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Rache ist die beste Rache

Die Serie »Hunters« ist eine Melange aus Antifaschismus und Superheldengeschichte made in USA

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

In der US-amerikanischen Serienlandschaft haben Antifaschismus und Antirassismus gerade Hochkonjunktur. Schon die finale Staffel der Science-Fiction-Serie »The man in the High Castle« setzte mit reichlich Action Black-Empowerment gegen Nazis in Szene. Das zehnteilige Superheldenepos »Watchmen« wird von einigen Feuilletons durchaus zurecht gerade zum antifaschistischen und antirassistischen Master-Narrativ hochgejubelt. Demnächst wird der Sender HBO den Philip-Roth-Roman »The plot against America« ausstrahlen, eine alternative Weltgeschichte, in der der Fliegerpionier und Antisemit Charles Lindbergh Präsident der USA wird. Und im Lauf des Jahres wird außerdem Colson Whiteheads »Underground Railroad« als Serie verfilmt, ein mit dem Pulitzerpreis prämierter antirassistischer Roman über die Zeit der Sklaverei.

Mit »Hunters« kommt nun überdies eine starbesetzte Serie bei Amazon neu ins Programm, die von einer Gruppe Nazijäger im New York der 1970er Jahre erzählt. Al Pacino spielt einen alternden KZ-Überlebenden, der einige Leute um sich geschart hat, um in den USA lebende deutsche Nazis aufzuspüren und zu ermorden. »Rache ist die beste Rache«, klärt er zu Beginn den jungen Jonah Heidelbaum auf, dessen Großmutter - ebenfalls Nazijägerin und Überlebende der Vernichtungslager - ermordet wurde, so dass sich nun der junge Jonah der illustren Truppe anschließt.

Erfinder und Scriptwriter David Weil erklärte, dass seine jüdische Großmutter, eine Überlebende der Shoa, ihm als Kind viel über die Verfolgung während der Nazizeit erzählt hatte. Der amerikanische Junge aus Long Island (New York) stellte sich damals vor, was die Superhelden getan hätten, deren Geschichten er so gerne las. Und ein bisschen funktioniert die Serie »Hunters« auch so, die David Weil in einem Interview als »Liebesbrief« an seine Großmutter bezeichnete. Die Mitglieder von Al Pacinos Truppe im Kampf gegen Nazis sind allesamt ein wenig zu stylisch in Szene gesetzte 70er-Jahre-Typen, die wie Karikaturen ihrer selbst wirken. Die Karate kämpfende und alle Schlösser knackende schwarze Frau mit Afrofrisur, die einem Blaxploitation-Film entsprungen zu sein scheint darf ebenso wenig fehlen wie der erfolglose und gut aussehende langhaarige Schauspielermacker in Schlaghosen, es gibt einen kampfsporterfahrenen Bruce-Lee-Verschnitt mit Vietnam-Traumatisierung, eine toughe Nonne, die früher beim englischen Geheimdienst arbeitete und ein älteres, jüdisches, immer wieder mal miteinander zankendes Ehepaar, darauf spezialisiert sämtliche technischen Probleme bei der Nazijagd zu lösen. Die Nazis wiederum, die an einer großen Verschwörung basteln, geraten in der Serie alle etwas zu platt mit blonden Seitenscheiteln. Zudem setzt »Hunters« auf übertrieben in Szene gesetzte 70er-Jahre-Mode, dazugehörige Interieurs wie grelle Tapeten, jede Menge Soulmusik und ein in Graffitis ertrinkendes Manhattan. »Hunters« ist eben auch vor allem ein Stück Popkultur.

Mitunter träumt sich dann der gerade mal volljährige Jonah, der das hilflose Küken der Truppe ist, in einem Comic-Buchladen jobbt und begeisterter Star-Wars-Nerd ist, in seine eigene Anti-Nazi-Superheldengeschichte hinein. Wobei sich Erzählungen und Rückblenden in die Nazizeit auch immer wieder auf sehr schmerzhafte Art in seine Fantasien schleichen. Aber trotz einer stellenweise übertrieben klischeehaften Inszenierung hat die Serie ihre Qualitäten und bietet ein opulentes Zeitgemälde der amerikanischen 1970er Jahre. Großartig ist die schwarze lesbische FBI-Ermittlerin, die ebenso den Nazis wie ihren Jägern auf der Spur ist. Denn viele deutsche Nazis, so stellt sich bald heraus, kamen auf Einladung der CIA nach dem Krieg in die USA, wo sie unter anderem im Technologiebereich oder im Kampf gegen Kommunisten eingesetzt wurden. Die Geschichte der Nazijäger hat auch einen historischen Hintergrund: 1979 wurde das dem Justizministerium unterstehende und aus Anwälten, Historikern und Ermittlern bestehende »Office of Special Investigation« ins Leben gerufen, das Nazis in Amerika aufspürte. Deren 600-seitiger Abschlussbericht wurde jahrelang zurückgehalten, erst 2010 veröffentlicht und belegt, dass die USA zahlreiche deutsche Nazis mit falschen Identitäten jahrzehntelang schützten. »Hunters« plädiert für einen recht eindeutigen Umgang mit Nazis und Faschisten: Es gilt kompromisslos gegen sie zu kämpfen.

»Hunters«, ab 21. Februar auf Amazon Prime.

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