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  • Kultur
  • »Bombshell« und »Fox News«

Sex ist krank, aber interessant

Das Widerliche als solches wirken lassen: Der Film »Bombshell« thematisiert sexuelle Nötigung beim US-amerikanischen Sender »Fox News«

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 5 Min.

Es geht um sexuelle Belästigung in einem Umfeld, das solches Verhalten nicht bloß ermöglicht, sondern systematisch dessen Vorhandensein herunterspielt und dessen Aufklärung erschwert. Was wir sehen, ist historisch: Roger Ailes (John Lithgow), der für Rupert Murdoch (Malcolm McDowell) den extrem rechten überregionalen Sender »Fox News« aufgebaut hat, kommt 2016 - ein Jahr vor Harvey Weinstein - durch eine Sammelklage wegen sexueller Belästigung zu Fall.

Hauptfigur dieses Films aber ist nicht er, es sind drei Frauen. Die Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die die Klage initiiert, nachdem der Sender sie auf Anweisung von Ailes entlassen hat. Die Redakteurin Megyn Kelly (Charlize Theron), die sich der Klage anschließt und ein Jahr zuvor Zielscheibe des Trump-Mobs geworden war, nachdem sie gewagt hatte, den Kandidaten bei einer Debatte mit seinem frauenfeindlichen Verhalten zu konfrontieren. Sowie die fiktive Producerin Kayla Pospisil (Margot Robbie), die, am Beginn ihrer Karriere stehend, von Ailes zu sexuellen Handlungen genötigt wird.

In dieser Konfiguration ruht der größte Vorzug des Films. Die Geschichten werden parallel erzählt, nur selten kreuzen sich die Wege der drei Frauen. Kayla ist jung, noch voller Glauben und überaus attraktiv, was sie zum Zielobjekt von Roger Ailes macht. Sie lernt die schmutzige Medienwelt kennen, die nötigen Unterwerfungen, den doppelten Boden. Megyn kämpft bereits aus einer gefestigten Position, aber noch im Sender, teilweise mit ihm. Sie attackiert Trump gegen die Hauslinie und lebt mit den Konsequenzen. Gretchens Karriere ist unterdessen über den Zenit, sie muss sich diskriminieren lassen, als sie auf Make-up verzichtet und weil sie einen Wert von Frauen propagiert, der nicht primär auf Jugend und Schönheit gründet. Sie kämpft bereits gegen die Institution. Die synchrone Erzählung dieser drei Geschichten ermöglicht durch eine Gestern-Heute-Morgen-Struktur, die Normalbiografie einer Karrierefrau zu erzählen, ohne über Jahrzehnte gehen zu müssen. Wir sehen zur selben Zeit ihre exemplarischen Phasen, vermittelt durch drei Persönlichkeiten.

Auf diese Art, nämlich dramaturgisch, ohne verbale Vertiefung, wird ganz im Vorbeigehen die klassische Metoo-Spaltung aufgehoben, der sich insonders Weinstein-Versteher bedienen, um zu kaschieren, dass sie generell ein Problem damit haben, wenn Frauen für ihre Rechte kämpfen. Man spielt, heißt das, jüngeres und älteres Ich gegeneinander aus, verwehrt dem Opfer das Recht, sich entwickelt zu haben: Warum meldet es sich erst jetzt, warum nach all diesen Jahren? »Bombshell« zeigt gerade durch die parallele Führung der drei Hauptfiguren, dass Emanzipation gegen das ganze Umfeld ein zäher Prozess ist, der erst möglich scheint, wenn man eine gewisse Position der Macht erlangt hat.

Der Regisseur Jay Roach nutzt den Skandal um sexuelle Belästigung, um die Parallelwelt der US-amerikanischen Rechten einzufangen: ihren Hass auf selbstbewusste Weiblichkeit, sexuelle Abweichung und ethnische Minderheiten; die affektive Stimmungsmache; das gespannte Verhältnis zur Wahrheit; Intelligenzfeindlichkeit; sozialer Darwinismus; die hysterische Haltung, sich überall und jederzeit für dumm verkauft zu fühlen. Vor unseren Augen entsteht eine Welt, in der ein Widerling zu sein, vollends in Ordnung geht.

