Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Das Märchen vom grünen Kapitalismus

Die Massenproduktion von Tesla-Autos wird die Klimakrise nicht verhindern können, meint Tadzio Müller

  • Von Tadzio Müller
  • Lesedauer: 3 Min.

Haben Sie auch Angst vor all den fundamentalen Veränderungen, die die Klimakrise bringen wird, aber mindestens genauso viel Angst vor all den Veränderungen, die notwendig wären, um unsere Produktions- und Lebensweise klimagerecht zu gestalten? Sorgen Sie sich um Ihre Zukunft, die Ihre Kinder und Kindeskinder, wollen aber gleichzeitig die wacklige Stabilität der imperialen Lebensweise im globalen Norden nicht aufs Spiel setzen - wo kämen wir denn da hin? Gehören Sie zu denen, die wollen, dass sich alles verändert, aber gleichzeitig alles so bleibt, wie es ist?

Dann hab ich genau das Richtige für Sie, nämlich das alle paar Jahre wiederkehrende Märchen vom grünen Kapitalismus. Das geht ungefähr so: Es war einmal der graubraune Kapitalismus, der zwar wahnsinnig produktiv und innovativ war, aber doch ziemlich viel an Natur kaputt gemacht hat und uns alsbald an den Abgrund der globalen Katastrophe gebracht hatte. Daraufhin überkam die Mächtigen der Welt, die Staatenlenker*innen und Unternehmenschefs, die Einsicht, dass die Produktionsweise begrünt werden müsste. Und presto entstand ein neuer, geläuterter und vollumfänglich »grüner Kapitalismus«. In so einem wäre die erweiterte Akkumulation des Kapitals wahrlich »entkoppelt« von der Zerstörung der Umwelt und unendlich wachsender Reichtum (für die schon Wohlhabenden natürlich) auf einem endlichen Planeten möglich.

Aber wie, fragen Sie jetzt vielleicht, würde so etwas Unmögliches wie unendlich wachsender Reichtum auf einem endlichen Planeten möglich werden? Vergessen Sie nicht, wir sind in einem Märchen. Die Antwort lautet also: mit Magie. Alle paar Jahre wieder taucht eine magische Erzählung oder gar Technologie auf, die die Mitte der Gesellschaft glauben macht, dass alles gut wird, ohne dass sich alles ändert. Ob Emissionshandel oder die angebliche »Brückentechnologie« fossiles Gas (klug geframed als »Erdgas«), ob »green economy« oder »blue carbon« - immer wieder wird eine neue illusionäre Sau durchs Dorf getrieben, um die sich immer wieder die gleichen Koalitionen von Wirtschaft, Gewerkschaften und moderaten Umwelt-NGOs zusammenschieben und verkünden, dass alle, denen das Klima wichtig ist, sich hinter diese grünkapitalistische Projekte stellen müssten. Alles andere wäre unrealistischer Obskurantismus (sprich: inakzeptabler Antikapitalismus).

Die derzeitige Neuauflage dieser Erzählung dreht sich hierzulande um die Tesla »Gigafactory« im brandenburgischen Grünheide. Zur Erinnerung: Ein höchst gewerkschafts- und ÖPNV-feindlicher Tech-Konzern verspricht, pro Jahr 500 000 E-Autos herzustellen. Während es lokalen Widerstand gibt, der von Teilen der radikalen Klimabewegung unterstützt wird (gegen die Übernahmeversuche von rechts), hat sich eine spannende Koalition zusammengeschoben, in der von Tesla-Chef Elon Musk zu FDP-Chef Christian Lindner, von Bundeswirtschaftssystem Peter Altmaier (CDU) zu Energiewendeforscher Volker Quaschning behauptet wird, nur die jährliche Massenproduktion einer halben Million ressourcenfressender Stadtpanzer könne das Klima retten.

Alle paar Jahre wieder, so scheint es, muss der Mainstream dessen, was früher Umwelt- und heute eher Klimabewegung genannt wird, daran erinnert werden, dass der kapitalistischen Produktionsweise eine Dynamik innewohnt, die einen grünen oder auch nur begrünten Kapitalismus unmöglich macht: Einerseits ist da dieser dumme Wachstumszwang, dessen Irrationalität gut zusammengefasst ist in der Aussage, dass es auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben kann. Andererseits gibt es im Kapitalismus über private Akkumulation keine Kontrolle, was im Angesicht globaler Umweltkrisen bedeutet, dass es keinen institutionellen Ort geben kann, an dem global-solidarische Entscheidungen über die verbleibenden Ressourcen getroffen werden können.

Das bedeutet nicht, dass es dem Klima nicht gut täte, wenn die kriminelle deutsche Autoindustrie unter massiven Druck gesetzt und zu klimagerechten Veränderungen gezwungen würde. Aber glauben Sie bitte nicht das Märchen, dass wir uns aus einer Krise herausproduzieren können, die im Kern dadurch verursacht wurde, dass im Rahmen einer hyperaktiven Produktionsweise seit bald 250 Jahren viel zu viel produziert wird.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln