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Berlinale

Neben dem roten Teppich

An diesem Samstag werden auf der Berlinale die Preise vergeben. Zehn Tage im Paralleluniversum gehen für Cineasten zu Ende. Zwei von ihnen hatten eine spezielle Mission.

Von Celestine Hassenfratz

Morgens um 5.45 Uhr klingelt der Wecker. Erste Lage Kleidung, Skiunterwäsche, Thermosocken, Mikrofaser-Halstuch, warmer Pullover, Outdoorjacke, wasserabweisend. Nicht gerade das Outfit, das man auf dem roten Teppich erwartet. Aber da wollen sie auch gar nicht hin, sondern neben den Teppich. Josefine Schmidt und Jessica Kellershofen müssen gleich los, sie wollen heute pünktlich sein. Pünktlich bedeutet, um sieben Uhr hinter dem Eisengitter am Fanbereich der Berlinale zu stehen. Heute ist ein großer Tag, Hillary Clinton wird kommen und ihre Dokuserie vorstellen, und wenn es heute ein guter Tag für Schmidt und Kellershofen ist, wird sie in wenigen Stunden einen Stift in die Hand nehmen und das unterschreiben, das Kellershofen gerade in eine längliche schwarze Transportbox packt. 70 Zentimeter auf einen Meter, ein Bild, das eine jahrelange Vorgeschichte hat.

Seit acht Jahren fahren die beiden Frauen von Köln in die Hauptstadt zur Berlinale. Nicht etwa, um möglichst viele Filme zu schauen, sondern um die zu treffen, die die Filme gemacht, oder in ihnen mitgespielt haben. Woher kommt ihre Leidenschaft für so ein Hobby?

Die gebürtige Berlinerin Josefine Schmidt erinnert sich, dass sie bereits als junges Mädchen mit zwölf Jahren damit angefangen hat, Autogrammkarten von deutschen Stars wie Anke Engelke oder Ingolf Lück bei der Goldenen Kamera zu sammeln. Dann kam das Studium, das Leben, das dazugehört, und die Sammelleidenschaft hatte eine Weile Pause. Als die beiden vor zehn Jahren ein Paar wurden, haben sie die gemeinsame Leidenschaft neu entdeckt. Dann kam Kellershofens Kunst dazu. Die Kölner Soziologin malt abstrakte Bilder und fotografiert. In ihrer Kunst setzt sie sich mit der Repräsentation von Frauenfiguren auseinander. Irgendwann kam ihr die Idee, ein Porträt von Meryl Streep am Computer zu bearbeiten und dann als Spraybild auszuschneiden und auf Leinwand zu bringen. So entstand die Idee, Sammelleidenschaft, Kunst und Film zusammenzubringen, und die Reisen der beiden auf die Filmfestivals Europas begannen. Seitdem sind unzählige Werke dazugekommen, an die 100 signierte Bilder stehen mittlerweile im Atelier der Künstlerin. Zu zwei Ausstellungen wurde sie mit ihrer ungewöhnlichen Kunst bereits eingeladen, zuletzt zu den Filmnächten in Chemnitz, wo sie auf viel Erstaunen gestoßen ist. »Die Leute denken oft, es ist einfach ein gedrucktes Bild. Wenn ich dann erzähle, wie der Prozess dahinter ist, dass es bis zu zwölf Stunden dauert, das Bild mit dem Skalpell auszuschneiden und auf Leinwand zu bringen, und welche Auseinandersetzung mit der Porträtierten dahintersteckt, sind die Leute oft erstaunt und beeindruckt«, erzählt Kellershofen.

7 Uhr, Ankunft am roten Teppich, der heute kein roter Teppich ist, sondern der betongepflasterte Seiteneingang des Grand- Hyatt-Hotels, durch den Hillary Clinton heute - wenn alles nach Plan läuft - zur Pressekonferenz um 11.30 Uhr gehen wird. Bisher ist kaum jemand da, die beiden Frauen richten sich auf ihrem Platz ein. Das Warten beginnt.

