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Lehramtsstudium

Bye bye, Staatsdienst - dann halt nicht

Wie politisch darf ein Lehrer sein? Texte des Münchner Rappers und Referendars Lion Häbler fand die Regierung von Oberbayern zu staatskritisch. Seine Ausbildung hat er abgebrochen.

Von Inga Dreyer

Am Hohenzollernplatz bremst Lion Häbler und steigt vom Rennrad. Hier im Münchner Stadtteil Schwabing ist er aufgewachsen. Ein guter Ort für ein Foto. Doch: Wie soll er rüberkommen? Mit runder Brille, rötlichem Bart und kahlem Kopf ist er Herr Häbler, der Lehrer. Mit Mütze wird aus ihm Lea-Won, der Rapper. Die Verwandlung ist minimal, doch sie steht für Welten, die in Konflikt geraten sind.

An diesem warmen Münchner Januartag setzt sich Häbler auf eine Bank in die Sonne, den Blick auf den winterfest eingepackten Brunnen, und erzählt. Ende November hat er sich entschieden, sein Referendariat abzubrechen und an eine private Schule zu gehen. Immer wieder hatten ihn Vorgesetzte und die Regierung von Oberbayern wegen kritischer Texte und Videos unter Druck gesetzt. »Ich habe in der Schule nie erzählt, dass ich Rap mache«, sagt Häbler. Doch irgendwann entdeckten Schüler*innen Videos von ihm im Internet. An der Mittelschule in Traunstein im Chiemgau absolvierte Häbler den ersten Teil seines Vorbereitungsdienstes, wie das Referendariat in Bayern heißt.

Ein rappender Lehrer? Klingt, als gäbe es Schlimmeres. Doch so einfach ist es nicht. »Einige Schüler und Schülerinnen fanden das cool, andere waren damit vielleicht überfordert«, erzählt Häbler. Im Zweifelsfall ist es vielleicht auch praktisch, etwas gegen den Lehrer in der Hand zu haben. Auf Instagram und Youtube gibt sich Häbler lässig und ironisch - ganz anders als in der Schule. Das führt zu Irritationen. Kolleg*innen sprechen ihn an, auch Vorgesetzte. Doch der Referendar hat nicht das Gefühl, etwas verheimlichen zu müssen. Wenn Schüler*innen berichten, sie hätten zu Hause seine Videos gezeigt, entgegnet er: »Deine Eltern können gerne zu mir in die Sprechstunde kommen, um darüber zu reden.« Anfangs hat er das Gefühl, es gehe um stilistische Fragen - die Art und Weise, wie er sich als Künstler gibt. Dann fängt er an zu zweifeln: Ist es ein Problem, dass er nicht auf CSU-Linie ist?

2018 lädt ihn die Regierung von Oberbayern zum Gespräch. Auch da macht sich Häbler noch keine Sorgen. Als er aber im September 2019 an eine Schule in München wechselt, wird die Lage ernster. Sein neuer Seminarleiter habe ihn gefragt: »Können Sie sich vorstellen, dass eine große Boulevardzeitung die Schlagzeile bringt: ›Freistaat bildet Verfassungsfeind aus‹?« Der Seminarleiter habe angekündigt, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, damit der Referendar nicht verbeamtet werde.

Im September 2019 kommt ein Schreiben von der Regierung Oberbayerns. Darin geht es um einen Song, den Lea-Won 2006, mit Anfang 20, gemacht hat. »Ausbürgerungsantrag« war sein Kommentar zur damaligen Debatte um Einbürgerungstests. Im Text bezweifelt er, dass er selbst als Deutscher den Test bestehen würde: »...und tut mir leid: Ich kenn auch keine drei Mittelgebirge«, rappt er. Seine Schlussfolgerung: »Also seid konsequent und bürgert mich aus!« Die Regierung von Oberbayern findet einzelne Textpassagen »aus verfassungs- und beamtenrechtlicher Sicht äußerst fragwürdig«. Häbler wird aufgefordert, »sämtliche Inhalte, die in irgendeiner Weise staatskritische Haltungen zum Ausdruck bringen, unverzüglich zu löschen«.

Auf Nachfrage konkretisiert Verena Gros, Pressesprecherin der Regierung von Oberbayern, um welche Textstellen es beispielsweise geht: »aber ehrlich: ich scheiß auf eure Sitten und Werte« oder »ich lehne nicht nur dieses ab, eigentlich bin ich für kein Land - doch als allererstes für die Abschaffung von Bayern«. Die Pressesprecherin betont, dass die Regierung von Oberbayern das »weitere Ableisten des Vorbereitungsdienstes« nicht in Frage gestellt habe.

Lion Häbler hat seine Entlassung selbst beantragt. Beim Spaziergang durch Schwabing erzählt er, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen sei. Wäre er im Staatsdienst geblieben, wären immer wieder Vorbehalte gegen seine Verbeamtung geäußert worden, vermutet Häbler. »Ich aber wollte mit dem, wie ich fühle, wie ich denke und wie ich mich ausdrücken will, nicht noch Jahre warten.« Zuerst habe er tatsächlich alles löschen wollen. Das ist im Netz gar nicht so einfach - zumal er nicht alles selbst hochgeladen hat. Außerdem stellt sich die Frage: Was fällt eigentlich unter die Kategorie »staatskritische Texte«? Und: Dürfen Menschen, die für den Staat arbeiten, keine Kritik an ihm üben?

