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Hört uff zu quatschen und packt es an

Brandenburgs Linke wählte Anja Mayer und Katharina Slanina als Doppelspitze

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Das war knapp, kam aber nicht überraschend. Brandenburgs Linke machte Anja Mayer am Sonnabend erneut zur Landesvorsitzenden. Nach der schweren Niederlage bei der Landtagswahl im September 2019 erhielt Mayer bei einem Parteitag im Ahorn-Seehotel in Templin nur 61,7 Prozent der Stimmen. Es hätte aber schlimmer kommen können. Sie war mit dem ihrer Ansicht nach »ehrlichen Ergebnis« keineswegs unglücklich.

Neu in die Doppelspitze ist jetzt Katharina Slanina. Sie erhielt mit 85,2 Prozent deutlichen Zuspruch. Slanina zitierte ihre Mutter, die im Drei-Schicht-System an einer Tankstelle arbeitet und sagen würde: »Hört endlich uff zu quatschen und packt es an.« Ob die Delegierten Anja Mayer wählen oder durchfallen lassen, war bis zuletzt nicht hundertprozentig sicher. Isabelle Czok-Alm kam mit dieser Unklarheit, dieser bedrückenden Atmosphäre nicht zurecht. Sie wurde im Barnim gerade erst zur Kreisvorsitzenden und gestand: »Ich blicke in diesem Landesverband nicht durch.« Czok-Alm bat um eine Auseinandersetzung mit offenem Visier. »Legt die Karten auf den Tisch«, sagte sie.

»Solidarität innerhalb einer Partei bedeutet, dass man andere unterstützt, fair miteinander umgeht«, erklärte Anja Mayer in ihrer Bewerbungsrede. »Manche Bemerkung ging unter die Gürtellinie«, beklagte sie.

Die scheidende Landesvorsitzende Diana Golze hatte sich in ihrer Abschiedsrede am Morgen ein klares Votum für den neuen Landesvorstand gewünscht. Es habe »nicht die eine Ursache«, sondern verschiedene Gründe dafür gegeben, dass die Linke von 18,6 auf 10,7 Prozent absackte, sagte Golze. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) weiß genau, wie man sich nach einem solchen Desaster fühlt. Er war Landesvorsitzender in der Hauptstadt, als die Sozialisten bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 von 22,6 Prozent auf 13,4 abrutschten und 2011 noch einmal 4,6 Prozent verloren. Die rot-rote Koalition war damit Geschichte, so wie es jetzt auch in Brandenburg geschehen ist. Die Berliner Linke »schaute in den Abgrund«, sagte Lederer. Doch sie meldete sich nach nur fünf Jahren eindrucksvoll zurück und erzielte mit Lederer als Spitzenkandidat im Jahr 2016 immerhin wieder 15,6 Prozent. Lederers Hinweis darauf war ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass eine Ablösung von Anja Mayer nicht notwendig sei. Wie es die Genossen in Brandenburg jetzt richtig machen sollen, wollte Lederer aber nicht erzählen, damit es nicht wie die in Brandenburg unbeliebte »Berliner Klugscheißerei« wirke. Die Situation damals in der Metropole und heute auf dem platten Lande sei auch schlecht vergleichbar, erläuterte der Kultursenator, der lässig in Jeans und Trainingsjacke auftrat. 2011 seien klassische grünen Anliegen noch nicht in den Mainstream vorgedrungen, die AfD habe es noch nicht gegeben.

Aber ein paar allgemeine Tipps konnte Lederer geben: »In sich gehen, Demut zeigen.« Das sei hart gewesen. Ein Jahr habe die Linke in Berlin benötigt, um ihre Niederlage von 2011 zu verdauen und nach vorn zu schauen. Die Erfolgsrezepte, die Lederer präsentierte, passen jedoch nicht für Brandenburg. Stadtspaziergänge flächendeckend anzubieten, dafür müsste der Landesverband mehr jüngere Mitglieder haben. Gerd Bzdak mahnte beim Parteitag, sich vor dem Drucken von Werbezeitungen zu überlegen, wer sie verteilen soll. Die Zeit, dass er und andere alte Genossen von Briefkasten zu Briefkasten laufen konnten, sei definitiv vorbei. Bzdak ist 47 Jahre Parteimitglied und wollte schon hinwerfen, als es so aussah, als werde die Linke nach ihrer Wahlschlappe in einer rot-rot-grünen Koalition erneut mitregieren, woraus aber nichts wurde. Die Partei sei »ohne Visionen, ohne Ideale«, dem »Kleinbürgertum« ein Stück näher gekommen, bedauerte Bzdak. Er versteht nicht, warum sich die Linke bei der SPD anbiederte, da diese das kapitalistische System stabilisiere, statt es zu überwinden.

Zum Umgang mit den Beschäftigten beim Verkauf der Handelkette Real sagte Martin Günther: »Das ist alles möglich in diesem scheiß Kapitalismus.« Günther wurde am Sonnabend mit 74,8 Prozent zum neuen Vizelandesvorsitzenden gekürt. Neben ihm bleibt die Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann (89 Prozent) Vizevorsitzende. Sie wollte eigentlich Platz für Jüngere machen, stellte sich aber noch einmal zur Verfügung, weil sonst keine Frau für diesen Posten kandidierte.

Zur Sprache kam in der Debatte auch der innerparteiliche Umgang miteinander. »Es muss Schluss sein mit Flügelkämpfen«, verlangte Bernd Lachmann. Er rügte Angriffe auf die Politikerin Sahra Wagenknecht und mangelnde Unterstützung für die Sammlungsbewegung »Aufstehen«, in der sich Lachmann engagiert. Er forderte alle Kandidaten für den Vorstand auf, sich hier zu positionieren, weil er davon anhängig machen wollte, wem er seine Stimme gibt.

Als die Sozialisten in Mecklenburg-Vorpommern 2006 aus einer rot-roten Koalition herausflogen, glaubte die Partei an ein Comeback fünf Jahre später, schaffte es allerdings bis heute nicht, wie Mecklenburg-Vorpommerns Linke-Chefin Wenke Brüdgam in Templin erzählte.

Der bisherige Schatzmeister Ronny Kretschmer mahnte, der Landesverband Brandenburg müsse in den kommenden Jahren 900 000 Euro Rücklagen aufbauen, um den Landtagswahlkampf 2024 bezahlen zu können. Aus eigener Kraft sei das nicht mehr zu schaffen. Man benötige die Hilfe der Bundespartei. Zu Kretschmers Nachfolger wurde Mario Dannenberg (62,2 Prozent) gewählt. Landesgeschäftsführer bleibt Stefan Wollenberg (72,4 Prozent).

Am Sonntag sprach die Bundesvorsitzende Katja Kipping erst beim Parteitag und anschließend bei einem in Templin organisierten Gedenken an die Opfer des rassistischen Mordanschlags in Hanau. Der Parteitag unterbrach seine Sitzung, damit die Delegierten an der Kundgebung teilnehmen konnten. Seite 9

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