2012 waren sie auf ihrer ersten Berlinale, seitdem haben sie alles Mögliche erlebt. Große Momente, blaue Flecken und einmal fast Rippenbrüche. Das Klima am roten Teppich ist hart. Denn neben den »normalen Fans« und Autogrammsammlern gibt es professionelle Verkäufer, für die die wenigen Sekunden der Zusammenkunft zwischen Star und Mensch bares Geld sind. Zwischen 50 und 1000 Euro bekommen die Verkäufer für ein signiertes Bild bei Ebay und die Konkurrenz ist groß. Erkennen kann man die Verkäufer an den blauen Sharpees, besondere Stifte, die sie dabeihaben, weiß Schmidt. Die blaue Unterschrift der Stars auf den Autogrammkarten ist deshalb so wichtig, weil sie auf den Hintergründen besser erkennbar ist und die Bilder damit gut zu verkaufen sind. Einmal hatten die beiden Schmidts Mutter dabei, die ihre Sammelleidenschaft teilt. Nachdem sie ihren Platz, auf dem die 61-jährige Frau zuvor stundenlang ausgeharrt hatte, verteidigte, drohte einer der Verkäufer, nachdem der Star abgerauscht war, ihr sogar körperliche Gewalt an, weil sie sein Geschäft versaut hätte. Fast wäre es zu einem Handgemenge gekommen, Schlimmeres wurde verhindert, erinnern sich die beiden. Kellershofen hat früher Eishockey in der Bundesliga gespielt, beide Frauen sind hochgewachsen, mittlerweile kennt man sich in der Szene, und mit den beiden legt sich so schnell keiner an.

Auch dieses Jahr war es am Eröffnungsabend wieder extrem. Johnny Depp sollte kommen. Alle waren da, die Ebay-Verkäufer mit den blauen Sharpees, die kreischenden Fans, die Sammler, Schmidt und Kellershofen. Wieder drückte die Masse von hinten gegen das Gitter, Kellershofen dachte, ihr wird gerade der Ellenbogen gebrochen. »Das sind schon so Momente, wo man sich die Sinnfrage stellt, warum man sich dem allem aussetzt«, sagt Kellershofen. Die Schmerzen sind inzwischen vergessen, heute wird Hillary kommen.

Die ersten Autos rollen an, biegen kurz vor der Absperrung doch noch links ab in die Tiefgarage. »Ich habe ein schlechtes Gefühl heute«, sagt Kellershofen. »Jetzt warte mal ab«, sagt Schmidt. Die nächsten Autos kommen, blaue Berlinale-Audis. Um 11.15 Uhr soll der Fotocall des Casts im Hyatt losgehen. Um 11.17 Uhr kommt das erste Auto. Die Regisseurin, Nanette Burstein und die Produzenten steigen aus. Jetzt sind sie plötzlich alle da. Die Fans, die Fotografen auf Leitern, die Verkäufer, die Sammler, Schmidt und Kellershofen. Kleiner Regenschauer, die Verkäufer packen die Karten in Klarsichtfolien, Bodyguards schieben den Cast nach drinnen.

Es ist bereits das vierte Mal, dass Kellershofen und Schmidt versuchen, eine Unterschrift von »Hilly« auf das Bild zu bekommen. Tausende Kilometer sind sie mit der gerollten Leinwand in der schwarzen Box gereist, um die Frau zu treffen, die die beiden als große Inspiration für Frauen generell verstehen. Dieser Adrenalinschub, wenn das Auto um die Ecke biegt, welches wird es sein, in welchem wird sie sitzen, wenn sich die Türen öffnen, sie herauskommt, das sind die Momente, da ist die Sinnfrage kurz beantwortet, sagt Kellershofen. Diese paar Sekunden, mit demjenigen zusammen sein, wenn er dich erkennt, als Mensch, als Frau, ist ein Teil ihrer Faszination.

Dann passiert weitere zehn Minuten nichts. Alle Autos fahren vorbei. Dann kommen drei schwarze Kastenwagen. Bullige Männer des Secret Service steigen aus, und dann ist sie da. Steigt elegant aus dem ersten Kastenwagen in ihrem schwarz-weiß-karierten Kostüm, richtet den Blick auf Kellershofen und Schmidt, geht energischen Schrittes den beiden entgegen. »I gotta go sign this«, ruft sie und lässt sich einen schwarzen Edding von Schmidt reichen. Hände, die ineinandergreifen, von hinten bohren sich Ellbogen in Rücken, das Blau für Ebay wird von links reingereicht, eine ausgedruckte Fotografie von rechts, ein Notizbuch, ein Buch, noch mehr Stifte, noch mehr Hände. »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«. Und dann ist er vorbei, der kurze Moment des Erkennens. Mrs Clinton verschwindet.

Dagelassen hat sie ihre Unterschrift. 70 Zentimeter auf einem Meter, die Spraykunst ist signiert. Die Künstlerin atmet auf. Die Verkäufer packen die Sharpees weg. Die Fotografen klappen die Leitern zusammen. Schmidt muss direkt weiter, der nächste Star wartet. Drinnen im Hyatt beginnt die Pressekonferenz. Die Journalisten stehen da, aufgereiht, die Kameras parat, auf Stühlen, lauernd und warten. Und dann kommt sie, das Spiel beginnt erneut. »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«, »Mrs Clinton«.

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