Verfassungsfeindliches kann Häbler in seinen Songs nicht entdecken. Er stehe zu allem - auch zum 13 Jahre alten, aus den Tiefen des Internets hervorgekramten »Ausbürgerungsantrag«. Darin geht es um Kritik am Generalverdacht gegenüber Einwander*innen. »Ich scheiß auf eure Sitten und Werte« beziehe sich auf den Fall, dass Werte oft nur noch eine leere, aufgeblasene Hülle seien, sagt Häbler. Durch die Macht der CSU sei Bayern für ihn ein rückwärts gewandtes Deutschland gewesen. Mit der »dahingerappten Forderung nach der Abschaffung von Bayern« kritisiere er grundsätzlich das Konzept von Grenzen. »Es muss doch auffallen, dass das eine polemische Übertreibung ist. Als würde ich abgeschoben werden wollen.«

Wie die Ironie der Geschichte es will, kam Häbler über ein Schulprojekt zum Rap. »Das war Ende der 1990er. Das muss ein cooler Lehrer gewesen sein«, sagt Häbler und lacht. Mit Freunden schrieb er damals einen Song gegen Drogen, Sexismus, Rassismus und Mobbing. »Heute wäre mir mein erster Raptext zu klischeehaft und sozialpädagogisch.«

Der Spaziergang führt auch an dem Ort vorbei, an dem Häbler sein erstes Graffito gesprüht hat, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Quer über eine lange, graue Spielplatzmauer schrieb er mit einem Freund »Fuck the System«. Auf dem Weg zur Schule habe er immer zur Mauer geschielt, um zu sehen, ob es noch da ist. 20 Jahre später sieht seine Weltsicht differenzierter aus. Das fängt schon beim Begriff »fuck« an, den er heute nicht mehr so verwenden würde. Stattdessen nutzt er ihn in einem anderen Zusammenhang und verteilt Sticker, auf denen steht: »Don’t FCK NZS … Denn sie haben’s nicht verdient!«

Über den Rap kam Häbler auch zur Politik. Er begann, sich mit der Geschichte schwarzer US-Amerikaner*innen zu beschäftigen und identifizierte sich mit ihren Kämpfen. Das sieht er heute kritisch. Denn von was wird ein weißer 15-Jähriger in München-Schwabing unterdrückt und diskriminiert? »Gegenüber Leuten, die unter Rassismus leiden, war das eine Anmaßung.«

Häbler wurde liberal erzogen, hatte viele Freiheiten. Dass seine Eltern früher in der DKP waren, wusste er als Jugendlicher noch nicht. »Wir hatten ja keine Partei-Poster zu Hause hängen.« Dass die Eltern aus wohlhabenden Familien stammten, wurde ihm erst klar, als sein Großvater starb. Das Erbe ermöglichte ihm, nach dem Politikdiplom noch einmal zu studieren, um Lehrer zu werden. Solche Privilegien reflektiert er auch in seinen Songs.

Konflikte zwischen seinem politischen Rap und seiner Rolle als Lehrer sieht er nicht. »Wenn sich alle an den Beutelsbacher Konsens halten würden, wäre das gar kein Problem.« In diesen Leitlinien politischer Bildung, die in den 1970er Jahren erarbeitet wurden, heißt es unter anderem, dass Schüler*innen nicht mit der eigenen Meinung überrumpelt und indoktriniert werden dürfen. Seine politischen Ideen trägt Häbler eben nicht im Bauchladen vor sich her. Im beruflichen Alltag spielten seine Einstellungen eine viel subtilere Rolle - dann beispielsweise, wenn es um Themen wie Rassismus gehe. Einmal habe ein Schüler gefragt, was das Wort »Nigger« bedeute. Statt schnell zu antworten, habe er zu dem Thema eine Unterrichtseinheit konzipiert. Das klingt nach Sensibilität, nicht nach politischer Indoktrinierung. An der Mittelschule gehe es in erster Linie um die Vermittlung grundlegender Kompetenzen, sagt Häbler. »Erst einmal müssen die Schülerinnen und Schüler richtig lesen und schreiben können.«

Er vermutet, dass die Kritik an seinen Songs auch mit politischen Machtkämpfen zu tun habe. Wahrscheinlich wolle sich die CSU-Regierung nicht von der AfD vorwerfen lassen, linke Lehrer wie ihn einzustellen. Auch in anderen Fällen bekamen Staatsbedienstete wegen politischer Einstellungen Probleme. 2017 sollte - ebenfalls in Bayern - der Referendar Benedikt Glasl nicht als Beamter auf Widerruf vereidigt werden, weil er sich im Studium für die Linksjugend Solid und im Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband (SDS) engagiert hatte. Glasl verklagte das Bundesland. Bevor es zur Verhandlung kam, wurde angekündigt, dass er doch verbeamtet werden würde. Auch Schadensersatz wurde ihm zugesprochen.

Häbler, der bald zum zweiten Mal Vater wird, möchte weiter mit jungen Menschen arbeiten und auch Musik machen. Gerade hat er eine EP mit neuen Remixes von »Ausbürgerungsantrag« im Netz veröffentlicht. In dem neuen Song »Entlassungsantrag« verarbeitet er die letzten Monate. Darin heißt es: »Bye, bye Bayern. Dann halt nicht«. Pädagogik und Kunst wolle er verbinden, statt beides zu trennen. »Vielleicht braucht mich die Welt an anderen Stellen.«

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