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Alba und Eisbären

Für Fehler bleibt keine Zeit

Erstmals finden in der Berliner Arena am Ostbahnhof innerhalb weniger Stunden ein Eishockeyspiel und eine Basketballpartie statt. Der Umbau ist ein logistisches Meisterwerk.

Von Oliver Kern

Mit jedem Wort, das Mathias Zentner sagt, wird es um ihn herum lauter: Männer brüllen durch die riesige Multifunktionsarena am Berliner Ostbahnhof. Metall knallt auf Metall. Motoren von Gabelstaplern heulen auf. Der Senior Production Manager von Hallenbetreiber Anschutz Entertainment, früher hätte man ihn wohl Produktionsleiter genannt, steht vor etwa 15 Sportreportern. Das ist ihm offenbar neu, weshalb er versucht, mit einer Sportmetapher zu punkten. »Das hier ist kein Test, es ist ein Training«, sagt Zentner. »Wir haben das schon mal gemacht, wir wissen, dass es funktioniert. Aber wie vor jedem großen Spiel trainieren auch wir.«

Dieses Training ist zwar körperlich anstrengend, mit Sport hat es aber nichts zu tun. Ein paar Männer in gelben Warnwesten bauen Geländer ab und legen Sitzreihen um. Parallel dazu montieren andere Arbeiter in Blau und Orange Plexiglasscheiben und Bandenteile rund um die Eisfläche in der Mitte der Arena ab. Zentner ist bemüht, das wuselige Geschehen als völlig normal darzustellen, doch es ist alles andere als das. Zum ersten Mal finden am 16. Februar in der Halle zunächst ein Spiel der Eisbären Berlin in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und wenige Stunden später eine Basketballpartie des zweiten Dauernutzers Alba Berlin statt. »Es ist das Pokalfinale, also ein ganz besonderes Spiel«, so Zentner, der dann doch eingesteht: »Das stellt uns vor eine große Herausforderung.« Und dafür muss trainiert werden.

Seit 2008 steht die Sport- und Konzerthalle 200 Meter von der East Side Gallery entfernt mitten in Berlin. Seitdem haben die Mitarbeiter viel Erfahrung mit dem Umbau vom Eis zum Parkett gesammelt, doch immer hatte man einen ganzen Tag Zeit dafür. Diesmal sind es nur vier Stunden. 2016 habe man den Schnelldurchlauf erstmals erprobt. Und alles funktionierte.

Auch beim Training, das knapp drei Wochen vor dem Pokalfinale an diesem Sonntag abgehalten wird, greift ein Rädchen ins andere. Zunächst säubern Reinigungskräfte in Rekordzeit jene Tribünen, die Minuten später wie Schubladen in einem Schrank verschwinden. Die Südtribüne macht einer neuen, flacheren und weiter in die Halle hineinragenden Platz. Schließlich ist das Basketballfeld kleiner als die Eisfläche, und die Zuschauer sollen auch nah am Geschehen sitzen. Auf der Ostseite werden andere Sitzreihen plötzlich per Hydraulik angehoben, damit darunter hindurch große Maschinen und viele Tonnen Material ins Zentrum der Halle gefahren werden können. LED-Banden, Kameras, Abdeckplatten, Parkettteile. Alles muss aufeinander abgestimmt sein. »Darüber reden wir seit zwei Wochen mit allen Beteiligten, um möglichst viel Zeit einzusparen«, so Zentner. Am Sonntag werden knapp 800 Leute mit den zwei Veranstaltungen beschäftigt sein. Allein der Umbau in vier Stunden benötigt doppelt so viele Einsatzkräfte wie sonst üblich.

Bislang bestand nie die Notwendigkeit für den großen Aufwand eines Doppelspieltags. Vor knapp zwei Jahren aber änderte die Basketball-Bundesliga BBL ihren Pokalmodus. Demnach wird erst im Anschluss ans Halbfinale ausgelost, welcher Finalist das Heimrecht hat. Daher steht erst seit Mitte Januar fest, dass Alba das Endspiel austragen darf. Das Problem ist nur, dass am festen Spieltermin 16. Februar in der eigenen Halle schon die Eisbären gegen die Adler Mannheim spielen. Die in solchen Fällen übliche Ausweicharena, die Max-Schmeling-Halle, ist gleichzeitig von den Handballern der Füchse Berlin belegt. Was also tun?

Die Peinlichkeit, das Heimrecht wieder zurückzugeben, wollte Alba unbedingt vermeiden. »Für uns war wichtig, dass wir das Finale in unserer Halle spielen«, sagt Manager Marco Baldi gegenüber »nd«. Also wurde mit der DEL, den Eisbären, den Adlern, der BBL und den Hallenbetreibern von Anschutz verhandelt. Auch das Fernsehen musste mitziehen. Em Ende wurde das Eishockeyspiel auf 13.15 Uhr vorverlegt, das Pokalfinale auf 20.30 Uhr terminiert, und der Rest ist Hoffnung, dass nichts schiefgeht. Hoffnung und eine Menge logistischer Planung.