Diese Elemente kommen nicht zufällig zusammen. Wir kennen die Melange aus sexueller Belästigung, Offenheit für rechtsradikale Ideen und gelebtem Geschichtsrevisionismus auch in Deutschland, dazu muss man nicht erst die Amtszeit Hubertus Knabes in der Hohenschönhausener Gedenkstätte in Erinnerung rufen. Je deutlicher die räumliche Zuweisung der Freund-Feind-Struktur, je klarer ein gutes Hüben getrennt ist von einem bösen Drüben, desto blinder wird man für die Verfehlungen in den eigenen Reihen, desto mehr entwickelt sich Mittäterschaft aus Rücksicht auf die gemeinsame Sache.

Eine erfahrene Producerin macht Kayla mit den Anforderungen von »Fox News« vertraut: Am Anfang jeder Story braucht man einen eindeutigen Bösewicht. Wo keine Quellen zur Hand sind, verwendet man die Formulierung »manche sagen«. »Du musst lernen zu denken wie ein irischer Streifencop: Die Welt ist mies, die Menschen sind faul, Minderheiten kriminell, Sex ist krank, aber interessant. Stell dir immer die Frage: Was würde meine Großmutter verängstigen, was meinen Großvater verärgern? Dann hast du eine Fox-Story.«

Immer wieder wird dieses Weltbild veranschaulicht, etwa in Roger Ailes’ eigenartiger Auffassung, dass die Hetze einer großen Meute in sozialen Netzwerken kein Mobbing sein könne, oder in dem (nicht erfundenen) Zitat des Trump-Anwalts Michael Cohen, der die Vorwürfe Ivana Trumps, von ihrem Mann vergewaltigt worden zu sein, damit parierte, dass man rechtlich gesehen seine Ehefrau gar nicht vergewaltigen könne. Und nirgends deutlicher als bei der Aktion »Team Roger«, wenn der Sender seine nahezu vollständige Belegschaft dazu bringt, sich mit dem Täter Ailes zu solidarisieren.

Der eigentliche Täter ist das Umfeld bei »Fox«, das die selbstbewusste Frau fürchtet und als Wesen, das sein Recht begehrt, von Grund auf verachtet. Nicht dass sexuelle Belästigung vorkommt, ist hier das Besondere, sondern dass es auch dann noch gedeckt und heruntergespielt wird, wenn die Beweise längst erdrückend sind.

Wie der Filmregisseur Adam McKay (»Vice«, »The Big Short«) ist auch Jay Roach den seltsamen Weg von der seichten Komödie zum Politdrama gegangen. Und wie bei ihm bleibt dieses Herkommen in den späten Filmen spürbar. McKay arbeitet mit dem Durchbrechen der Vierten Wand, Voiceover, Mockumentarystil und Archivmaterial. Roach bewahrt den fiktionalen Charakter mehr, doch beider Politfilme haben gemein, dass flottes, oft irritierend-arhythmisches Schnitttempo sowie ein Übergewicht an Diktion das Komödienhafte erhält und so eine eigentümlich neue Sorte Politdrama etabliert, die sich von dem, was etwa Oliver Stone, George Clooney oder Jason Reitman tun, unterscheidet.

Roach scheint noch auf der Reise. Während »Game Change« (2012) recht genügsam die Sarah-Palin-Story erzählt (die skurril ist, doch nur für sich selbst steht) und »Trumbo« (2015) zur vielleicht ungewollten Dekonstruktion seines Helden schritt (indem Trumbo, gegen das politische Verbot kämpfend, nur noch um Erfolg bemüht scheint und sich also gerade entpolitisiert), ist sein neuer Film »Bombshell« nun das Drama, in dem Roach dem in »The Big Short« (2015) und »Vice« (2019) angestimmten Stil McKays am nächsten kommt, sich aber mehr aufs Zeigen denn aufs Sagen verlässt. Das Widerliche als solches wirken zu lassen, das scheint die Tugend dieses Films.

»Bombshell«, Kanada/USA 2019. Regie: Jay Roach; Darsteller: Nicole Kidman, Charlize Theron, Margot Robbie. 110 Min.

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