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Christian Baron

»Mein Vater war zu arm«

Man trägt seine soziale Herkunft immer in sich - ein Gespräch mit Christian Baron

Von Thomas Wagner

Als Sie Kind waren, gehörte körperliche Gewalt in Ihrer Familie zum Alltag. Obwohl es immer wieder krachte und offensichtlich gewesen sein muss, dass Kinder misshandelt werden, schritten die Nachbarn im Mietshaus nie ein.

In unserem Haus waren wir als Familie die Sonderlinge. Zum Proletarierstolz meines Vaters gehörte, immer dafür zu sorgen, dass seine Familie nicht in einem klassischen sozialen Brennpunkt lebt. Er zog es vor, an eine unverdächtige Adresse zu ziehen, wo wir eine höhere Miete zahlten und das Geld manchmal nicht mehr für den Strom reichte. Man grüßte sich und hielt Small Talk im Flur, aber wenn mal wieder die Polizei zu uns kam oder die Tür zum wiederholten Male eingetreten war, haben die Nachbarn weggesehen und weggehört. Ich glaube, dass das Thema häusliche Gewalt in den 90er Jahren noch viel stärker tabuisiert war, als es das heute ist. Hinzu kam die weit verbreitete Überzeugung, dass, wer arm ist, dafür selbst die Verantwortung trägt und sich doch an die entsprechenden Behörden wenden sollte, um seine Situation zu verbessern.

Die ihnen zustehende Sozialhilfe wollten Ihre Eltern auf gar keinen Fall in Anspruch nehmen?

Richtig. Zur Not wurde am Essen gespart. Wir haben uns in unserer Scham eingebunkert und die Nachbarn wollten über unsere Situation nicht so viel wissen. Beide Seiten taten so, als gäbe es die Probleme gar nicht.

Wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass es so, wie es bei Ihnen zu Hause zugeht, nicht der Regelfall ist?

Das hatte bei mir zunächst überhaupt nichts mit der Gewalterfahrung zu tun und geschah relativ spät. Ich besuchte keinen Kindergarten, und als ich in der Schule war, hat es noch mal etwa zwei Jahre gedauert. Damals fingen die anderen Kinder an, über ihre Leseerfahrungen zu berichten: »Am Samstag kam das Sams zurück« von Paul Maar oder »Pünktchen und Anton« und »Das doppelte Lottchen« von Erich Kästner. Diese Geschichten kannte ich nicht aus Büchern, sondern aus dem Fernsehen. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich irgendwie anders bin. Ich habe in dieser Zeit alles über das Fernsehprogramm gewusst, aber keine Bücher gelesen. Als wir »Eine Woche voller Samstage« in der Schule dann nicht als Film oder Zeichentrickserie angeschaut haben, sondern den Text zum Lesen verteilt bekamen, war das der Einbruch einer Normalität, die für mich außergewöhnlich war.

Bald wunderte ich mich, dass die Kinder von ihren Urlauben mit den Eltern berichteten. Das kannte ich auch nur aus dem Fernsehen. Als sie erzählten, dass sie ins Kino gingen, bin ich mit sieben, acht Jahren aus allen Wolken gefallen. Ich hatte nicht gewusst, dass man dort als normaler Mensch hingehen konnte. Damals ist es mir über Wochen und Monate allmählich bewusst geworden, dass es meiner Familie in materieller Hinsicht schlechter ging als anderen.

Später gelang Ihnen das, was man den sozialen Aufstieg nennt. In den autobiografischen Geschichten, die französische Autoren wie Didier Eribon, Annie Ernaux oder Eduard Louis erzählen, distanzieren sich die Protagonisten zum Teil sehr stark von ihrem Herkunftsmilieu. Bei Ihnen ist das weniger der Fall.

Ich bin stolz darauf, diese Herkunft zu haben und den Kontakt zu diesen Menschen aus meiner Familie nicht verloren zu haben. Ich bin alle zwei Monate in Kaiserslautern und das auch sehr gerne. Dieser Stolz ist mir von meinem Vater vererbt worden. Einmal, da war ich acht Jahre alt, habe ich mich für eine Faschingsfeier an der Schule als ältere Frau verkleidet, mit einem Hütchen, einem Täschchen und einem altmodischen Kleidchen. Ich dachte, dass ich hinterher von meiner Mutter abgeholt werden würde. Als ich stattdessen meinen Vater sah, dachte ich: »Heute Abend hat mein Arsch Kirmes.«

Also Prügel?

Ja. Er kam zu mir, verzog keine Miene, beugte sich zu mir hinab und sagte: »Hallo, junges Mädchen. Haben Sie meinen Sohn gesehen? Den suche ich.« Wir gingen dann gemeinsam weg und ich fragte ihn: »Sag mal Papa, hältst du mich jetzt nicht für eine Schwuchtel?« Ich hatte den Ausdruck häufig von ihm gehört. Daraufhin sagte er: »Junge, eines musst du dir merken: Verliere niemals deinen Stolz. Solange das so ist, kannst du sein, wie du willst. Wenn du deinen Stolz verlierst, bin ich wirklich enttäuscht von dir.« Das hallt bis heute in mir nach.

