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Livestream in der Gottesstadt

Eine afrobrasilianische Journalistin sorgt für Gegenöffentlichkeit aus der Favela für die Favela

  • Von Niklas Franzen, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 7 Min.

Nackte Füße klatschen auf den Asphalt, Wasserbomben wabbeln in den Händen der teils vermummten Jungs. Im Zickzackkurs bewegt sich der grölende Pulk die dicht befahrene Straße herunter. Carla Siccos zückt ihr Handy und fängt an, vom Bürgersteig zu filmen. »Bewohner«, spricht sie in das Mikrofon ihres Smartphones. »Sagt euren Kindern, dass sie auf der Straße aufpassen müssen. Sonst passieren Unfälle.« Wasserbombenschlachten sind der neueste Trend in den Favelas von Rio de Janeiro. Siccos, 38, Afrofrisur, Kreolen-Ohrringe, ist Journalistin und dokumentiert den Alltag in einer der berüchtigtsten Gegenden Brasiliens: in der Cidade de Deus, der Gottesstadt.

30 Kilometer sind es vom weltbekannten Copacabana-Strand in das Viertel im äußersten Westen der Stadt. Die Favela war Inspiration für den Kinofilm »City of God«, der vom Leben des jungen Bewohners Buscapé handelt. Gangster, Gewalt, Gewehre. Der Film ließ kein Klischee aus, wurde zum Kassenschlager - und die Favela schlagartig weltberühmt. »Ich hasse, was für ein Bild der Film von unserem Viertel zeigt«, sagt Siccos. »Alle sprechen nur über die Gewalt. Aber hier passieren so viele gute Dinge.« Im Jahr 2011 gründete sie »CDD Acontece«. Ein Projekt irgendwo zwischen Onlinezeitung, Netzwerk und Werbeplattform. »Community-Journalismus«, nennt Siccos das. Das Ziel: ein anderes Bild der Favela zeigen.

Am Eingang der Cidade de Deus schiebt sich Siccos an geparkten Motorrädern vorbei zu einer Stahltür und steckt einen Schlüssel ins Schloss. »Herzlich willkommen in meiner Redaktion.« Siccos teilte sich das zweistöckige Gebäude mit einem Fitnessstudio. In einer Ecke steht ein Computer, am Kopf des Raums stehen zwei Holzsessel vor einer Tapete mit dem Logo der Zeitung. »Dort nehmen wir unsere Videos auf.« Zwar bekomme sie ab und zu Hilfe von Freund*innen, erzählt Siccos, doch im Prinzip mache sie alles alleine. Texte schreiben, Videos schneiden, Interviews führen.

»Damals«, sagt Siccos. »haben viele Bewohner nicht gewusst, was in ihrer Nachbarschaft passiert.« Wenn über die Cidade de Deus berichtet wurde, dann ging es meist um Gewalt. Siccos verdreht ihre Augen, wenn sie auf die großen Medien zu sprechen kommt. »Unser Viertel hat viel mehr zu bieten: Konzerte, Sportveranstaltungen, Kunst.« So entstand die Idee, eine Onlinezeitung zu gründen. Aus der Favela für die Favela.

Siccos wuchs in einer armen Gemeinde im Norden von Rio de Janeiro auf und kam mit 13 mit ihrer Familie in die Cidade de Deus. Schon als Kind habe sie davon geträumt, als Journalistin zu arbeiten. Doch für eine arme, Schwarze Frau in Brasilien ist das ein weit entfernter Traum. So verkaufte sie Hamburger, machte Gelegenheitsjobs, bekam mit 18 Jahren einen Sohn. Eine Zeit lang lebte sie in einer kleinen Holzhütte in der Favela. »Das war schon hart«, erinnert sie sich. Doch sie boxte sich durch und erfüllte sie sich ihren Traum: ihre eigene Zeitung. Schnell wuchs die Plattform und entwickelte sich zur wichtigsten Nachrichtenquelle der Cidade de Deus. Heute folgen »CDD Acontece« mehr als 120 000 Menschen auf Facebook, mehrere Zehntausend sind es bei Twitter und Instagram. Auch über eine WhatsApp-Gruppe sowie eine App informiert Siccos täglich über die Cidade de Deus. Gibt Tipps für den Umgang mit Behörden. Macht Werbung für den lokalen Handel. Informiert die Bewohner*innen mit Artikeln, Livestreams und Videos über ihre Rechte.

Irgendwann fiel Siccos auf, dass ihr auch viele Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung in den sozialen Medien folgten. Sie dachte sich: Warum nicht auch auf die negativen Seiten hinweisen? Einmal veröffentlichte sie einen Text über die prekäre Müllabfuhr. Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung reagierten und bauten Müllcontainer der Stadtreinigung in der Favela auf.