Die Zeit für den Abbau der Banden, den Austausch der Tribünen, das Abdecken der Eisfläche, das Auslegen des Parketts darüber und vieler anderer großer und kleiner Schritte ist kurz. »Das funktioniert nur, weil alle aufeinander zugegangen sind«, sagt Mathias Zentner: Die DEL war flexibel beim Spielbeginn, die Basketballer lassen dafür die Stehplatztribüne der Eisbären-Fans stehen. Der Abbau würde zu lange dauern.

»Wir bewegen trotzdem knapp 350 Tonnen Material, davon 100 Tonnen per Hand. Von den 105 Mitarbeitern unseres Umbaudienstleisters wird jeder mal ganz entspannt eine Tonne bewegen«, hat Zentner ausgerechnet. Und es wird nicht der einziger Großkampftag der Woche sein. Bereits am Donnerstag wurde mit dem Aufbau fürs Leichtathletik-Meeting ISTAF Indoor begonnen, das am Freitagabend in der Halle gastierte. »Dann springen wir ganz schnell zu Komiker Martin Rütter am Samstag, um am Sonntag Eishockey und Basketball zu machen. Am Montag dann das Konzert von Slipknot und tags darauf wieder Eishockey«, erläutert Zentner. »Die Jungs, die den Umbau am Sonntag stemmen, haben zu dem Zeitpunkt schon zwei harte Nächte in den Knochen - und dann noch zwei harte Nächte vor sich.«

Der größte Zeitdruck aber herrscht am Sonntagnachmittag, und vieles kann schieflaufen: Das Eishockeyspiel könnte in die Verlängerung gehen, Maschinen könnten ausfallen. »Das haben wir einkalkuliert, und alle haben ein gutes Bauchgefühl, dass wir das schaffen. Wenn etwas nicht funktioniert, haben wir normalerweise Techniker, die auf Abruf am nächsten Tag kommen. Diesen Sonntag werden alle hier sein, um Probleme sofort zu beheben«, sagt Zentner.

Nicht einmal schaut er auf die Uhr. Es gebe auch keinen genauen Zeitplan für die einzelnen Abläufe, sagt der Produktionsleiter. »Das würde nur zu Hektik führen, wenn man mal ein paar Minuten zu spät dran ist.« Natürlich habe man einen groben Plan im Kopf. »Und wenn wir da keinen Puffer hätten, würden wir das nie angehen.«

Mittlerweile ist auch die »Dicke Bertha« in der Halle, ein großes blaues Fahrzeug, das tonnenschwere Tribünenteile anhebt und direkt ins Lager fährt. Alles ist genau einstudiert, und die beweglichen Sitzteile gleiten mit zehn Zentimetern Platz unter den festen Betontribünen hinweg. Es ist ein logistisches Meisterwerk. Auch bei den isolierenden Abdeckplatten und den darauf zu verlegenden Parkettstücken muss alles zentimetergenau passen. Liegt anfangs etwas schief, passt hintenraus gar nichts mehr, und alles müsste noch einmal auseinandergebaut werden. Gut eine Stunde vor Spielbeginn, also um 19.30 Uhr, müssen die Spieler aber aufs Parkett zum Einwerfen. Für Fehler ist kein Platz.

Natürlich kostet der Mehraufwand auch mehr Geld. Wie viel genau, erfährt man nicht. Albas Manager Marco Baldi sagt lediglich: »Die BBL hält sich raus.« Offiziell trägt der Klub das Spiel aus, und die genauen Kosten habe man noch gar nicht durchkalkuliert. Auch Anschutz ist am Event interessiert und beteiligt sich daran. Mit wie viel Geld genau, verrät auch der stellvertretende Arenen-Chef Ole Hartel nicht: »Wir haben uns mit Alba einvernehmlich verständigt«, sagt er bloß.

Am Ende liegen 1249 Isolierplatten auf dem Eis, darüber das aus 403 Teilen bestehende Basketballparkett. Drumherum wurden 116 Banden mit Saugnäpfen entfernt und 28 Tribünenabschnitte versetzt. Es wurde Russisch gesprochen, Arabisch, Türkisch und Deutsch. Nur in dem Moment, als ein Motor streikt, der das Puckfangnetz hochziehen soll, rufen alle noch mal das multilinguale »Stopp!«. Wieder zurück, zweiter Versuch, dann klappt’s. Mehr geht an diesem Abend nicht schief. Nun hoffen alle, dass es auch am Sonntag glattläuft.

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