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Tropenfrüchte und Tuschegespenster

Die Frankfurter Schirn zeigt mit »Fantastische Frauen« eine vergessene Generation surrealistischer Künstlerinnen

Am Ende ist alles abgeschnitten, die ganze männliche Genitalpracht. Wie Siegestrophäen aus dem Geschlechterkrieg baumeln Louise Bourgeois’ in Bronze gegossene Penisverfremdungen von der Decke. Die Meisterin der Phallusformen, die 2010 hochbetagt in New York starb, war die letzte der »Fantastischen Frauen«. So nennt jetzt eine Ausstellung in Frankfurt am Main jene Generation von surrealistischen Künstlerinnen, denen der bis dahin radikalste Ausbruch aus dem Gefängnis der überlieferten Rollenvorstellungen gelang.

Mit rund 260 Arbeiten lenkt die Kunsthalle Schirn den Blick auf vergessene Beiträge zu einer Stilrichtung, die meist nur mit den Vexierbildern von René Magritte oder den psychedelischen Mondlandschaften Salvador Dalís identifiziert wird. Doch die Frauen aus ihrem Umkreis hatten irgendwann keine Lust mehr, sich auf die Funktionen von Muse und Modellsteherin zu beschränken. Besonders Meret Oppenheim, Kurzfristgeliebte von Max Ernst und Furorefrau ihrer Zeit, eroberte sich durch die (leider nicht ausgestellte) legendäre Pelztasse schnell den Respekt der Kunstgeschichte. Namen wie Ithell Colquhoun oder Kay Sage gerieten dagegen in Vergessenheit und tauchen nun erstmals überhaupt wieder in einer großen Schau auf. Sogar Dora Maar interessiert in Frankfurt am Main nicht als Gefährtin von Pablo Picasso, sondern als Schöpferin bizarrer Collagen.

Bislang galten Surrealisten nicht unbedingt als Vorkämpfer der Emanzipation. Max Ernst beispielsweise hinterließ der Nachwelt uncharmante Chauvinistenstatements wie »Das Weib ist ein mit weißem Marmor belegtes Brötchen.« Doch bereits ein Blick auf die historische Ausstellungs- und Publikationstätigkeit der Surrealisten verrät, dass Frauen dort ungewöhnlich präsent waren. Selbst wenn die meisten erst im zweiten Jahrzehnt der Bewegung, also in den 30er Jahren, dazustießen.

Während etwa der Kubismus kaum Menschen, die keine Männer waren, geduldet hatte und auch das Bauhaus seine Studentinnen bevorzugt in die Textilklasse abschob, bot der Surrealismus Frauen bereitwillig eine Bühne. Allerdings weniger, weil André Beton und die seinen politisch vom Gleichberechtigungsgedanken überzeugt waren. Der Surrealismus propagierte eher die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit indigenen Mythen und psychische Krankheiten - kurzum mit allem, was »anders« war. Und dazu gehörte auch das sogenannte andere Geschlecht.

Die vielleicht einprägsamste Entdeckung sind die zarten, altmeisterlich geschulten Halbschlafbilder von Leonor Fini. Ein knackiger junger Kerl wird schlafend und hüllenlos dem weiblichen Blick serviert. Eine männliche Venus auf dem erotischen Präsentierteller der Malerei. Die surreale Lust an der Metamorphose ergreift auch die traditionelle Geschlechteridentität. Sie zerfließt wie Dalís Uhren.

Claude Cahun betont in ihren fotografischen Selbstporträts ebenso eine androgyne Physiognomie wie Frida Kahlo, wenn sie dem Betrachter stolz und herausfordernd mit Oberlippenbart und buschigen Augenbrauen entgegentritt. Was sich auf Gender-Ebene sonst noch umdrehen lässt, verdeutlicht eine kleine Fotoinszenierung von Lee Miller, auf der ein Zeigefinger ein aufgeblasenes Kondom penetriert.

Aber nicht nur, dass sie die sexuelle Obsessionsästhetik der männlichen Kollegen aus weiblicher Perspektive umdrehten, verbindet diese Künstlerinnen. Mit ihnen fand vor allem das Selbstporträt (ein Genre, vor dem Dalí oder Magritte zurückschreckten) in die surrealen Traumwelten zurück. Mit zügelloser Furienmähne macht sich zum Beispiel Leonora Carrington 1937/38 zur Heldin eines kryptischen Kammerspiels.

Kuratorin Ingrid Pfeiffer tat gut daran, den Parcours nach Künstlerinnen zu gliedern. Waren es doch allesamt starke, individuelle Persönlichkeiten, die ihre eigene Unangepasstheit auf die Bilder zu übertragen wussten. Genau das sorgt für eine erfrischende Ausstellung, die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Werken erschließt, ohne sich aber zu wiederholen. Den klarlinigen Körperträumen der einen antworten die anderen mit ornamental entmaterialisierten Visionen wie in den hieroglyphischen Tuschegespenstern der auch dichterisch tätigen Unica Zürn.

Lange vor der sexuellen Befreiungserklärung der 68er haben Künstlerinnen begonnen, den eigenen Unterleib ins Bild zu bannen. Das spätfeministische Motto »Viva la Vulva!« feiern schon die aufgeschnittenen, unverschämt saftigen Tropenfrüchte auf einem Stillleben von Frida Kahlo. Ähnlich wie das Astloch des verwunschenen Baums bei Ithell Colquhoun.

Die Stärke der Künstlerinnen liegt nicht zuletzt darin, dass sie Verletzlichkeit zuließen. Aus dem halluzinatorischen Idiom des Surrealismus erwächst eine neue Bildsprache des Schmerzes, des physischen wie des psychischen. In Maske und Märchen zeigen sie ihre Wunden. Die Kauernden von Jane Graverol, die eingesperrten Augen von Bridget Tichenor, die bandagierten Gesichter einer Emmy Bridgwater - mal flüstert, mal schreit das Drama erlittener Gewalt aus den Werken heraus.

Nicht nur, weil einige Surrealistinnen ein ähnlich hohes Alter erreichten wie Louise Bourgeois, gehört vieles, was man in Frankfurt sieht, noch zur Gegenwart. Denn die Weiblichkeitsimaginationen der 30er Jahre haben jene Welle der 70er vorbereitet, die uns eine Ausstellung im Karlsruher ZKM mal als »Feministische Avantgarde« verkaufen wollte. Am Main erfährt man dahingegen, dass der provokant aufgerissene Schritt einer Valie Export oder die Kaugummi-Muschis von Hannah Wilke (beide Vertreterinnen des 70er-Jahre-Aufbruchs) nur in die Bresche sprangen, die andere geschlagen hatten. Die feministische Kunst, sie begann mit den fantastischen Frauen des Surrealismus.

»Fantastische Frauen«, Kunsthalle Schirn, bis 24. Mai, Römerberg, Frankfurt am Main, Di-So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do 10 bis 22 Uhr. Katalog (Hirmer)

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