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Planlos durch den Kiez

Jakob Dobers

Plattenbau Die CD der Woche. Weitere Texte unter dasND.de/plattenbau
Plattenbau Die CD der Woche. Weitere Texte unter dasND.de/plattenbau

Jakob Dobers ist ein vollbärtiger, hornbebrillter 50-jähriger Berliner Slacker aus Hamburg, der zu cool ist für den großen Erfolg. Schon in den Neunzigern war er Mitglied der Insiderband Zimtfisch. Das war die Band für die Leute, denen Tocotronic und Blumfeld zu kommerziell waren. Auf seinem Solo-Debüt »Der Rest vom Licht« schlappt der Hörer mit ihm planlos durch seinen Kiez.

»Ich bewege mich wie eine Hyäne / halb seitlich und erst mal außenrum / dann ein Schritt vor und zwei zurück / Drehung für’s Pu-blikum.« So beschreibt Dobers in dem Song »Hyäne« sein poetisches Programm. Das ist seine Art des Beobachtens. Mal guckt er hierhin, dann wieder dorthin, macht Small Talk mit diesem, dann mit jenem, und manchmal geht er auch irgendwem aus dem Weg. Dobers führt durch seine aus dieser Bewegung heraus gewebten Texte mit einer sanften, immer etwas heiseren, aber vollkommen entspannten Stimme. Dobers cleaner E-Gitarren-Sound dominiert die Songs. Das sanfte Schlagzeug und der hängende Bass werden vom Gitarrensound harmonisch aufgesogen. Und ganz zaghaft mischt sich manchmal ein Keyboard dazu. Rhythmisch ist das oft recht komplex, was die Musiker um Dobers produzieren, aber immer ziemlich entspannt. Vielleicht kann man es als Indie-Slow-Funk charakterisieren.

Im Song »Rechte Philosophen« gibt es sogar psychedelische Rückwärts-Gitarren. Wahrscheinlich als Kontrast zum Text. Dobers meint, er habe beim Texten an Botho Strauß und Peter Sloterdijk gedacht. Aber wer will, der entdeckt in dem Song auch den Waldgänger Ernst Jünger oder den zurückgezogenen Nietzsche. »Nah an den Wäldern, fern von den Menschen«, singt er. Was er von den rechten Philosophen hält, formuliert er so: »Der Blitz soll sie treffen / Und warum auch nicht.«

Schön ist die schleppende Hommage »Die Aquatones singen für dich«. Das Doo-Wop-Ensemble Aquatones hatte in den 50er Jahren den Schmachthit »You«. Dobers beschreibt darin wunderbare Situationen, in denen er die Aquatones hört.

»Klaus & Klaus« ist irgendwie auch eine Hommage. »Merkst du gar nicht / sagt Klaus zu Klaus / Die Wirklichkeit sieht jetzt ganz anders aus«. Und dann: »Und wenn du mich fragst / wie ich wirklich heiß / dann sag ich / An der Nordseeküste«.

Am schönsten wird es immer dann, wenn Dobers die Stadtbewohner in großen Tableaus anordnet. Etwa in »Über Pferde singen«: »Die Menschen in meiner Straße / bewegen sich so unkonzentriert / du siehst sie und denkst, gleich passiert was / und dann ist es auch schon passiert«. Oft fügt er den beobachteten Menschen paradoxe Eigenschaften hinzu. In »Das Gewicht der Worte« fühlt er Hoffnung und Verdruss, in »Neues Haus« schauen die Bewohner ebendieses Hauses aus dem Fenster mit einer Mischung aus »Lust und Angst«.

Mit seiner von Indie-Slow-Funk getragenen Hyänenpoesie ist Dobers die erste herrliche Sommerplatte des Jahres 2020 geglückt.

Jakob Dobers: »Der Rest vom Licht« (Staatsakt)

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