Es gibt in Ihrem Buch neben der gerade geschilderten Szene noch weitere, wo eine große Intimität zwischen Vater und Sohn zu spüren ist. Ich habe es daher - trotz all der von Ihnen an anderen Stellen geschilderten brutalen väterlichen Gewalt - als eine Liebeserklärung an den Vater gelesen.

Das kann ich nachvollziehen, weil ich versucht habe, diesem Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aus der Perspektive des Sohns, der gerade dabei ist, seinen Frieden mit diesem Menschen zu machen, konnte das nur eine Liebeserklärung werden. Ich kann mit meinem Vater nicht mehr reden, weil er bereits seit 17 Jahren tot ist. Aber ich versuche zu verstehen, warum er so geworden ist, wie er gewesen ist, ohne die negativen Seiten zu verschweigen.

Was hat dafür den Anstoß gegeben?

Mein Bruder, der nicht studiert und nicht so viele komplizierte Bücher gelesen hat wie ich, hat mir irgendwann gesagt: »Mach dir mal klar, dass unser Vater so geworden ist, wie er werden musste. Guck dir mal an, wie er aufgewachsen ist. Das macht doch was mit einem. Ein bisschen differenzierter musst du das schon sehen.« Für mich, der ich meinen Marx und meinen Bourdieu gelesen hatte und der zu wissen glaubte, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, brauchte es dieses Gespräch mit dem lebensklugen Bruder.

Was haben Sie über Ihren Vater herausgefunden?

Neben den falschen Lebensentscheidungen, die er getroffen hat, neben dem einen oder anderen Charakterfehler, den er sicher auch hatte, ist mir eines klar geworden: Obwohl er immer hart gearbeitet hat, konnte der Mann als Möbelpacker nicht genug Geld verdienen, um seine Familie zu ernähren. Er hat sich selbst als Proletarier gesehen, aber er war zu arm, um dem klassischen Rollenmodell des männlichen Versorgers zu entsprechen, mit dem er aufgewachsen war.

Er konnte seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden?

Das ging absolut nicht. Er machte die Erfahrung der Deklassierung. Daher rührte seine große Frustration.

... die in Alkoholexzessen und Gewaltausbrüchen zum Ausdruck kam.

Genau. Es ist nicht zu entschuldigen, dass er geprügelt und sich gegenüber seinen Kindern oft als ganz schlechter Vater verhalten hat. Er hat, als wir nicht mehr bei ihm, sondern bei unserer Tante wohnten, jede Gelegenheit verstreichen lassen, wieder in Kontakt mit uns zu treten. Das ist etwas, was ich ihm immer nachtragen werde. Aber das ändert nichts daran, dass ich heute aus Überzeugung sagen kann: »Ich habe dich lieb.« Das war damals nicht so. Ich habe ihm den Abschied auf dem Sterbebett verweigert, was mein Bruder nicht getan hat. Heute habe ich ein viel besseres Verhältnis zu meinem Vater als zu seinen Lebzeiten. Traurig ist, dass er das nicht mehr erleben kann.

Der Großvater väterlicherseits kommt in Ihrem Buch als eine Figur vor, die den Vater an Brutalität noch übertrifft.

Für mich als Kind verkörperte dieser Mann das reine Böse. Immer, wenn er bei uns zu Hause auftauchte, war Gewalt angesagt. Einmal hat er versucht, meine Tante aus dem Fenster zu schmeißen. Da hat mein Vater eingegriffen und ihm gesagt: »Ich möchte mit dir nichts mehr zu tun haben, du Arschloch.« Mein Vater ist mit diesem Mann aufgewachsen, der ihn und seine zwei Brüder allein großzog, nachdem die Mutter das Haus früh verlassen hatte. Der Großvater war auch Möbelpacker und hat seine Kinder ziemlich vernachlässigt. Er war auch alkoholkrank. Womöglich ist der Umstand, dass er den exzessiven Umgang mit Alkohol von frühester Jugend an als Normalität erlebt hat, ein Grund dafür, dass sich mein Vater als Alkoholkranker später keine Hilfe gesucht hat. Die letzte Ursache für das Verhalten meines Vaters sehe ich in den Klassenverhältnissen, in denen er aufgewachsen war. Das ist zwar kein Automatismus. Aber aus eigener Kraft kommt man aus diesem Kreislauf nicht heraus.

Wie ist es Ihnen gelungen?

Mein Vater hatte keinen Lehrer und keine Lehrerin, keine Mitarbeiter des Jugendamtes, die ihre Ermessensspielräume in diesem klassenstarren Bildungssystem zu seinen Gunsten ausgeschöpft hätten. Meine Geschwister und ich hatten das Glück, an den richtigen Stellen in unserem Leben auf Leute zu treffen, die uns geholfen haben. Ich habe mich als sozialer Aufsteiger immer darum bemüht, in der Schicht der Akademiker anzukommen, wusste aber auch immer, dass ich dort nie ganz ankommen würde.

