Talentförderung im Fußball

Zu wenige Dummheiten

Der deutsche Fußball muss sich auf eine Talsohle einstellen. In Talentförderung und Trainerausbildung läuft viel falsch. Endlich reden die Verantwortlichen Klartext.

Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main

Stefan Kuntz zögerte zunächst ein bisschen, ob er die Begebenheit von seinem Besuch in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Fußball-Bundesligisten öffentlich erzählen sollte. Aber der leutselige Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft war im zweiten Stock des Dortmunder Fußballmuseums gerade so herrlich ins Reden gekommen, da sollte das krasseste Negativbeispiel nicht fehlen. Also berichtete der 57-Jährige, dass in dem namentlich nicht benannten Klub zwar ein besonders talentierter U16-Kicker spiele, dieser dürfe aber nicht kritisiert werden. Erklärung: Sonst würde der offenbar sehr eigenwillige junge Mann sofort den Verein wechseln. Kuntz konnte das kaum fassen. Seine düstere Prognose: »Dieser Spieler rennt über kurz oder lang gegen die Wand.« Wenn schon in jungen Jahren jedes äußere Regulativ fehlt, hilft die beste Veranlagung im Verdrängungswettbewerb Profifußball wenig.

Es sind oft solche Details, die erst den Blick aufs große Ganze freigeben: Im deutschen Fußball scheint sowohl bei der Talentförderung als auch bei der Trainerausbildung so viel schiefzulaufen, dass die beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) von Oliver Bierhoff geleitete »Direktion Nationalmannschaften und Akademie« am Dienstag sehr deutlich Alarm schlug. Der Tag passte, da am selben Abend beim 2:1-Sieg Borussia Dortmunds über Paris St. Germain zwar weltweite Schlagzeilen einem 19-jährigen Jungstar des BVB gehörten, doch Erling Braut Haaland ist eben Norweger und nicht Deutscher.

Der jüngste Report der Deutschen Fußball Liga (DFL) belegt, dass in der Hinrunde der Bundesliga nur noch drei Prozent der eingesetzten Akteure deutsche U21-Spieler waren. Das ist weniger als die Hälfte gegenüber der Vorsaison. »Wir können den Vereinen, den Sportdirektoren bestimmt nicht vorschreiben, deutsche Spieler zu verpflichten oder einzusetzen. Das wird sich erst wieder ändern, wenn deutsche Jugendspieler besser sind«, sagte Bierhoff. Doch der 51-Jährige weiß auch: Bis dahin könnten noch Jahre vergehen.

Gerade noch bis zum Heimturnier mit der EM 2024 würden die infrage kommenden Jahrgänge gehobenes Niveau garantieren, danach aber komme eine Delle, erklärte der besorgte DFB-Direktor, der von »warnenden Tendenzen« sprach. »Es gibt klare Anzeichen, dass wir uns massiv bewegen müssen. Wir müssen die Weichen stellen, dass wir auch in zehn, 15 Jahren eine erfolgreiche Nationalmannschaft haben.« Immerhin: DFB und DFL haben das Problem erkannt und wollen es nun gemeinsam lösen: Das jüngst beim DFB-Bundestag beschlossene »Projekt Zukunft« wurde sogar von DFL-Chef Christian Seifert, ungeachtet der gerade angelaufenen Ausschreibung neuer Medienverträge, als das wichtigste Arbeitsfeld für die Zukunft des deutschen Fußballs ausgemacht.

Aktuell würde ein Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw nicht mal die Länge eines Espressos haben, wenn es um den Austausch von Spielern gehe, plauderte Kuntz aus. Denn: »Außer Kai Havertz ist da niemand mehr.« Von seiner Nachwuchsriege, die im Sommer um olympisches Edelmetall spielen will, könne er keinen ausmachen, der aktuell ans Tor zur A-Nationalmannschaft klopfe. Selbst U21-Kapitän Johannes Eggestein ist derzeit nicht gut genug, um trotz der Krise seines Vereins Werder Bremen dort in der Startformation zu stehen. »Außer Ridle Baku beim FSV Mainz 05 ist eigentlich keiner Stammspieler«, so der Nachwuchstrainer.

»Wir sehen, dass England, Frankreich, Spanien oder die Niederlande teilweise das Fünffache an guten Spielern ausbilden«, erläuterte Bierhoffs Sportlicher Leiter Joti Chatzialexiou. In einzelnen Altersklassen hätten andere Länder einen Vorsprung von sechs, sieben Jahren aufgebaut. Der 44-Jährige würde sich 2020 als »Jahr des Handelns« wünschen - dazu dürfe es auf dem Platz »auch mal wieder knallen«, womit er offenbar ein Defizit im Durchsetzungsvermögen junger deutscher Spieler ansprach. Anderswo sei das stärker ausgeprägt, bestätigte Bierhoff.

