukunft«, als Bürger Pappkartons mit Dingen füllten, die sie für künftige Generationen aufbewahren wollen.

»Selbstbezogenheit loslassen«

Hat das Erinnern in Dresden eine Zukunft? Seit 1945 sind 75 Jahre vergangen - so viele, wie ein Leben hat. Es dürfe durchaus gefragt werden, »warum wir das noch tun und mit welchen Zielen«, sagt Neutzner. Um weiter eine Rechtfertigung zu haben, müsse das Gedenken seiner Überzeugung nach weniger aus dem »Reflex auf Provokationen« gespeist und dem »Streit um Formen« verhaftet sein, wie er sich auch jetzt wieder an der Menschenkette entzündet. Stattdessen müsse es »strategischer und überlegter« werden. Es gehe für die Stadt und ihre Bürger um die Frage, »wer wir sein wollen und wie wir sein wollen«. Die Ausstellung zitiert dazu den Theologen Christoph Ziemer, der eine »merkwürdige Selbstbezogenheit« der Dresdner kritisiert. Sie hätten sowohl die Schönheit der Stadt als auch deren Zerstörung ins »Superlative« gewendet und sie zum quasi einzigartig »erhabenen Symbol« von beidem stilisiert. Die »Fähigkeit zum Miteinander« aber, sagte Ziemer 2015, werde befördert, »wenn wir bereit sind, die Selbstbezogenheit loszulassen«.

Lesen Sie auch: Stadt mit schwieriger Geschichte. Der in Dresden gepflegte Opferstatus ist historisch nicht zu halten, meint Michael Lühmann

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!