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Von Waschbären und Renditegeiern

Neue Bücher, vorgestellt vom nd-Team auf der Leipziger Buchmesse

Von Mario Pschera

Teenager sind nervtötend - unausgeschlafen, maulfaul, übergeschnappt, beratungsresistent. Fibi und Aram kommen auf die Schnapsidee, einen im Internet gefundenen Trick in der Autowaschanlage, der einzigen Attraktion im mecklenburgischen Bräsenfeld, auszuprobieren: Kräutermischung schlucken und durch die arbeitende Waschanlage laufen. »Die Verwandelten«: Aus den halbniedlichen Teenagern werden in einer Nichtsekunde zwei niedliche Waschbären, und die Eltern haben gar nichts mehr zu lachen, denn jetzt benehmen sie sich auch noch wie sprechende Waschbären. Total peinlich. Aram kann sein Vorspiel bei der HSV-Jugend vergessen, und Fibi wird keine Apfelkönigin. Die Medizin ist ratlos, also wird ein pensionierter Juraprofessor engagiert. Mit niederschmetterndem Ergebnis: Der Internettyp ist ein schmieriger Provinzkomiker aus dem Westen und der Rückverwandlungstrick noch nicht erfunden. Dafür wird die Presse aufmerksam, und es entwickelt sich ein Rummel, der Fibi zum Medienstar, die Eltern reich und Bräsenfeld zum Nabel der Welt machen soll: die Fibi-Seifenoper, die Fibi-Talkshow, das Fibi-Festival. Fibi dreht auf und schafft es als Popstar bis nach London, während Aram sich immer mehr zurückzieht. Am Ende wird nichts gut. Thomas Brussig hat sich bereits mit einigen Erfolgsromanen, unter anderem der »Sonnenallee«, dem deutsch-deutschen Beziehungswirrwarr gewidmet, diesmal nimmt er die Mechanismen des Privatfernsehens auf die Schippe. Bissig und mit einem aufklärerischen Impetus. (12.3. am nd-Stand)

Mein vorletzter Vermieter war ein frommer CDU-Abgeordneter mit Miethai-Hintergrund, der erst freundliche Angebote machte, dann die Bauarbeiter schickte und schließlich verklagt werden musste. Deshalb kann ich mit Fug und Recht sagen: Alles, was in Synke Köhlers Roman »Die Entmieteten« steht, ist wahr. Es besteht Abrissbedarf, natürlich, doch Dieter Sonntag organisiert den Mieterwiderstand. Ab jetzt wird zurückgegiftet. Und für Grozki, den gut abgehangenen Rockmusiker, wird der Kampf gegen die Spekulanten zur Bühne seines Lebens. Synke Köhler schreibt flott, aber nicht oberflächlich über Menschen, die ihre Heimat und ihr bisheriges Leben an eine gut geschmierte Maschinerie aus Profitmachern, Politikern und Bürokraten zu verlieren drohen. Sie schreibt über Angst, Verzweiflung und die institutionalisierte Bösartigkeit, die sich hinter juristischen Begriffen versteckt. Köhler ist es gelungen, einen handfesten Roman zu verfassen, der zwar nicht den Eintritt in den Mieterverein erspart, aber die Mechanismen der Verdrängung offenlegt. Wer nach der Lektüre noch gegen den Mietendeckel ist, steht auf der anderen Seite der Barrikade. (13.3. am nd-Stand)

Wer gelegentlich eine sogenannte Talkshow sieht, sich dabei gruselt und mit etwas Wehmut an die »Zur Person«-Reihe von Günter Gaus denkt (die Jüngeren mögen einen Blick auf Youtube werfen), wird wissen, dass ein öffentliches Gespräch mehr offenbaren kann als die Schuhgröße prominenter Zeitgenossen. Paul Werner Wagner ist auch so ein mit allen Bildungswassern gewaschener Fragensteller, der sich seit 40 Jahren Leute einlädt: »Lebens Traum und Lebens Lauf. Zeitgenossen aus Ost und West im Gespräch« versammelt nur zwölf Gespräche (die Nummer 13 führt Hans-Dieter Schütt mit Wagner), unter anderem mit dem Historiker Karl Schlögel, Egon Bahr, Antje Vollmer, Carmen-Maja Antoni, die immer der einen Frage folgen: Wie ist der Mensch zu dem geworden, was er ist? Die Antwort implementiert persönliche wie Zeitgeschichte und verhindert fast zwangsläufig das Denken in Stanzen und in ideologischen Rastern, als Geschichtsbilder verkleidet. Paul Werner Wagner wollte eigentlich Lyriker werden, als Interviewer hat er sich den Blick auf das Feine, Leise, Pointierte bewahrt. Das ist in diesem geschwätzigen Metier Gold wert. (13.3. am nd-Stand)

Es gab schon gewisse Politiker, die sich auf die Gnade der späten Geburt beriefen, um eine, vorsichtig formuliert, Indifferenz zum Nationalsozialismus auszudrücken. Auf diese Gnade kann und will sich Niklas Frank nicht berufen; sein Vater Hans war der »Schlächter von Polen«, der schließlich in Nürnberg gehängt worden ist. Der mittlerweile 81-jährige setzt sich seit Jahren mit seiner Familiengeschichte auseinander und für eine Aufarbeitung der Nazi-Mentalität ein. Im September 2019 schrieb er einen viel beachteten Artikel für den »Spiegel«, in dem er die AfD-Rhetorik auseinandernahm. »Auf in die Diktatur! Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Politik. Ein Wutanfall« ist die erweiterte Fassung. Frank lässt sich nicht beschwichtigen mit dem Herumgeeiere um »Tabubrüche« und »Provokationen« dieser sich bürgerlich nennenden Partei, er legt ihren menschen- und demokratiefeindlichen Kern offen. (14.3. am nd-Stand)

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