»Das soziale Umfeld spielt sehr wohl eine Rolle. In England, Frankreich oder auch den Niederlanden kommen die Jungs teilweise aus schwierigsten sozialen Verhältnissen.« Die These dahinter: Wer den Fußball als alleinige Aufstiegschance begreift, tut tatsächlich alles dafür, um sie zu nutzen. Kuntz bestätigte die Annahme indirekt, indem er meint, dass sein Team 2019 nur deshalb noch Vizeeuropameister werden konnte, weil seine Jahrgänge über die sogenannten Soft Skills, also Umsetzung der Taktik, Einhaltung der Disziplin oder Pflege des Teamgeists, gewisse Defizite überspielt hätten.

Eine Schlüsselrolle für die Anpassungen im deutschen System soll dabei die gerade im Bau befindliche DFB-Akademie spielen, die 2021 fertig werden soll - und den Verband stolze 150 Millionen Euro kostet. Derzeit residiert Bierhoffs Direktion mit mehr als 100 Mitarbeitern in offenen Büros in der Goldsteinstraße des Frankfurter Stadtteils Niederrad. Eine Ebene unter Bierhoff leitet Tobias Haupt die Akademie. Erst im Oktober 2018 zum DFB gestoßen, hält der Professor für Wirtschaftswissenschaften nun die Werkzeugkiste in der Hand. Er muss Begriffe wie Belastungssteuerung, Ernährung, Medizin, Psychologie, Spielanalyse oder Neuro-Athletik mit Inhalten zu füllen. Der 36-jährige Haupt hat Anfang Dezember bei einer USA-Reise schon mal mit Liga-Managern wie Hasan Salihamidzic, Max Eberl oder Fredi Bobic persönliche Beziehungen aufgebaut.

Erste Ansatzpunkte sind schlichter Natur: »Wir müssen definitiv wieder das Talent in den Fokus stellen. Und wir müssen unsere Trainer ganz individuell entwickeln«, fordert Haupt. Das bislang viel gepriesene System der Nachwuchsleistungszentren habe in den vergangenen 20 Jahren auch einige Schwachstellen aufgebaut. »Wir bilden die Talente zu wenig altersspezifisch aus, setzen zu wenig auf ihre Persönlichkeitsentwicklung.« Bierhoff formulierte die Versäumnisse sogar noch deutlicher: »Wir waren zu technokratisch, haben nur an Taktiken und Systeme gedacht. Persönlichkeit, Menschenführung, Charakter sind verloren gegangen.«

Nicht verschwiegen werden dürfe auch der Einfluss überehrgeiziger Eltern. »Wir haben Fälle, in denen Eltern beim Klub vorstellig werden und verlangen, die Note des Kindes in der Sportschule zu verbessern, sonst wechselt es zu einem anderen Verein«, berichtet Haupt. Zudem sei ihm aufgefallen, dass vielen Jungs »der ursprüngliche Spaß am Spiel fehlt, sie zeigen im Training und im Spiel kaum noch Emotionen«. Der komplett durchgetaktete Tagesablauf der 14- und 15-Jährigen führe zwar dazu, dass diese nicht die Dummheiten manch anderer Pubertierender begehen, aber sie entwickeln eben auch keine Individualität mehr, weil ihnen »von Anfang an alles abgenommen wird«. Kuntz habe tatsächlich mal in einer Studie ausrechnen lassen, dass solche Spieler bis zum Erwachsenenalter rund 500 000 Alltagskonflikte weniger zu lösen hätten als er zu seiner aktiven Zeit. Kein Wäsche waschen, keine Einkäufe, keine Berufsausbildung. Die Klammer der Kritik ist klar: Es wird zu viel verhätschelt im deutschen Fußball.

Der Automatismus, dass jedes Talent möglichst früh zu einem großen Verein wechselt, wird damit zur Diskussion gestellt. Haupt fordert, das Netz wieder dichter zu spannen, »sodass es Spieler auch über den zweiten Weg schaffen können«, also auch bei einem späteren Entwicklungsschub noch die Chance auf eine Profikarriere bekommen. Er plädiert dafür, die Jugendlichen nicht zu früh aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen. Sein Ansatz: entwickeln statt selektieren.

Zudem müsse darauf geachtet werden, dass sich die Trainer besser weiterbilden. Das gehe aber nur, wenn man Menschen um sich versammelt, »die besser sind als du selbst«. Zuletzt hat er beispielsweise die ehemaligen Bundesligatrainer Ralf Rangnick, Roger Schmidt und Sandro Schwarz zum Gedankenaustausch mit den angehenden Fußballlehrern zusammengebracht.

Von den Alten sollen auch die Spieler selbst mehr lernen: Stefan Kuntz hat für eine nächste Defensivschulung der U21-Auswahl schon mal Ex-Nationalspieler Robert Huth gewonnen, der mit seiner unerschrockenen Zweikampfführung durchaus mal zum Vorbild taugte. Der inzwischen 35-jährige Berliner hat zwar gerade bekannt, kaum noch Fußball zu schauen, aber das, so merkte Kuntz mit einem Augenzwinkern an, müsse »er ja nicht vor meinen Jungs wiederholen«.

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