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Altmaiers Orakel

Bernd Zeller ist sich nicht sicher, ob eine Welt ohne Kanzlerin Merkel vorstellbar ist

  • Von Bernd Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.

Unser heutiger Bericht befasst sich mit einer Umfrage, die der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier offenbar hat durchführen lassen und der zufolge die meisten Deutschen wünschen, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibe.

Selbstverständlich hat er nicht nur sich befragt. Die SPD steht zur Großen Koalition nur unter der Bedingung der Kanzlerschaft der Kanzlerin, und die Mehrheit der Volksvertreter ist die Abbildung des Wählerwillens. Aus Sicht der SPD ist verständlich, dass sie sich eine CDU wünscht, mit der sie nicht den absonderlichsten Teil der Koalition darstellt. Gerade hat das Vorsitzendenduo bekanntgegeben, Kanzlerkandidat der SPD könne jemand aus der dritten Reihe sein, jemand Unbekanntes. Das ist, abgesehen von der quasimilitärischen Metapher, durchaus richtig gedacht, denn bei der SPD geht es erst in der dritten Reihe los.

Je unbekannter ihr Spitzenkandidat wäre, desto chancenreicher. Sein oder ihr Privatleben würde uns auf jeden Fall interessieren, einfach weil wir die menschlichen Seiten des politischen Personals für wichtig halten; wir sind ja selber auch Menschen. Informationen über eine unbekannte Person zu bekommen, fesselt unsere Aufmerksamkeit mehr, als Neues über die Leute zu vernehmen, die wir kaum mehr sehen können. Daher wäre ein unbekannter SPD-Spitzenkandidat schon mal sympathischer als einer, den wir schon zur Genüge kennen.

Der Trick der Kanzlerin beruht auf dem gleichen Prinzip, das sie aber aus der vorteilhaften Position anwenden kann. Wir wollen eigentlich auch von ihr überhaupt nichts mehr wissen, so dass uns selbst die Information über die Beendigung ihres Amtes zu viel wäre. Lieber gar nichts von ihr hören, auch wenn das bedeutet, dass sie Kanzlerin bleibt.

Innerhalb der CDU ist das nicht ganz so einfach. Eigentlich lauern alle darauf, mehr zu werden, als sie jetzt sind, weil alle glauben, es verdient zu haben. Da ist es gut, wenn Posten frei werden und es Möglichkeiten zum Hochrutschen gibt. Bei einem Wechsel an der Spitze bieten sich viele Aussichten, um sich für neue tolle Ideen einzusetzen und auf einer möglichst hohen Besoldungsstufe für sie zu kämpfen. Da nun aber besteht das Problem, dass ein Großteil der CDU aus Merkel-Gefolgschaft besteht. Die Kanzlerin hat es unterlassen, eine innerparteiliche Pseudoopposition aufzubauen, die nun bereitstünde. Das war ein strategischer Fehler, wie er nur Leuten unterläuft, die allenfalls so weit planen, dass sie sich selbst gar nicht mehr wegdenken können.

Und das ist es, was Peter Altmaier meint. Für ihn ist die Kanzlerin nicht wegzudenken, weil er dann sich selbst wegdenken müsste, und das wäre ein intellektueller Akt, den man niemandem zumuten möchte. Wir können ihm nicht einmal abverlangen zu reflektieren, dass er seine politische Karriere allein seiner Loyalität verdankt, denn auch das würde ihn in die Krise stürzen. Politiker sagen immer, sie wollen führen und gestalten - und dann sollen sie plötzlich sich eingestehen, dass sie ihre Existenz auf das genaue Gegenteil gründen?

Wir haben kein Interesse daran, dass er oder andere Spitzenpolitiker zu der Einsicht kommen, gar nicht spitze zu sein. Wenn sie nicht einmal selbst an sich glauben würden, wer sollte es dann tun? Glaubwürdigkeit ist die harte Währung in der Politik, der andere wichtige Teil ist die harte Währung. Auch wenn der Minister finanziell abgesichert wäre, so geht es ihm doch wie allen: Er möchte gebraucht werden. Dieses Gefühl hat er, wenn Merkel seine Chefin bleibt. Es wurde schließlich nicht gefragt, ob die Mehrheit der Deutschen Peter Altmaier als Wirtschaftsminister behalten möchte, aber das ist in der Frage nach der Kanzlerin eingeschlossen.

Nun könnte man einwenden, die persönliche Gefühlswelt des Ministers sei staatspolitisch nachrangig. Aber in einer Gesellschaft, die so wenig Mitgefühl hätte, wollen wir wirklich nicht leben.

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