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Lachen und Leiden

Mit den Eisernen durch die Bundesliga: Zu jedem Heimspiel schicken wir einen anderen Autor in die Alte Försterei – gegen Bayer Leverkusen

  • Von Hajo Obuchoff
  • Lesedauer: 4 Min.

Sonnabend, 15 Uhr. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff. Ich entdecke Kevin Puhlmann mit seinem Rollstuhl auf seiner Stammposition: Haupttribühne unten, nahe Wuhleseite und Gästetribüne. Wir kennen uns schon seit einem Jahr. Kevin ist unter Unionern durch seine Aktivität in den sozialen Netzwerken allseits bekannt, vor allem unter den behinderten Fans der Eisernen. Unter der Tribüne sitzen die Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer in langer Reihe. Kevin kennt fast alle, und bis zum Anpfiff muss er viele Hände schütteln.
Der 25-Jährige aus Schmachtenhagen ist seit zehn Jahren Stammgast bei Union. »Damals wohnten wir noch in Lichtenberg«, erzählt er. »Meine Eltern sind schon ewig Unioner, so kam ich als Zehnjähriger zum ersten Mal ins Stadion.« Als Jugendlicher machte er sich erstmals gemeinsam mit Freunden auf den Weg ins Stadion. Heute hat ihn sein Onkel Jens ins Stadion begleitet.

Die als Wohnzimmer aller Unioner bekannte Spielstätte ist heute auch wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Leverkusener Gästeblock bringt zusätzlich Stimmung ins Stadion. Kevin ist aufgeregt. Als er die Aufstellung liest, bemerkt er etwas verstimmt, dass Sebastian Polter, sein Lieblingsspieler, wieder nur auf der Ersatzbank sitzt. »Das verstehe ich nicht«, sagt Kevin. Mit Polter hatte Kevin in der vergangenen Saison eines seiner schönsten Fußballerlebnisse. »Wir fuhren nach Hamburg zu St. Pauli«, erzählt er. »Und neben mir im Bus saß Polter, der damals verletzt war. Wir haben viel gequatscht und Spaß gehabt. Und dann auch noch das Spiel gewonnen.« Das zweite Riesenerlebnis war der Aufstieg in die erste Bundesliga. »Ich habe damals geweint, als der Schlusspfiff im zweiten Relegationsspiel ertönte.«

Heute hofft Kevin, ein Trikot von Robert Andrich zu erhaschen. »Ich hab das mit ihm verabredet«, sagt er. Im Stadion geht’s los: Die Unionhymne. Nina Hagen singt »Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn, Schulter an Schulter für Eisern Union«, und Kevin stimmt ein in den großen Chor der Unionfans.

Anpfiff. Und schon nach sieben Minuten jubelt Kevin: Christian Gentner hat das 1:0 für Union erzielt. Die Berliner spielen auf Augenhöhe mit den hochdotierten Bayer-Kickern. Schon in der 22. Minute steht’s 1:1. Nationalspieler Kai Havertz hat Unions Torhüter Rafał Gikiewicz mit einem Heber bezwungen. Kevin ist geschockt. Aber nur kurz. »Eisern Union, Eisern Union!« ruft er gemeinsam mit den anderen Fans auf den Rängen.

Und tatsächlich bedrängen die Berliner immer wieder das Gästetor und halten den Gegner vom eigenen Gehäuse meist fern. Beinahe gelingt noch vor der Pause die Führung, aber der Ball von Anderson verfehlt knapp das Gästetor. Das Stadion stöhnt und Kevin auch.
Die zweite Hälfte beginnt so, wie die erste geendet hat. Die Unioner spielen nun in Richtung jenes Tores, nahe dem die Rollstuhlfahrer aufgereiht sind. Im Gästeblock dahinter wird es ungemütlich. Pyros brennen, Raketen explodieren. So geht es die gesamte zweite Halbzeit weiter. Auch eine Spielpause und die Warnung vor einem Spielabbruch helfen nicht. Selbst der Appell des Gästekapitäns Lars Bender bringt keine Beruhigung im Bayer-Block.

Auch Kevin ist stinksauer. »Die sind genauso doof wie die Herthaner«, schimpft er. »Ich kann diese Pyroscheiße nicht ab!« Als sich der Nebel verzogen hat, spielt Union ungerührt weiter. 83. Minute, ein Konter von Bayer, Tor! 1:2. Kevin ist fertig: »Nee, dit kann doch nich sein!«

Union gibt nun alles und Kevin ebenfalls. In der 86. Minute strahlt Kevin: Sebastian Polter wird eingewechselt. Hoffnung kommt auf. Und tatsächlich: Mit seiner ersten Aktion bringt Polter Marius Bülter in Position, er trifft in den Dreiangel – 2:2. Das Stadion jubelt in Orkanlautstärke. Kevin ist ganz aus dem Häuschen, er umarmt alle, die in seiner Nähe stehen.

Inzwischen haben sich auf der Haupttribüne alle von ihren Sitzplätzen erhoben. Standing Ovations sollen die Eisernen nach vorn bringen. Das Stadion ist auf den Beinen. Auch Kevin in seinem Rollstuhl erscheint plötzlich viel größer als zuvor.

Der Schiedsrichterassistent zeigt sieben Minuten Nachspielzeit an. Beide Teams wollen gewinnen. Es geht hin und her. Dabei wären die meisten Fans wohl mit einem Remis zufrieden. Doch stattdessen: das 2:3 in der 94. Minute. Kevin ist tieftraurig. Doch noch ist Hoffnung. Ecke für Union in der 97. Minute: Torwart Gikiewicz steht im Leverkusener Strafraum und bekommt tatsächlich den Ball, schießt, aber sein Kollege im anderen Tor hält. Schluss, aus! Erschöpfung auf Rasen und Tribüne.

Kevin ist bedient. Nun hält er Ausschau nach Robert Andrich. Wenigstens das Trikot möchte er als Trost mitnehmen. Gewühl auf dem Gang unterhalb der Haupttribüne. Die beiden verfehlen sich zunächst. Erst spät findet Kevin den Spieler. Da hat Andrich sein Trikot schon einem anderen Fan überlassen. Er tröstet Kevin: »Du bekommst eins nach dem Spiel gegen Wolfsburg.« Wolfsburg ist am 1. März der nächste Gast an der Alten Försterei. Kevin ist garantiert dabei.

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