Mit ihrem Projekt will Siccos auch gegen das Stigma der Favela kämpfen. Denn viele Bewohner*innen schämen sich für ihren Wohnort, verschweigen außerhalb der Favela, wo sie herkommen. So porträtiert Siccos regelmäßig die Menschen ihrer Nachbarschaft: Sportler*innen, Wissenschaftler*innen, Musiker*innen, aber auch ganz normale Bewohner*innen. »Ich will, dass die Menschen stolz sind, in der Cidade de Deus zu leben.«

Im Jahr 2015 erhielt Siccos ein Stipendium für ein Journalismusstudium. Die Universität befand sich im »Asphalt« - wie Favelabewohner*innen die Viertel der Reichen nennen. Auf Vorurteile ihrer Mittelklasse-Kommilition*innen habe sie sich eingestellt. Eine Favelada in der Uni? Für viele Brasilianer*innen immer noch unvorstellbar. »Ich war sehr defensiv und schüchtern.« Zwar blieben doofe Sprüche aus, jedoch merkte sie schnell, dass ihre Lebensrealität eine andere ist. Während sich ihre Kommiliton*innen nach den Seminaren in Bars und Clubs vergnügten, musste sie nach den Kursen die lange Heimfahrt mit dem Bus antreten. Sie hatte nicht das Geld für die Kneipe und musste sich um ihren Sohn kümmern. Vier Semester studierte sie, dann wurde ihr Schwiegervater krank und sie musste ihr Studium beenden.

»Komm jetzt, ich zeig dir den Stadtteil«, sagt Siccos und erhebt sich. Es ist ein heißer Samstag, viele Bewohner*innen haben einen freien Tag, die Straßen sind voll. Ältere Männer sitzen auf roten Plastikstühlen und trinken Bier. Auf mehreren dampfenden Grills braten Würste und Steaks. Ein Junge lässt einen Drachen gefährlich nah an einer Stromleitung steigen. Motorradtaxis knattern durch die engen Gassen, während Hunde im Schatten dösen. Samba- und Countrymusik vermischt sich mit Geräuschen eines Schweißers und johlenden Kindern auf einem Fußballplatz.

Die Geschichte des Stadtteils geht in die 1960er Jahre zurück. Damals regierten rechte Generäle das Land, in Rio de Janeiro wurden arme Bewohner*innen brutal aus der Innenstadt vertrieben und an den Stadtrand abgeschoben. So entstand auch die Cidade de Deus. Immer mehr Menschen kamen in den folgenden Jahren und bauten ihre Häuser in Eigeninitiative auf. Heute leben rund 40 000 Menschen in der Cidade de Deus - offiziell zumindest.

Vor einem verfallenen Bauwerk bleibt Siccos plötzlich stehen und zeigt auf das Gebäude, das einer Ruine gleicht. »Dort sollte mal eine Schule entstehen«, sagt Siccos. Doch kurz vor dem Ende wurden die Bauarbeiten gestoppt. Das war vor vier Jahren. »Typisch hier in der Favela.« Sozialprojekte fehlten, staatliche Kulturprojekte seien Mangelware, die Gesundheitsversorgung prekär. »Der Staat existiert hier im Prinzip nicht, wir sind auf uns allein gestellt.«

An der nächsten Straßenecke lümmeln Jugendliche auf einer Couch herum. Vor ihnen steht ein Klapptisch, auf dem sich kleine Drogenpäckchen stapeln. Die Jungs tragen Fußballtrikots, fette Goldketten und Pistolen am Hosenbund. Für die Bewohner*innen sind die Checkpoints der Drogengangs Normalität.

Die Gangs sind in vielen armen Stadtteilen präsent, die Cidade de Deus gilt heute als eine der gewalttätigsten Gegenden von Rio de Janeiro. Dabei sah es für eine Zeit so aus, als würde sich etwas verändern. 2009 wurde eine Station der Befriedungspolizei UPP eingerichtet. Es war der Versuch, eine bürgernahe Polizei einzurichten und Sozialprojekte anzulocken. Und am Anfang ging das Konzept auf. Die Gewalt ging zurück, Tourist*innen besuchten die Cidade de Deus, der damalige US-Präsident Barack Obama stattete der Favela einen Besuch ab und spielte medienwirksam mit Kindern Fußball. Doch dann ging es bergab. Das UPP-Modell gilt heute überall in der Stadt als gescheitert. Regelmäßig kommt es in der Cidade de Deus zu Schießereien zwischen Gangs und der Polizei. Überall liegen Projektile auf dem Boden, die Einschusslöcher in vielen Wänden zeugen vom derzeitigen Chaos in Rio de Janeiro, der »Wunderbaren Stadt«. Eine Bewohnerin der Cidade de Deus, die unerkannt bleiben will, meint: So schlimm wie jetzt war es noch nie. Die schwere Wirtschaftskrise und die Politik des rechtsradikalen Gouverneurs Wilson Witzel (siehe Infokasten) haben die Konflikte in den vergangenen Monaten angeheizt und viele Favelas in Schlachtfelder verwandelt.

Auch Siccos berichtet über die Schießereien und warnt Bewohner*innen vor Polizeieinsätzen. Sobald Schusswechsel vorbei sind, werden die Texte jedoch gelöscht. »Ich will nicht, dass es auf meinen Kanälen nur um Gewalt geht.« Natürlich gebe es große Probleme. Und als Community-Journalistin brauche man vor allem eins: Mut. Auch sie habe schon Ärger bekommen. Mit wem genau, will sie nicht sagen. »Ich drücke es mal so aus: Das Leben hier hat seine Höhen und Tiefen.« Doch trotz aller Probleme liebe sie ihren Stadtteil. Siccos kennt fast alle Menschen in der Nachbarschaft, quatscht beim Spaziergang mit vielen Bewohner*innen, ihr Handy klingelt ohne Ende. 8000 Kontakte habe sie in ihrem Smartphone »Das kann schon anstrengend sein«, sagt Siccos. »Aber ich höre nicht auf, für meine Favela zu kämpfen.«

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