Warum nicht?

Wir tragen unsere Herkunft, unsere soziale Klasse immer mit uns. Mein Versuch bestand darin, »oben« anzukommen, ohne meine Herkunft zu verraten.

Als ich Kaiserslautern verließ, um zu studieren, warfen meine Geschwister und meine Tante mir bald Sprüche entgegen wie: »Du hältst dich ja nur für etwas Besseres. Du bist jetzt in der großen Stadt und glaubst, uns Ratschläge geben zu können.« Wenn ich mit neuen Bekannten und Freunden unterwegs war, kam es vor, dass diese sich über mich lustig machten, wenn ich bei Telefonaten mit meiner Familie im pfälzischen Dialekt redete. Das war verletzend. Als ich einmal erzählte, dass ich mich freue, zum zweiten Mal Onkel zu werden, wurde ich gefragt: »Wie heißt denn die Tochter deiner Schwester?« Ich nannte den Namen, der einer englischsprachigen Popsängerin entlehnt war, und auch da ging das Gelächter los. Als ich danach total konsterniert war, fragte mich derjenige, der am lautesten gelacht hatte: »Was ist denn los? Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Und wie ist es heute?

Ich befinde mich immer noch in einer Sandwich-Position. Zwei Seiten zerren an mir, und ich in der Mitte versuche, beiden gerecht zu werden, was mir in Gänze nie gelingen kann. Als meine Geschwister früh Kinder bekamen, legte ich eine gewisse Arroganz an den Tag. Ich war Mitte zwanzig, saß auf WG-Partys herum und hatte ein bisschen den Bezug verloren zu den Notwendigkeiten, denen das Leben meiner Familie unterworfen ist. Mir darüber klar zu werden, war wahnsinnig schwer, weil ich meinen neuen linken Freunden kaum begreiflich machen konnte, warum ich darunter so leide. Die hatten schon immer ein ganz anderes Leben geführt, waren in Akademiker-Häusern voller Bücher aufgewachsen und hatten dort einen spielerischen Umgang mit Bildungsgütern gelernt.

Die waren doch sicher darum bemüht, Ihnen vorurteilsfrei zu begegnen.

Ich hatte in meinem Umfeld mit Menschen zu tun, die sich für politisch wahnsinnig reflektiert halten und nicht glauben, von oben herab auf irgendwen zu gucken. Linke, die sehen, wie Menschen in Sendungen auf RTL2 verächtlich gemacht werden, neigen nicht selten dazu, von sich genau das Gegenteil anzunehmen. Was natürlich auch wiederum nicht stimmt.

Mein Konflikt bestand darin, meine Familie immer gegen alle Vorwürfe zu verteidigen und einerseits zu sagen: Die bestehende Klassengesellschaft und das Hartz-IV-System sind der Grund dafür, dass sie in Armut leben. Anderseits sah ich manche Entscheidung, die sie in Hinsicht auf Berufswahl oder Familiengründung trafen, als Student sehr kritisch. In den Augen meiner Familienangehörigen war ich dann der Arrogante, der sie belehrt. Und meine linken Freunde warfen mir vor, von oben herab auf die eigenen Leute zu schauen.

Wie stand Ihr Vater, der sich als Proletarier sah, zu linken Parteien oder Gewerkschaften?

Seine Ansichten, die er meist schlaglichtartig und zuweilen wirr geäußert hat, hatten eine rassistische Schlagseite oder entsprachen dem, was man heute von ideologisch nicht gefestigten AfD-Wählern kennt. Er sagte oft: »Für die Asylanten ist Geld da, für uns nicht.« Und: »Die da oben machen doch nur, was sie wollen.« Politisch war er eher apathisch. Er ging nicht wählen.

Heute sieht die AfD im großen Nichtwähler-Reservoir ein aussichtsreiches Mobilisierungsfeld.

Das können sie tun, weil die linken Parteien, die eigentlich die Interessen dieser Menschen vertreten müssten, das zunehmend unterlassen: von der SPD über die Grünen bis hin zur Linkspartei. Sie balgen sich alle um dasselbe linksliberal orientierte Klientel. Aber die Nichtwähler, denen man sich mit einem größeren Aufwand zuwenden müsste, vernachlässigen sie.

In der Linkspartei gibt es auch die Position, dass man eine bestimmte Klientel, bei der man rassistische Ansichten vermutet, als Wähler gar nicht will.

Niemand wird als Rassist geboren. Das müsste in den Parteien links der Mitte stärker diskutiert werden, anstatt sich von potenziellen Wählerinnen und Wählern selbstgerecht abzuheben.

Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse. Claassen, 282 S., geb., 20 €.

Buchvorstellung mit Irmtraut Gutschke und Christian Baron>>

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