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Elf Tote in Hanau: Täter mit rassistischem Motiv

Ein männlicher Täter erschoss in zwei Shisha-Bars mehrere Menschen / Polizei fand mutmaßlichen Täter tot in seiner Wohnung / SPD-Vorsitz spricht von rechtem Terror in Deutschland

  • Von Daniel Lücking und Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 7 Min.

Am Mittwochabend schoss ein Mann in zwei Shisha-Bars in Hanau um sich. Nach Angaben der Polizei tötete er dabei neun Menschen und verletzte sechs weitere Menschen. Bei der Erstürmung einer Wohnung im Stadteil Kesselstadt, fand die Polizei den mutmaßlichen 43-jährigen Täter neben der Leiche seiner 72-jährigen Mutter. Die Zahl der Opfer wird aktuell mit elf angegeben. Ein Verwandter von nem Bekannten ist in Hanau ermordet worden. Meine Cousins sagen, beinahe wären sie auch gestern in #Hanau in eine Shishabar gegangen. In aller Deutlichkeit: Wir haben Angst. Wir fürchten um unsere Leben. Sind wir so hilflos gegen rechte Terroristen?

Ein Bekennerschreiben, das »nd« vorliegt, lässt auf eine rechtsextreme Gesinnung des Täters schließen. Auch die Generalbundesanwaltschaft bestätigt gegenüber »nd«, dass man derzeit Anhaltspunkte für eine rassistische Motivation des mutmaßlichen Täters sehe.

Unter den Todesopfern sind nach ersten Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden viele Menschen mit Migrationshintergrund. Nach Angaben des kurdischen Dachverbands KON-MED sind mehrere Opfer kurdischer Herkunft. Der Autor und #MeTwo Initiator Ali Can schreibt auf Twitter, der Verwandte von einem Bekannten sei in Hanau ermordet worden. Er schreibt: »Meine Cousins sagen, beinahe wären sie auch gestern in Hanau in eine Shishabar gegangen. In aller Deutlichkeit: Wir haben Angst. Wir fürchten um unsere Leben. Sind wir so hilflos gegen rechte Terroristen?« Wenn du selber mal Betroffener eines rechten Anschlags warst, dann wächst sie, jeden Tag, jeden weiteren Anschlag: Die Angst. Ferat Kocak war selber Opfer rechter Gewalt. Gegenüber »nd« sagt der Neuköllner Lokalpolitiker: »Was wir jetzt brauchen, ist Solidarität, mit den Betroffenen. Ich wiederhole gerne meine Worte: Wir müssen fünf unterschiedliche Finger einer gemeinsamen Faust werden. Solidarität ist die Kraft dieser Faust. Und diese schafft Brücken und ist unteilbar.«

Die Tat

Gegen 22 Uhr griff der Täter in der Innenstadt von Hanau in einer Shisha-Bar an. In einer weiteren Shisha-Bar im Stadtteil Kesselstadt tötete er weitere Menschen. Ein Großaufgebot der Polizei aus Hessen wurde durch die Polizei aus Bayern verstärkt. Hinweise auf einen möglichen dritten Ort, an dem Schüsse gefallen sein sollen, bestätigten sich aber nicht.

In den frühen Morgenstunden des Donnerstags stürmte die Polizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters und fand diesen, neben einer weiteren Leiche, tot auf. Die Hintergründe der Tat waren zunächst überwiegend unklar.

Der mutmaßliche Täter

In dem Bekennerschreiben, dass »nd« vorliegt, werden rechtsradikale Äußerung getätigt. Der Täter spricht davon, von einem Geheimdienst überwacht worden zu sein. Er fantasiert davon, ganze Völker auszurotten und listet diese auf. Besonders der Islam steht dabei im Fokus. Er beklagt »Ausländerkriminalität« in Deutschland. Eine Ausweisung von Migranten sei»keine Lösung« mehr, da »die Existenz gewisser Volksgruppen an sich ein grundsätzlicher Fehler ist«. Es müssten daher mehrere »Völker komplett vernichtet werden«, erklärt der 43-Jährige.

In einem Video, dass bereits eine Woche vor der Tat aufgenommen worden ist, verbreitet der Täter rechte Verschwörungstherien und ruft zur Gegenwehr auf. Auch Links von seiner inzwischen offline genommenen Website führen auf verschwörungstheoretische Internetseiten. Auf der Website fanden sich auch Selbstauskünfte des Täters. Er sei 1977 in Hanau geboren und habe ein BWL-Studium in Bayreuth absolviert.

Der Terrorismusexperte des Kings-College in London Peter R. Neumann äußerte sich via Twitter zum Bekennerschreiben, das ihm zugespielt wurde. Es sei in exzellentem Deutsch verfasst und deute darauf hin, der Täter habe sich über Youtube-Videos und Verschwörungstheorien radikalisiert. Vieles spricht für einen rechtsextremen Täter, der ein erhebliches psychisches Problem habe, so Neumann weiter. So spreche der mutmaßliche Attentäter in dem Bekennerschreiben davon, die Bevölkerung ganzer Länder zu töten, da bestimmte »Rassen« den anderen überlegen seinen.

