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Kaum Touchy-Feely-Momente

»Wettbewerb«: Das Filmdrama »Never Rarely Sometimes Always«

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 3 Min.

Die 17-jährige Autumn Callahan muss nach einem Test erfahren, dass sie schwanger ist. Es handelt sich um eine ungewollte Schwangerschaft. Sie geht nach Hause und sterilisiert mittels Feuer eine Nadel. Und sticht sich ein Nasenpiercing. Sie lebt im ländlichen Pennsylvania. In der Praxis, in der sie den Schwangerschaftstest gemacht hat, kommt eine Abtreibung nicht infrage. Dort zeigt man ihr vielmehr ein plakatives Propagandavideo: »Die harte Wahrheit über die Abtreibung«.

Autumn stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sie führt ein bescheidenes Leben, das nur aus Schule und der Arbeit an der Kasse eines Supermarkts besteht. Ihre Mutter ist kaum für sie da, und deren Partner nervt Autumn, ekelt sie sogar an. Nur ihrer Cousine Skylar, die im selben Supermarkt arbeitet, vertraut sie sich irgendwann an und teilt ihr mit, dass sie schwanger ist. Skylar klaut etwas Geld aus der Kasse und fährt mit Autumn mit dem Bus nach New York City in eine Abtreibungsklinik.

»Never Rarely Sometimes Always«, ein gesellschaftskritisches Filmdrama der US-amerikanischen Regisseurin Eliza Hittman, hat einen langsamen Erzählrhythmus. Hittman arbeitet viel mit Nahaufnahmen von Gesichtern und Körperteilen, wenig mit Dialog und Musik.

Die Handlung spielt in den heutigen USA. Eine Trump-Puppe sitzt in der Vitrine eines Ladens zwischen anderen Spielfiguren. Abtreibungsgegnerinnen und -gegner demonstrieren, »Heilige Maria, Mutter Gottes!« rufend, vor der Klinik.

Die Regisseurin charakterisiert ihre Protagonistinnen jenseits des Klischees, das oft vom Teenager-Dasein in den USA gezeichnet wird: Autumn (Sidney Flanigan) und Skylar (Talia Ryder), schlichtes Aussehen, sparsam mit Wörtern, drücken nicht übermäßig viel Gefühl aus, wechseln nur kurze Sätze, lassen einander in Ruhe. Es wird auch während des ganzen Wegs nach New York kein Klatsch ausgetauscht oder über Jungs gequatscht. Wenn etwas schiefläuft, wird nicht überreagiert, nicht geweint, es gibt kaum Touchy-Feely-Momente, es wird praktisch gehandelt. Wie oft hat man solch eine Mädchenwelt auf der Leinwand oder im Fernsehen gesehen?

Und genauso wie ihre beiden weiblichen Hauptcharaktere ist Hittmans feministisches Kino klischeefrei. Es funktioniert nicht durch lauten Aufschrei, sondern zeigt das Problem unaufgeregt, unkommentiert und in Nahaufnahme, sodass man/Mann nicht sofort wieder wegschauen kann mit der Ausrede: »Aaach, schon wieder diese Frauenthemen, schon wieder Me-Too-Debatte!«

Gerade MeToo ist ein starker Aspekt in Hittmans Drama: Ständig erleben Autumn und Skylar alltägliche Belästigungen durch Männer, seien es Exhibitionisten nachts in der U-Bahn, seien es Jungs, die ihnen einfach »Schlampe!« zurufen, oder sei es der Supermarkt-Vorgesetzte, der jedes Mal bei der Kassenübergabe ungefragt ihre Hände küsst. All dies ist für die beiden Frauen »normal« geworden. Sie zeigen in solchen Momenten bloß den Mittelfinger und gehen weg.

Übrigens: Um den Schwangerschaftsabbruch hinter sich zu bringen, muss Autumn zuerst einige Multiple-Choice-Fragen einer Klinikmitarbeiterin beantworten. Darunter auch schwierige, intime Fragen: »Erfahren Sie sexuelle Gewalt?« Die Antwortmöglichkeiten lauten: never, rarely, sometimes, always (nie, selten, manchmal, immer).

»Never Rarely Sometimes Always«: 28.2., 19 Uhr, Friedrichstadtpalast; 1.3., 19.30 Uhr, Friedrichstadtpalast

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