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Gegen den Sturm, am Abgrund entlang

SOWIESO: Eines Tages werden nicht mal mehr Sachbearbeiter*innen oder Marketingpraktikant*innen entscheiden, wie wir heißen, sondern autonome Satzbausteine

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Nicht von dieser Welt sind sowieso die E-Mail-Betreffzeilen, die ein heutiges Menschenwesen durchschnittlich verarbeiten muss. »Adrian Schulz, nur noch heute gültig« las ich heute in meiner Inbox und wunderte mich sehr - war mein Verdacht auf Tuberkulose vor der Zweiten Hypochondriekammer des Landes Hessen doch gerade krachend gescheitert. Wieso sonst jedoch sollte ich nur noch heute gültig sein? Was würde morgen passieren? Wer würde mich wie bitte löschen?

Das mag noch vergnüglich erscheinen. Eines Tages werden aber nicht mal mehr Sachbearbeiter*innen oder Marketingpraktikant*innen entscheiden, wie wir heißen und wie viele Gewürzgurken wir essen dürfen, sondern autonome Satzbausteine. Chatbots. Punkte in einem Computerspiel. Im Prinzip gar nicht anders als heute, bloß kontingenzbefreiter. Genauer: Kontingenz wird es weiterhin geben. Nur sind es dann wir und nicht die Unternehmen und Ämter, die mit ihr alleine fertig werden müssen.

Die neue Klassenfrage wird sich so stellen: Wer bekommt die schlechten Roboter zur Verfügung gestellt, die einen am Telefon nicht verstehen? Und wer vermag auf die zehnmal so teuren zurückzugreifen, die einem sanft wie mit einer Känguruzunge den Körper sauberer abreinigen, als er jemals aus der Werkstatt kam? Irgendwann muss ja mal diese Zukunft sein, von der alle reden. Von der es heißt, dass in ihr die alten Menschen, die darin bald sterben - also sicher auch schon ich -, etwas weniger personalintensiv sterben sollen werden.

»Die Uhr im Schulhof sah beschädigt aus durch meine Schuld. Sie stand auf ›zu spät‹.« Das beschreibt Walter Benjamin in seinen autobiografischen Prosaskizzen »Berliner Kindheit um 1900«. Eine solche Optik verfolgt die um 2000 Kindgewesenen nicht minder. Die Angst, etwas zu verpassen, nehme ich niemandem ab; dass das nicht schlimm wäre, sollte langsam durchgesickert sein. Viel demütigender hingegen ist die Erfahrung: late to the party zu sein. Gerade eine Minute, nachdem Thomas Gottschalk sich in den Pool erbrochen hat, eingetroffen zu sein.

So war das ja nicht zuletzt mit der Rente, die junge Leute, also ich, nicht bekommen werden haben sollten. Zu der Zeit, als ich das erste Mal alleine zur Schule gehen durfte, waren schon alle Weichen in Richtung Ausverkauf gestellt. Das Tafelsilber: unumkehrbar verhökert. Für immer verfeuert. Manchmal, klar, da gibt es sie noch: die Oasen. Kneipen, Wohnungen, Arbeiten, die einen nicht arm machen. Gestiftet entweder durch die persönliche Gnade launiger Mäzen*innen, die einen im Zweifel zwingt, sich von ihnen mit getragener Unterwäsche füttern zu lassen. Oder noch existent, weil irgendwer (wahrscheinlich ein alter Mensch) vergisst, die Preise anzuziehen.

Da haben die Klima-People auf der Straße schon recht: Eine Zukunft hat man uns einbehalten, so wie Walter Benjamins Lehrer ihm seinen Namen »bei Beginn der Stunde einbehalten« hat. »Ich sollte nicht mehr an die Reihe kommen. Leise schaffte ich mit bis Glockenschlag. Aber es war kein Segen dabei.« Wie unangenehm, allein durch sein Alter einem Zeitalter anzugehören. Bin gespannt, wie lange wir noch existieren? Bis morgen dann. Mal sehen, wie ich heiße.

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