Reaktionen

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) äußerte sich am Morgen im Landtag zu den Vorfällen von Hanau und bestätigte Details zum mutmaßlichen Attentäter, berichtet die Hessenschau. Der mutmaßliche Täter sei den Behörden bisher nicht bekannt gewesen und in der Vergangenheit nicht polizeilich aufgefallen.

Martina Renner (Linke), die sich erst kürzlich in einem Interview mit dem »nd« zu den unerkannten Gefahren im Bereich des Rechtsterrorismus äußerte, rief via Twitter zur Ächtung rassistischer Hetze auf. Sie warnt davor, den Täter als »Einzeltäter« anzusehen, denn das verenge die Perspektive für Ermittler, wie auch für politische Handlungen.

»Wenn wir ständig Leute in Talkshows sitzen haben, die rassistische Ausschlüsse bestimmter Bevölkerungsgruppen rechtfertigen, fordern und herstellen, dann wird es immer Leute geben, die diese Gruppen dann angreifen und töten«, sagt Renner. Dies passiere »eben weil sie vorher bereits als Opfer markiert und zu «Anderen» gemacht wurden«, so Rechtsextremismusexpertin Renner gegenüber »nd«. Auch die immer wiederkehrenden rassistischen Debatten, die rund um den Islam geführt werden fördern die Bereitschaft zu solchen Attentaten. Renner weist darauf hin, dass die juristische und politische Aufklärung in den Vordergrund rücken müsse, statt geheimdienstlicher Interessen, wie das rund um den NSU der Fall war.

Das Internationale Auschwitz Komitee hat sein Entsetzen über die Gewalttat im hessischen Hanau ausgedrückt. Auschwitz-Überlebende in aller Welt würden in den mutmaßlichen Morden eine neue Demonstration der Macht rechtsextremen Hasses sehen, »der immer alltäglicher wird und überall auftreten kann«, sagte Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, am Donnerstag in Berlin. »Jeder kann Auschwitz heute in seine eigenen Hände nehmen.«

Terroristische Einzeltäter seien in der »virtuellen Welt des rechten Hasses bestens vernetzt« und sähen sich von Parteien wie der AfD »getragen«. Sie würden zeigen, »wie einfach es mittlerweile geworden ist, Andersdenke und Anderslebende hinzurichten«. Der Staat scheine hierfür nicht gewappnet zu sein. Heubner plädierte für einen »Gipfel der demokratischen Parteien«, bei dem über die veränderte Gefahrenlage gesprochen werde.

Die Bundesregierung hat bestürzt auf das schwere Gewaltverbrechen in Hanau mit bislang elf Toten reagiert. »Die Gedanken sind heute morgen bei den Menschen in #Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde«, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstagmorgen auf Twitter. »Tiefe Anteilnahme gilt den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauern«, fügte er hinzu.

Merkel verurteilt »Gift« des Rassismus in der Gesellschaft

»Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in Berlin. Sie nannte die »Untaten des NSU«, den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die Morde von Halle als Beispiele.

Zu der Tat von Hanau mit insgesamt elf Toten sagte Merkel, derzeit deute »vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat«. Für eine abschließende Bewertung sei es aber noch zu früh. Es werde alles unternommen, um die Hintergründe »dieser entsetzlichen Mordtat bis ins letzte aufzuklären«, sagte die Kanzlerin.

Die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken sprach Donnerstagmorgen von »rechtem Terror«. »Viel zu lange haben wir uns davor gescheut, es mit klaren Worten zu benennen: Rechter Terror in Deutschland. Wir sind geschockt und wir trauern. All unsere Gedanken sind bei den Opfern, Angehörigen und Freunden«, so die SPD-Parteichefin weiter.

Pressekonferenz Generalbundesanwaltschaft

In einer Pressekonferenz am Nachmittag äußerte sich Generalbundesanwalt Peter Frank in einer kurzen Erklärung zu den im Internet gefundenen Schriften und Videos, die neben »verschwörungstherorien und wirren Gedanken« eine »zutiefst rassistische Gesinnung« offenbarten. Das sei der Grund gewesen, die Ermittlungen auf die Bundesebene zu ziehen. Das Bundeskriminalamt habe bereits den Fall übernommen und werde vom Landeskriminalamt Hessen unterstützt. Man wolle herausfinden, ob es Unterstützer und Mitwisser gegeben habe.

Am Abend wird es mehrere Demonstrationen geben. In Berlin findet am Herrmannplatz eine Kundgebung in Gedenken an die Opfer des rechten Terroranschlags in Hanau statt. In Leipzig findet eine Gedenkkundgebung um 20:00 am Otto-Runki-Platz statt. Auch in anderen Städten werden zur Zeit Kundgebungen geplant. Mit Agenturen

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